Die Spenden über die Weihnachtsaktion der Hohenzollerischen Zeitung kommen dieses Jahr dem neu gegründeten Verein „Downtown Hechingen“ zugute. Er engagiert sich dafür, die Inklusion von Menschen mit Behinderung im Alltag voranzubringen. Vor 46 Jahren hat sich schon ein Verein mit dem gleichen Ziel gegründet: der „Freizeitclub von Behinderten und Nichtbehinderten“ in Bisingen. Gründungsmitglied Konrad Flegr erinnert sich.
Es begann im Jahr 1976. Die „Lebenshilfe“ hatte zu Jahresbeginn die „Werkstatt für Behinderte“, wie sie damals noch hieß, in Bisingen in Betrieb genommen. Nach dem Trauma aus der Zeit des Nationalsozialismus, in der psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung systematisch ermordet wurden, dauerte es eine lange Zeit, bis flächendeckend Einrichtungen für Menschen mit besonderen Bedarfen eingerichtet wurden. Inzwischen aber gab es auch im Zollernalbkreis die Werkstatt sowie Sonderschulen und erste Wohnheime.

Inklusion war ein Fremdwort

Von Inklusion war damals noch keine Rede. Speziell auf die individuellen Beeinträchtigungen ausgerichtete Sondereinrichtungen galten als fachgerecht und zielführend. An alles war gedacht: Bildung, Arbeit, Wohnen. Nur an eines nicht: an eine aktive Freizeitgestaltung und die zwanglose Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, zusammen mit Menschen außerhalb der Sondereinrichtungen. Das rief eine Gruppe junger Leute auf den Plan, die in der Werkstatt arbeiteten. Zivildienstleistende zumeist, auch Erzieherinnen und Praktikanten. Sie hatten persönliche Freundschaften mit den Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung geschlossen, die sie auch am Feierabend und Wochenende weiterpflegen wollten. Ihnen schlossen sich noch Jugendliche aus der KJG an.

Einfach mal ausprobieren

Den „roten Faden“ im Jahreslauf des Clubs bilden bis heute die sogenannten „Clubnachmittage“, die meist an Samstagen stattfinden. Alles, was Spaß macht, wurde ausprobiert. Wünsche und Anregungen konnten von allen Beteiligten gleichberechtigt eingebracht werden. Kulturver­anstaltungen, Kinobesuche, Grillfeste, Wanderungen, mal ein Tagesausflug in den Zoo, in einen Freizeitpark oder zu anderen touristischen Sehenswürdigkeiten – den Möglich­keiten waren fast keine Grenzen gesetzt.
Der Clubnachmittag bot und bietet den direkt Beteiligten, aber auch der Öffentlichkeit und allen Interessierten die beste Gelegenheit zur gemeinsamen Aktivität, zu ernsten oder lustigen Gesprächen und einfach zum ge­mütlichen Zusammensein beim gemeinsam erlebten Freizeitspaß – und beim Erlernen des unbefangenen Umgangs miteinander. Damit beseitigt er auch eine der Kategorien der Barrieren, die Inklusion abbauen will: die soziale Mauer, die sich durch Verhaltensunsicherheiten, Vorurteile und getrennte Lebenswelten ergibt.

Schwierige Anfänge

Was sich jetzt vielleicht liest, als wäre die heile Welt geschaffen worden, war tatsächlich gar nicht so. Diskriminierungen und Anfeindungen gehörten in den ersten Jahren zur Alltagserfahrung. Andere Gäste verließen aus Protest Lokale, wenn der Club eintrat. Beschimpfungen und Hasstiraden auf öffentlicher Straße waren nichts Außergewöhnliches. Schilder mit der Aufschrift „Betrunkene, Zigeuner und Behinderte haben keinen Zugang“ hingen in fast jedem öffentlichen Bad. Dementsprechend beließ es der Club nicht bei der reinen Freizeitgestaltung. Politische Aktionen und Demonstrationen gegen Diskriminierungen aller Art, gegen Ausgrenzungen etwa durch einen nicht barrierefreien ÖPNV, und überhaupt gegen die Zuweisung in Sondereinrichtungen und -welten prägten noch mehrere Jahre die Arbeit des Freizeitclubs.

Noch ist nicht alles gut

Inzwischen hat sich vieles geändert und auch verbessert. Was nicht heißt, dass schon alles gut ist. Die von der Bundesrepublik unterzeichnete UN-Behindertenrechtskonvention, das Antidiskriminierungsgesetz, das Behindertengleichstellungsgesetz und das Bundesteilhabegesetz sind gesetzgeberische Meilensteine auf dem Weg zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft, in der alle Menschen an allem teilhaben können. Gerade ist ein Gesetz für einen inklusiven Arbeitsmarkt in Arbeit.
So eindeutig diese Regelungen politisch und juristisch festschreiben, wie die Gesellschaft sein solle, so sehr hinkt die gelebte Praxis jedoch hinterher. Diskriminierung ist verboten, was nicht heißt, dass sie nicht mehr stattfindet. Verordnen lässt sich Antidiskriminierung sowieso nicht, allenfalls einüben und erlernen.

Der Weg ist eingeschlagen

Der Staat hat sich zur Inklusion verpflichtet, was nicht heißt, dass sie per Knopfdruck umgesetzt werden kann und verwirklicht ist. Ein Blick auf das Bildungssystem zeigt, dass nach wie vor das separierte Schulwesen Oberhand hat, während ein inklusives Bildungswesen mit Lehrern, Sonderpädagogen, Sozialpädagogen, Therapeuten und Bildungsassistenten im Kollegium und mit gesellschaftspolitisch ausgerichteten Lehrplänen allen Kindern zugutekämen.
Der Weg zur Inklusion ist eingeschlagen. Bis das Ziel erreicht ist, wird es noch lange Zeit und viele Anstrengungen brauchen. Und manchmal kann man gesetzliche Fortschritte auch mit einem lachenden und weinenden Auge gleichzeitig sehen. So begrüßt der Freizeitclub einerseits, dass Menschen mit Behinderung jetzt einen Anspruch auf finanzielle Förderung von benötigten Assistenzen haben. Andererseits führt das dazu, dass ihm selbst unterstützende Mitarbeiter abhandenkommen: Warum soll ich für meinen Freizeitspaß den anfallenden Preis bezahlen, während ich woanders für diese „Arbeit“ ein Taschengeld verdienen kann?
Der Freizeitclub wünscht dem Verein „Downtown Hechingen“ viel Erfolg, viel Kraft und vor allem viel Spaß. Und er freut sich, wenn gelegentlich auch gemeinsame Aktionen und Unternehmungen möglich sind.

Auch nach Weihnachten darf gespendet werden!

Das Spendenkonto Wenn Sie den Verein „Downtown Hechingen“ unterstützen wollen, nehmen Sie bitte das HZ-Spendenkonto mit der IBAN DE 20 6535 1260 0077 0400 00 und dem BIC-Code der Sparkasse Zollernalb, SOLADES1BAL.

Spender veröffentlichen – oder nicht?

Nachgefragt Der Datenschutz wird immer bedeutender. Deshalb an dieser Stelle die Bitte: Wenn Sie gespendet haben und nicht (!) veröffentlicht werden wollen: bitte eine kurze Nachricht an hoz.redaktion@swp.de. Der Hintergrund: Es gibt Spender, die auch öffentlich vorangehen wollen. Dem wollen wir nun doch nachkommen.