Melanie Hofmann blickt aus dem Fenster ihres Wohnzimmers hinaus in den winterlichen Garten: „Im Sommer sitzen wir nachts öfter draußen und schauen zu den Sternen.“ Was sich nach einer romantischen Sommernacht anhört, hat für sie und ihren Mann Michael einen sehr emotionalen Hintergrund.

Rückblick auf den Herbst 2014

Melanie und Michael Hofmann erhalten im Herbst 2014 die schönste Nachricht, die es gibt für ein Paar – Melanie ist schwanger. Der errechnete Geburtstermin Ende Mai 2015 fällt sogar auf ihren eigenen Geburtstag. Die Monate gehen ins Land, die Schwangerschaft verläuft ohne Probleme und der Tag der Geburt steht bevor. Alles ist vorbereitet; neben den werdenden Eltern freuen sich Verwandte, Freunde und Bekannte, dass das Kind nun bald da sein wird. Zwei Tage nach dem eigentlichen Geburtstermin ist bei der Kontrolluntersuchung alles in Ordnung.
Melanie Hofmann hatte in der folgenden Nacht das Gefühl, dass ihr Kind besonders ruhig ist. Deshalb fuhr sie gleich am nächsten Morgen wieder zur Frauenärztin. Dann der Schock: Das Herz des Kindes schlägt nicht mehr. Sofort wird ihr Mann verständigt, der die rund 20 Kilometer von seiner Arbeitsstelle zu seiner Frau wie in Trance zurücklegt.

Stille Geburt

Nachdem die Ärzte im Krankenhaus die Diagnose bestätigt hatten und die weiteren Schritte besprochen waren, fuhr das Ehepaar zunächst wieder nach Hause. Melanie musste dort Medikamente einnehmen, die den Geburtsvorgang einleiten. „Dann folgte die stille Geburt“, erklärt Melanie Hofmann sehr gefasst. Sie habe damals nicht verstanden, dass ihr Sohn auf natürlichem Weg entbunden werden musste. Rückblickend sei sie aber froh darum: Die Mutter müsse das Kind loslassen können, das habe bei ihr im Kreißsaal fast acht Stunden gedauert. Und dann? „Man geht nach Hause und hat nichts. Außer der Trauer, der Leere und einer Totenstille in der Wohnung, wo Kindergeschrei sein sollte.“
Nur ein paar Fotos sind von Sohn Finn geblieben. Dass es Fotografen gibt, die Sternenkinder im Krankenhaus fotografieren, hatte niemand erwähnt. Die Anteilnahme der Familie und vieler Freunde war da, trotzdem mussten die Hofmanns alles selbst verkraften. Sehr gute Unterstützung erfuhren sie durch die Hebamme („nicht verkriechen, wir gehen raus“), die Hausärztin und eine Psychotherapeutin.

Sternenkinder: Es gibt viele Betroffene

In Gesprächen und in sozialen Medien gingen die Eheleute Hofmann dann sehr offen und offensiv mit ihrem Verlust um. „Früher wusste ich nicht, was Sternenkinder sind; ich hatte zwar im Internet viele Informationen gefunden, einen Ansprechpartner vor Ort gab es jedoch nicht“, blickt Melanie Hofmann kritisch zurück. Andere verwaiste Eltern meldeten sich: Es gab noch viele weitere Betroffene. Mit der Beisetzung Finns in einer Urnenwand haben die Eltern für sich einen Anlaufpunkt geschaffen.
Das Glück kam zurück. Fast genau ein Jahr später wurde der zweite Sohn Janne gesund geboren. Um möglichst allen Unwägbarkeiten und der Angst vor einer weiteren Totgeburt aus dem Weg zu gehen, wurde er – als Regenbogenkind – per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht.
Aus einer Facebook-Gruppe, in der sich betroffene Eltern austauschten, entstand zwischenzeitlich der bundesweit tätige Verein „Sternenzauber & Frühchenwunder“. Mit diesem Verein im Rücken ist Melanie Hofmann heute ehrenamtlich in den Regionen Hohenlohe-Franken und Ostalb tätig. Sie hat aktiv den Kontakt zu den Entbindungsstationen gesucht. Dort wird ihre Telefonnummer weitergegeben und sie sorgt auch dafür, dass in den Krankenhäusern eine Ausstattung für die Eltern von Sternenkindern vorliegt. Darin sind – je nach Schwangerschaftswoche – unterschiedlich große Körbchen aus Fell, kleine gehäkelte Schuhe, genähte Deckchen und Schlafsäcke oder Holzengel und so genannte Erinnerungsstücke enthalten. Alles ist farblich abgestimmt und liebevoll zusammengestellt. Melanie Hofmann über ihr Engagement: „Ich möchte dazu beitragen, dass andere Eltern besser versorgt und betreut werden, als wir vor fünf Jahren.“ Sie ist dankbar, dass es viele Helferinnen gibt, die nähen, stricken, häkeln und basteln, damit immer genügend Material vorhanden ist.

Nähtreff für die Sternenkinder

In Niederstetten sind die Landfrauen und die Jungen Landfrauen sehr aktiv und auch in Schrozberg gibt es eine Handvoll Helferinnen – der monatliche Nähtreff findet derzeit coronabedingt aber nicht statt. Andere spenden Stoff- und Wollreste oder Geld.
Um Eltern, die ihre Sternenkinder nicht anonym in einem Sammelgrab mitbestatten lassen möchten oder die Kosten für ein Einzelgrab scheuen, trotzdem einen Ort zum Trauern geben zu können, wünscht sich Melanie Hofmann, dass viele Kommunen dem Beispiel Niederstettens folgen. Auf dem dortigen Friedhof ist die Aufstellung einer Stele mit einem Grabfeld in Planung, in dem die Kinder ihre letzte Ruhe finden können. Auch in Friedwäldern gibt es für Sternenkinder reservierte Bäume.
Wie viele andere Eltern fehl- oder totgeborener Kinder blicken Melanie und Michael Hofmann also in den klaren Nachthimmel und die Sterne sind für sie die Erinnerung an ihren ersten Sohn.

Das Recht auf einen Abschied

Jährlich am 2. Sonntag im Dezember gedenken Eltern ihrer verstorbenen Kinder, indem sie um 19 Uhr eine brennende Kerze ins Fenster stellen. An diesem weltweiten Kerzenleuchten wandern so das Licht und das Gedenken einmal um die Erde. Geschwister von Sternenkindern werden nach dem Regenbogen benannt, der nach einem Sturm am Himmel erscheinen kann.
Erst seit 2013 ist im bundesweit geltenden Personenstandsrecht geregelt, dass für Sternenkinder unter 500 Gramm eine standesamtliche Bescheinigung ausgestellt werden kann. Dies war zuvor nicht möglich. Für tot geborene Kinder besteht ab 500 Gramm in Baden-Württemberg eine Bestattungspflicht. Bei einem geringeren Gewicht haben. Es gibt das Recht auf eine Bestattung.
Melanie Hofmann ist für Betroffene und Unterstützer unter der Telefonnummer 0174 9 29 82 86 oder per E-Mail melanie.hofmann1979@gmail.com zu erreichen. Der Verein hat eine Homepage.