Rund 75 ehrenamtliche Helfer sind Samstagmorgen im Naturschutzgebiet Heldenberg bei Winzingen der „Colchicum autumnale“ zu Leibe gerückt. Die „Herbstzeitlose“ ist nämlich nicht beliebt. Sie blüht krokusähnlich und fliederfarben von August bis November. Die tulpenartigen Blätter allerdings entwickeln sich bereits im April, ihre Kapselfrucht kurz darauf. Vor allem durch Weidevieh und Insekten wie Ameisen werden 300 bis 400 Samen pro Frucht im Juli auf den Wiesen verteilt.
Das Problem: Die Herbstzeitlose enthält mehr als 20 Alkaloide, darunter das hochgiftige Colchicin, das vor allem im Samen enthalten ist. Erwachsene Rinder und Pferde meiden die Sauerkräuter, junge, unerfahrene Tiere aber gehen daran zugrunde. Schafe und Ziegen vertragen das Gift besser, geben es aber in ihre Milch ab.
Rund vier Hektar magere Flachland-Mähwiesen sollten am Samstag von Herbstzeitlosen befreit werden. Deshalb veranstaltete der Landschaftserhaltungsverband (LEV) in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsamt den Landschaftspflegetag. Alle ehrenamtlichen Helfer aus Vereinen wie TSV Winzingen, Pfadfindern, Holzbrockelern, Freiwilliger Feuerwehr, Jagdgenossenschaft und Gartenbauverein waren von den ortsansässigen Landwirten aktiviert worden.

Akribische Feinarbeit

Nach einer sorgfältigen Einführung verteilten sich die Zehner-Gruppen auf den verschiedenen Flurstücken, um in akribischer Feinarbeit die Blätter mit Kapselfrucht herauszustechen.  „Handschuhe bitte nicht vergessen“, bat Ralf Over vom Landwirtschaftsamt beim Verteilen der Eimer und Unkrautstecher. „Bitte setzt den Unkrautstecher am weißen Stängel an. Dann stirbt die Knolle in der Erde ab“, erklärte Over und zeigte anhand von Blättern, Stängel, Samenfrucht und Knolle anschaulich, worauf es beim Ausstechen ankommt. Mit dem Ausstechen der Pflanzen soll ein flächenschonender Rückgang der Bestände erwirkt werden, der zu einer Verwertbarkeit der Wiesen als Tierfutter führt.
„Schützen durch nützen“, lautet die Devise der Landwirte und des LEV. „Durch extensivere Bewirtschaftung, weniger Düngung und seltenere Schnitte können Artenreichtum und Vielfältigkeit der Wiesen erhalten oder wiederhergestellt werden“, erläutert Alexander Koch, Geschäftsführer des LEV. „Die hier vorkommenden artenreichen Wiesen haben aus naturschutzfachlicher Sicht eine hohe Bedeutung“, führt er aus. „Viele der knapp 500 in Baden-Württemberg vorkommenden Wildbienenarten brauchen den Erhalt dieses Lebensraums, um nur ein Beispiel zu nennen.“
Allerdings habe diese Bewirtschaftung auch negative Folgen. Durch weniger Schnitt und weniger Düngung habe sich die Herbstzeitlose deutlich ausbreiten können, wodurch der erste Schnitt der Wiesen ausnahmslos entsorgt werden müsse, also ein wirtschaftlicher Verlust für die Landwirte. „Futterwiesen müssen für uns Landwirte wirtschaftlich tragbar bleiben, was aber mitunter gar nicht so einfach ist“, wie Jochen Leins und Jürgen Wahl, Winzinger Landwirte und Mitinitiatoren, betonen. „Wir Landwirte haben hohe Auflagen, den Artenreichtum zu erhalten. Ohne Fördermittel vom Land wird das für uns immer schwieriger“, sagen sie. Mit der heutigen Hilfsaktion sei ein erster Anfang gemacht und es würden hoffentlich noch zahlreiche weitere folgen, denn ohne Landwirtschaft gäbe es auch nicht mehr die „artenreichsten Wiesen Europas“ in Baden Württemberg. Am Nachmittag musste der Einsatz wegen einsetzenden Regens  abgebrochen werden. Es kam aber dennoch ein großer Anhänger voll Herbstzeitloser zusammen.

Erhalt der besonderen Kulturlandschaften

LEV Der Landschaftserhaltungsverband des Landkreises Göppingen (LEV) hat sich zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zu leisten zum Erhalt der besonderen Kulturlandschaft im Landkreis mit seinen Wacholderheiden, Streuobstwiesen, Heckenlandschaften und Bachläufen. Weitere Informationen auf www.lev-gp.de