Ich muss nur sagen, dass ich Italienerin bin, und schon bin ich allen sympathisch“, sagt Simonetta Cantagalli-Kästner und lacht fröhlich. Ganz klar: Die Deutschen lieben die Italiener – „und das liebe ich“, sagt sie kokett.
Die 48-Jährige ist pädagogische Mitarbeiterin im Fachbereich Sprachen an der Volkshochschule in Geislingen: Deutschen bringt sie Italienisch, Ausländern bringt sie Deutsch bei. Es ist gerade die Arbeit als Dozentin in Integrationskursen, die sie glücklich macht. Dort unterrichtet sie nicht nur Sprache und Länderkunde. Sie will vor allem den Menschen helfen, Fuß in der neuen Heimat zu fassen. „Ich bin glücklich, wenn ich sehe, dass hier jemand angekommen ist.“
Integration bedeutet für die Italienerin, nicht nur zu arbeiten und die Gesetze des Landes zu achten. Wer integriert ist, „der vermisst die alte Heimat nicht mehr so sehr, kennt viele Menschen, hat viele Freunde und nutzt die gleichen Chancen, die auch Deutsche haben“. Wer integriert ist, muss aber nicht zwingend den deutschen Pass besitzen. „Ich habe ihn nicht“, sagt sie und wirft stolz hinterher: „Ich bin überzeugte Italienerin.“ Als EU-Bürgerin würde ihr der Pass ohnehin nicht viele Vorteile bringen.
Seit 1995 lebt Cantagalli-Kästner in Deutschland. Ihre erste Station war der Schwarzwald. Sie wohnte in Rottweil und Schramberg, ehe sie in die Fünftälerstadt zog. Warum fühlt sie sich nach all der Zeit nicht als Deutsche? „Ich bin zu temperamentvoll, Deutsche sind eher kühl.“ Das klingt nach Klischee. „Nein“, antwortet sie belustigt. Den direkten Vergleich erlebe sie täglich. Ihr Mann Malte Kästner ist in Karlsruhe geboren und viel entspannter als sie. „Natürlich gibt es auch aufbrausende Deutsche und verschlossene Italiener, aber meist ist es andersherum“, sagt die 48-Jährige. In ihrer Ehe habe sie gelernt, ruhiger zu werden, allerdings ohne dabei ihr südländisches Temperament zu verlieren. Seit 1998 sind die beiden verheiratet, kennengelernt hatten sie sich fünf Jahre zuvor.
Als Italienerin fühle sie sich auch deswegen, weil die Arbeit für sie nicht an erster Stelle stehe. Für Deutsche sei das dagegen typisch. „Ich lebe nicht, um zu arbeiten“, sagt Cantagalli-Kästner. „Ich kann auch nichts tun.“ Selbst im Urlaub bräuchten Deutsche etwas zu tun. „Sie arbeiten lieber im Garten oder waschen ihr Auto, als sich zu entspannen.“
Die 48-Jährige spricht mit italienischem Akzent – quasi eine Reminiszenz an ihr Geburtsland. Sie glaubt, dass sie gar nicht anders kann, weil sie sich ihrem Geburtsland so sehr verbunden fühlt. So ist es auch kein Wunder, dass ihre 16-jährige Tochter Elena zweisprachig erzogen wird. „Wir sind oft in Italien, weil Familienmitglieder dort leben“, erzählt sie. Familie gehöre zur Identität eines Menschen und deswegen sei es schade, wenn sich die Tochter nicht mit dem Onkel unterhalten könnte.
Sprache spielt für Canta­galli-Kästner also eine wichtige Rolle im Leben. Studiert hat sie in Italien Germanistik, promoviert ebenso. „Meine Mutter wollte das. Sie sagte, Deutschland ist ein wirtschaftlich wichtiges Land.“ Fünf Jahre lernte sie in der Schule, weitere vier an der Universität, und als sie dann 1992 erstmals in Tübingen war – verstand sie nichts. Schuld daran: der Akzent. „Ich dachte, ich kann Deutsch, und dann haben alle Schwäbisch geredet“, erzählt sie lachend. Manchmal gehe es ihr noch heute so. Das sei aber kein Grund dafür, dass sie Schwaben heute Italienisch beibringt – nämlich, um sie zu verstehen.
Der Grund ist ein anderer: Es macht ihr ganz einfach Spaß. „Wir lesen Romane, spielen, üben Grammatik und lachen sehr viel“, erzählt die 48-Jährige. Sie habe gute Schüler. „Manche von ihnen könnten glatt als Muttersprachler durchgehen.“
Der Enthusiasmus sei groß. Aber auch das kann kaum überraschend sein – so verknallt wie die Deutschen in Italien sind.

Meine Wahrheit in einem Satz . . .

Wohin nehmen Sie Menschen mit, die zum ersten Mal in Geislingen sind?
Ich gehe mit ihnen zur Burgruine Helfenstein, weil man von dort einen
so ­schönen Blick auf Geislingen hat.

Was mögen Sie in Geislingen ganz und gar nicht?
Die B 10 vom Nel Mezzo bis nach Kuchen runter ist furchtbar, die Häuser sind hässlich und ungepflegt, und wer nur diese Strecke sieht, bekommt ein falsches Bild von Geislingen.

Ich will auf meine Muttersprache nicht verzichten, weil. . .
Wenn ich auf sie verzichten würde, wäre ich nicht ich.