Wenn Weinkenner den Begriff „gemischter Satz“ hören, leuchten ihnen die Augen. Und wenn von „Mischkultur“ in Gewächshaus oder Garten die Rede ist, passiert bei Gartenkennern dasselbe.
Denn diese Art des Anbaus hat, glaubt man Maya Heilmann, nichts als Vorteile. Doch was ist Mischkultur eigentlich? In den Gewächshäusern in Tempelhof zeigt Maya Heilmann mustergültig, worum es dabei geht – die Gärtnerin ist hier mitverantwortlich für den Anbau der insgesamt rund 50 Gemüse- und Salatarten. „Und da haben wir zum Beispiel die Tomaten nur einmal gezählt. Nicht die 25 verschiedenen Sorten, die wir anbauen.“ Doch allein die Menge der unterschiedlichen Pflanzenarten macht das Ganze noch nicht automatisch zur Mischkultur.

Bloß keine Monokultur

Im Gewächshaus zeigt Maya Heilmann auf Feldsalat, Postelein, Asiasalat und Mangold, die in langen Reihen zur Ernte bereitstehen. In sattestem Frühlingsgrün stehen sie da, schön abwechselnd gepflanzt, damit keine Monokultur entsteht. Und damit kein Schädling überhandnimmt. Doch das ist nicht alles, was Mischkultur ausmacht: Es werden auch die Pflanzen zueinander gepflanzt, die sich mögen. Pflanzen, die sich schaden, indem sie sich Luft, Licht oder Nährstoffe wegnehmen, wachsen voneinander getrennt. Das unterstützt die Pflanzen und stärkt sie gleichzeitig.
Ist der Salat abgeerntet, bleiben die Wurzeln im Beet. Die Tomaten werden, ohne den Boden zu bearbeiten, ins selbe Beet gepflanzt, und alles wird von einer dicken Schicht aus Grasschnitt bedeckt, sodass nur die Tomatenpflanzen rausschauen.
Das Mulchen hat mehrerer Effekte: Erstens werden der Boden und die vielen Bodenorganismen geschützt, die Feuchtigkeit bleibt und das Unkraut wird unterdrückt. Gejätet werden muss also kaum – und die chemische Keule des so genannten „Pflanzenschutzes“ ist unnötig. Sie kommt auf dem Tempelhof, auf dem streng biologisch gearbeitet wird, ohnehin nicht vor.
Und zweitens verrottet der Mulch samt den Wurzeln des Salats. Das lockt Regenwürmer an, und so entwickelt sich eine nahrhafte, lockere Humusschicht. Umgegraben oder gegrubbert werden darf freilich nicht, denn dies würde die natürliche Bodenschichtung mit ihren jeweils spezifischen Mikroorganismen stören. Das System funktioniert, wie die Beete im Tempelhof zeigen: Dort wächst und gedeiht es, dass einem die Augen übergehen.

Wachstum und Ernte so naturnah wie möglich

Das Mulchen und Verrotten ist übrigens Teil der sogenannten „Aufbauenden Landwirtschaft“ – eine Anbaumethode, bei der, so Maya Heilmann, die Bodengesundheit oberste Priorität hat.
Dies ist ein Paradigmenwechsel in der Bewirtschaftung. Geachtet wird hier nicht mehr primär auf die Pflanze, sondern auf den Boden. Er ist es, der gehätschelt und genährt wird. Maya Heilmann: „Geht es dem Boden gut, dann geht es auch der Pflanze gut.“
Die Hauptkultur wird in Tempelhof gern zu einer passenden Beifrucht ins Beet gesetzt. Fenchel und Tomaten zum Beispiel haben sich als ideale Partner erwiesen: Der Fenchel fängt klein als Beifrucht zu Salat an. Ist der geerntet, beginnt für ihn die raumgreifendste Zeit. Nun wird das kleine Tomatenpflänzchen gepflanzt – beide sind sich keine Konkurrenz. Ist die Tomate dann größer, ist auch der Fenchel erntebereit und die Tomatenpflanze bekommt den Platz, den sie braucht. Diese intensive Gartenwirtschaft mit Kompostdüngung wird „Market Garden“ genannt und erfordert eine minutiöse Planung, die eine genaue Kenntnis der zeitlichen Abläufe des Wachsens und Gedeihens voraussetzt. „Aber sie funktioniert gut“, sagt Maya Heilmann. Neben Mischkultur und aufbauender Landwirtschaft gibt es auch noch eine dritte Art des Anbaus, die in Tempelhof ausprobiert wird.
Maya Heilmanns Augen leuchten, wenn es um ihren entstehenden Waldgarten und um Permakultur geht. Warum? Weil dort genau das passiert, um was es ihr geht: um Wachstum und Ernte so naturnah wie nötig bei so geringem Arbeitseinsatz wie nur möglich.
Permakultur kommt von „permanent agriculture“ – also von einer dauerhaften Landwirtschaft, die vor allem auf mehrjährige Kulturen wie Bäume und Stauden setzt. Die Erntemöglichkeit wird räumlich in den Blick genommen – nicht nur auf der Fläche, sondern auch in der Höhe: Bäume und Sträucher ergeben eine Obst- und Beerenernte aus der dritten Dimension: unten Gemüsepflanzen, darüber Büsche mit Beeren und darüber Bäume. Maya Heilmann zeigt dort auf eine unscheinbare Pflanze. „Das ist ein ewiger Kohl“, sagt sie. „Eine winterharte Staude, bei der man die Blätter viele Jahre lang ernten kann.“ Im Tempelhof steht sie bereits im dritten Jahr. „Wir machen Versuche“, sagt sie. „Wir wollen wissen, ob sich diese Stauden für uns zur Nutzung eignen.“

Restaurants bestellen nichts

Das Obst und Gemüse, das Maya Heilmann und ihr Team anbauen, wird in der Tempelhof-Gemeinschaft verbraucht, regional vermarktet und im Hofladen verkauft – wobei Corona derzeit einen wichtigen Absatzzweig wegbrechen lassen: Die Restaurants, die sonst bestellen, sind geschlossen. Jungpflanzen-Märkte sind abgesagt. Deshalb setzt sie derzeit auf den Hofladen: „Ab Mai verkaufen wir wieder Pflänzchen für den Garten. Mit dabei: acht verschiedene Tomatensorten, Paprikas, Chili, Auberginen, Gurken, Zucchini und vieles mehr.

Viel aufgebaut am Tempelhof

Maya Heilmann stammt aus Kalifornien. Dort studierte sie Anthropologische Landwirtschaft und vertiefte ihre Kenntnisse bei einer Ausbildung für biologisch-dynamischen Gemüsebau in Deutschland. Mit ihrem Partner Sebastian Heilmann hat sie die Gärtnerei und Landwirtschaft in der Gemeinschaft Tempelhof aufgebaut. Dort bewirtschaften die beiden mit einem Team 32 Hektar in der Landwirtschaft und knapp drei Hektar im Gemüsebau.
Der Hofladen ist ausgeschildert. Er ist geöffnet montags von 12 – 14 und von 16 – 18.30 Uhr, mittwochs von 15 bis 18.30 Uhr und freitags von 12 – 18.30 Uhr.
In Vorträgen, Führungen oder Workshops stellt das Tempelhof-Team Anbaumethoden vor. Anmeldung und viele Informationen gibt es hier: https://www.schloss-tempelhof.de/veranstaltungen/ uts