Auch in der diesjährigen Saison hat sich der Kleine Hechinger Kammermusikzyklus mit seinen Darbietungen von „Musik an schönen Orten“ als wahrer Publikumsmagnet erwiesen. Dies zeigte sich bei dem bis in das letzte Eckchen ausverkaufte, abschließende Konzert des aus rund 25 Streichern bestehenden Tübinger Ensembles „Capella“ (früher Tübinger Kammermusikkreis) unter souveräner Leitung von Jochen Brusch in der Spittelkirche.
Auf dem Programm standen Instrumentalwerke, Arien und Lieder von Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Vivaldi. Mit sichtlicher Spielfreude und differenziertem Musizieren – das kleine Solistenensemble im Concertino stets im kurzweiligen, spannungsreichen Wettstreit mit dem Orchestertutti – mal schwingend und federnd leicht, mal kraftvoll-dramatisch bettete das Orchester das „Concerto grosso g-Moll op. 6/6E des barocken Großmeisters Georg Friedrich Händel (1685-1759) in opulenten Wohlklang.
Eine Leichtigkeit des musikalischen Seins steckt in Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) „Divertimento“ in D-Dur KV 136. In kunstvoll arrangierten Appetithäppchen serviert, eröffnete der erste Satz in leichtem Tonfall belebt und erfrischend jung. Von den ersten Takten an fühlte man die Notwendigkeit, diese Töne nicht in Dezibel, sondern in Lux zu messen. Der zweite Satz, das Andante gelang gefühlvoll in schlichter Schönheit, der dritte überaus spritzig und voller Schwung. Ein Mozart, wie er sein sollte.
Vivaldis Musik – ein Kosmos ohne Grenzen. Das musikdramatische Werk des „prete rosso“, wie der rothaarige, geweihte Priester Antonio Vivaldi (1678-1743) auch genannt wurde, war im Gegensatz zu seinen Instrumentalwerken lange Zeit unbeachtet geblieben. Man kann die herrlichen Vivaldi-Arien, Kantaten und Psalmvertonungen, die sich erst kürzlich wieder ins Bewusstsein schoben, nicht oft genug hören, vor allem, wenn sie von so berufenen, technisch versierten wie charakterisierungsstarken Gesangskünstlern wie der Sopranistin Paola Kling interpretiert werden. Ihr berückend schöner Gesang begeisterte durch Reinheit und Klarheit und beeindruckte durch ein frappierendes Maß an Virtuosität, die ihr die völlig reibungsfreie Umsetzung von Vivaldis vokalen Herausforderungen ermöglicht: Leicht und behände wie Vogelzwitschern bezauberten ihre glitzernden Höhen, die ein insgesamt irisierendes technisches Finish noch zu krönen schienen. Mühelos erschloss sich Kling weite lyrische Welten, brillierte in dramatischen, affekt- und effektgeladenen Kantaten wie „Ah che infelice sempre“ und bestach durch verzierungsreiche Koloraturen. Ihr meisterliches „messa di voce“ ließ aufhorchen.
Wie fein das Gemischte der Gefühle von den Musikern der „Capella“ und Paola Kling erfasst, dargestellt und transportiert wurde, zeigte Vivaldis Kantate „Nell‘orrido albergo“. Das Stück geriet aufgewühlt und aufgehellt zugleich, gleichsam als verfliegender Zorn. Wunderschön vom Orchester delikat, prägnant und einfallsreich begleitet die gefühlige Arie „Vedrò con mio diletto“ und der Satz „Cum dederit“ aus „Nisi Dominus“.
Zu einer gemütvollen, musikalischen Entdeckungsreise in den hohen Norden luden die „schwedischen Volksmelodien“ von Johan S. Svendsen (1840-1911) und „Sonntag der Sennerin“ für Solovioline (Jochen Brusch) von Ole Bull (1810-1880).
Mit dem betörend schönem Ton von Bruschs Violine, der faszinierenden Stimme Paola Klings und der großartigen Vivaldi-Arie „Sovvente il sole“ für obligate Violine – einem fabelhaft musiziertem, wunschlosen Stück Musik – als Höhepunkt des an klanglicher Vielfalt reichen Konzerts verabschiedeten sich die Künstler von dem begeistert applaudierenden Publikum in der Hechinger Spittelkirche.

3

Konzerte an schönen Orten bildeten den Kleinen Hechinger Kammermusikzyklus. Nach Maria Zell und der Villa Eugenia bildete die Spittelkirche den Abschluss.