Erinnern Sie sich? Vor sechs Jahren stellte die Hohenzollerische Zeitung/SWP Julia Moj vor. Die Absolventin der Hechinger Alice-Salomon-Schule wollte für ein Jahr nach Bolivien gehen, um in einem Hilfsprojekt für „Marktkinder“ zu arbeiten. Es sind Kinder, die einen Großteil des Tages unbeaufsichtigt verbringen, weil ihre Eltern auf dem Markt arbeiten müssen. Die Mädchen und Jungen besuchen zwar die Schule, aber Förderung irgendeiner Art erhalten sie nicht. Sie verbringen ihre Tage auf der Straße.

Sie kehrte nie mehr ganz aus Bolivien zurück

Julia Moj flog im Oktober 2016 ab. Zurückgekehrt ist sie jedoch nie mehr, zumindest nicht ganz. Das Herz der Hechingerin, die inzwischen kurz vor Beendigung ihres Lehramtsstudiums steht, hängt an dem südamerikanischen Land. Jährlich reist sie für mehrere Monate dorthin zurück, um sich erneut in die Kinderbetreuung einzubringen.

Kein guter Start in Cochabamba

Dabei war der Start seinerzeit in Cochabamba nicht gut, der Stil der Hilfseinrichtung für die Kinder behagte der 19-Jährigen nicht. Zwei weitere junge deutsche Frauen, die dort tätig waren, empfanden das ebenso. „Es muss Schicksal gewesen sein, dass wir Mery Torrico trafen.“ Die bolivianischen Lehrerin hatte gerade begonnen, eine eigene Tagesstätte aufzubauen, stand aber noch ganz am Anfang.

Alles entwickelte sich schöner und besser als erhofft

Gesucht und gefunden. Als ob eine segnende Hand darüber gelegen hätte, entwickelte sich das Projekt noch schöner, als es sich die Gründer hätten vorstellen können. Heute besuchen so viele Tageskinder das „Cadse“ (Centro de apoyo para el desarollo social y educativo), dass man einen zweiten Standort einrichten musste. Sie erhalten dort Hausaufgabenhilfe, Englisch-unterricht, sie basteln, malen, spielen und unternehmen mit den Betreuerinnen und Betreuern Ausflüge. Jüngst einen ins Kino. Auch für viele ältere war es der erste Kinobesuch ihres Lebens.

Die Idee vom Kochbuch – „Cadse“ will eigene vier Wände

Nun möchte man ein eigenes Haus bauen, nachdem „Cadse“ vorerst noch bei der Gemeinde untergebracht ist. Auf der Suche nach Ideen, wie man das nötige Geld aufbringen, könnte, blitzte der Einfall des Kochbuchs mit bolivianischen Rezepten auf. Entstanden ist daraus unter der Mitarbeit von rund 20 Freunden und „Cadse“-Kollegen weit mehr als eine Küchenanleitung. „Bolivien kocht“ enthält wunderschöne Fotos und Zeichnungen, gibt zudem einen sehr persönlichen und authentischen Einblick in das Land und seine Kultur.
Man findet neben bolivianischen Rezepten auch internationale darin, etwa für Burger und Pizza. Doch stammen die Anleitungen alle von Bolivianern: von Müttern, Großmüttern oder auch jungen Männern, die aus ihren Food Trucks heraus schnelle Gerichte, „comida callejera“, anbieten.
„Wir haben jedes einzelne Rezept ausprobiert, ob es auch funktioniert und schmeckt“, erzählt Julia Moj. Darüber hinaus habe man jedem eine vegane Variante beigefügt.

Mehr als eine Rezeptsammlung

Wie gesagt ist es mehr als ein Kochbuch. Es ist eine Liebeserklärung an Bolivien und die Bolivianer, es ist aber auch durch die Mitwirkung der Bolivianer ein Gruß Boliviens an die Welt – zumindest an Deutschland.

Die ewige Mär vom kriminellen Entwicklungsland

Zudem enthält es eine Botschaft, die Julia Moj immens wichtig ist: Ja, es gibt Armut und Kriminalität in diesem Land, all das, was man im Fernsehen sieht. Aber das ist nicht das Land an sich! Weiter haben die Bolivianer keine „Entwicklungshilfe“ in dem überheblichen Sinne nötig, als dass man sie aus Rückständigkeit und Unwissenheit herausführen müsste. „Wir können von diesen Menschen teils mehr lernen als sie von uns“, sagt Julia Moj.
Aber das lässt man sich alles am besten von ihr selbst erzählen. Heute Abend beteiligt sie sich mit einem Stand am Hechinger Tischlein-deck-dich-Markt.

Heute Abend bei Tischlein-deck-dich

Kostproben An diesem Freitag kann man Julia Moj und Angehörige des Unterstützervereins „Aquisito“ auf dem Tischlein-deck-dich-Markt in Hechingen auf dem Marktplatz treffen. Sie werden das Kochbuch und den Verein vorstellen. Es gibt Kostproben.
Druckfrisch „Bolivien kocht“, druckfrisch erschienen, erhält man in Hechingen auch in „Das Buch“, im „Café Röcker“ und in der „Kanzlei Bar“. Kein Preis, Spendenempfehlung 20 Euro.
Tagesstätte Die Tagesstätte „Cadse“ in Cochabamba/Bolivien betreut und fördert Kinder, bietet inzwischen auch Kurse und Schulungen für deren Eltern an.
Verein Weitere Infos zum „Cadse“-Unterstützerverein „Aquisito“ gibt es unter: www.aquisito.de. Warum er seinen Sitz in Aachen nahm und nicht in Hechingen, hat mit der Vorgeschichte in Südamerika zu tun. Julia Moj gibt gerne Auskunft.