Wenn Annette Widmann-Mauz sagt, sie nehme die Herausforderung in ihrer neuen Oppositionsrolle gerne an, dann darf man das der erfahrenen CDU-Politikerin gerne glauben. Natürlich wäre die Balingerin lieber in der Regierungsverantwortung geblieben. „Aber die Ämter sind nur auf Zeit vergeben“, lenkt die 55-Jährige schon mal den Blick auf die Bundestagswahl 2025.

16 Jahre mit Merkel

Seit 1998 gehört Annette Widmann-Mauz ununterbrochen als Abgeordnete dem Deutschen Bundestag an. Sie kann Opposition, denn auf diesen „harten Bänken“ saß sie, damals unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), während ihrer ersten beide Legislaturperioden. Dann wurde Angela Merkel zur Bundeskanzlerin gewählt. Sie hat Widmann-Mauz durch 16 Jahre Regierungszeit begleitet. Insofern ging mit der Bundestagswahl am 26. September 2021 und Merkels Abschied auch für Annette Widmann-Mauz „ein Lebensabschnitt zu Ende“. Dieser Moment des Abschieds sei „von großen Emotionen begleitet“ gewesen, sagt sie. Es sei zugleich der Schlusspunkt eines „besonders ereignisreichen Jahres“, eines Superwahljahres mit der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März und der Bundestagswahl ein halbes Jahr später mit einem „in dieser Intensität noch nie zuvor gekannten Wahlkampf“, wie die CDU-Politikerin anmerkt.
Trotz der herben Stimmenverluste der CDU konnte Annette Widmann-Mauz im September in ihrem Wahlkreis Tübingen-Hechingen wiederum das Direktmandat holen. „Das war eine große Freude für mich“, bedankt sie sich für den Vertrauensbeweis ihrer Wählerinnen und Wähler.
Aus der Ära Merkel hatte sich Annette Widmann-Mauz als Staatsministerin beim Bundeskanzleramt sowie Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration verabschiedet. Zuvor war sie acht Jahre Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesgesundheitsministerium.
Künftig gehört Annette Widmann-Mauz dem Auswärtigen Ausschuss und dem für Kultur und Medien an. Die 55-Jährige nimmt die neuen Herausforderungen gerne an und ist überzeugt, dass sie ihre langjährigen Erfahrungen in der europäischen und internationalen Gesundheitspolitik sowie durch gewachsene Beziehungen innerhalb der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der UNO-Flüchtlingshilfe (UNHCR) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wird einbringen können.

Neue Strategien entwickeln

Die Folgen geopolitischer Machtverschiebungen, weltweiter Migrationsbewegungen, pandemischer Gesundheitsbedrohungen oder des Klimawandels forderten Deutschland und Europa außen- und innenpolitisch besonders heraus. Dafür brauche es auch neue Handlungsstrategien. „Diese mit zu entwickeln und zu gestalten, ist eine wichtige und spannende Aufgabe“, so die CDU-Abgeordnete. Es sei eine „Querschnittsaufgabe“, die sie gerne anpacke.
Als Bundesvorsitzende der Frauen-Union der CDU (seit 2015) setzte und will sich Widmann-Mauz weiterhin einsetzen für eine geschlechtergerechte Außenpolitik und „die stärkere Berücksichtigung frauenspezifischer Aspekte in der internationalen Konfliktprävention“.
Ihre zukünftige Arbeit im Ausschuss für Kultur und Medien wertet sie als „besonders aufregend und spannend für unsere Region“, geht es dabei doch um Schwergewichte wie die Burg Hohenzollern und den preußischen Kulturbesitz, aber auch um Breitenkultur, wie Theater – als Paradebeispiel sei das Theater Lindenhof in Melchingen genannt –, Musik und Bildende Kunst.
Im Wahlkreis und als Regierungsmitglied habe sie sich stets für den Ausbau der Gedenkstätten eingesetzt. Nur so könnte Erinnerungskultur lebendig gehalten werden, wenn Zeitzeugen nicht mehr sind. Das Demokratiebewusstsein zu stärken und für die jüngeren Generationen zu erhalten, sei in diesen Tagen wichtiger denn je. „Wir sollten erkennen, wie zerbrechlich unsere Demokratie ist“, so Widmann-Mauz, „man muss den Anfängen wehren“.

„Keine Milde, keine Nachsicht“

Für ihren Wahlkreis hat die Abgeordnete eine eigene Agenda aufgestellt: Zuvorderst wäre da die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren mit Blick auf Verkehrsprojekte wie den Ausbau der B 27 zwischen Hechingen und Tübingen. „Da können wir nicht noch vier Jahre warten“, so Annette Widmann-Mauz, „wir müssen endlich zu Potte kommen.“ Da werde es mit ihr „keine Milde und keine Nachsicht“ geben.
Ein weiteres Augenmerk gelte den forschungsstarken mittelständischen Unternehmen in der Region. Im Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung vermisse sie Aussagen über eine gezielte Förderung neuer Produkte und innovativer Entwicklungen. Vom ZIM (Zentrales Förderprogramm Mittelstand) der CDU-Regierung hätten viele Unternehmen in der Region profitiert: „Das darf jetzt nicht hinten runterfallen“, fordert die Christdemokratin.

„CDU muss Volkspartei bleiben“

Ob sie mit Friedrich Merz als neuem Parteivorsitzenden zufrieden ist, oder lieber Norbert Röttgen oder Helge Braun an der Parteispitze gesehen hätte, beantwortet Annette Widmann-Mauz nicht, sondern verweist auf das Ergebnis des Mitgliederentscheids.
Das sei mit einer Zweidrittelmehrheit für Merz eindeutig gewesen und dies biete „eine Chance für eine neue Geschlossenheit“. Merz’ Aufgabe sei es jetzt, auch die Parteimitglieder, die nicht für ihn gestimmt haben, mit einzubinden. „Ich traue ihm das zu“, sagt sie im Brustton der Überzeugung.
Annette Widmann-Mauz: „Wir als CDU sind stark, wenn wir eine Volkspartei bleiben, das heißt, wir müssen die ganze Bandbreite gut repräsentieren.“ In den vergangenen drei Jahren mit drei verschiedenen Parteivorsitzenden seien in den eigenen Reihen zwar „Wunden entstanden“, deren Verarztung „viel inhaltliche Arbeit“ erfordere, aber insgesamt blicke ihre Partei „in die Zukunft“.