An sonnigen Tagen im März eine menschenleere Altstadt mit geschlossenen Restaurants, Cafes und Geschäften, dazu leere Hotels und eine von der Polizei überwachte Ausgangssperre – das sind ganz neue Erfahrungen für die Menschen in Rothenburg. Nicht nur Oberbürgermeister Walter Hartl geht von dramatischen Auswirkungen für das ganze Jahr aus.
Von den 560.000 Übernachtungen des letzten Jahres wird man heuer meilenweit entfernt sein, ist Tourismuschef Jörg Christöphler sicher.Es ist alles geschlossen, was nicht zur lebensnotwendigen Versorgung notwendig ist und der gesamte Tourismus ist lahmgelegt. Das Haus darf nur verlassen, wer zur Arbeit muss oder einkaufen geht, die Tauberstadt ist wie leergefegt, der Straßenverkehr erinnert an das Niveau der sechziger Jahre, die Parkplätze sind leer. Nicht mal Spazierengehen in Gruppen ist erlaubt und bei Begegnungen gilt es zwei Meter Abstand zu halten. Sport und Bewegung im Freien ist nur alleine oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes gestattet. Nicht mal Angehörige dürfen noch in Heimen oder Krankenhäusern besucht werden. Die Schulen und Kitas sind zu.

Ansbach

Rathaus im Notbetrieb

„Wir müssen versuchen die Liquidität der Betriebe zu erhalten, die Lager im Handel sind voll und nichts kann verkauft werden”, sagt Oberbürgermeister Hartl. Deshalb wurde die Gewerbesteuervorauszahlung ausgesetzt (1,9 Millionen Mindereinnahmen), die Tourismusabgabe steht auf dem Prüfstand. Man richtet sich auf einen völlig veränderten Haushaltsplan 2020 ein, wozu eine lange Liste verschiebbarer Ausgaben erstellt wird.  Das Rathaus arbeitet im Notbetrieb, Gremiensitzungen finden erst einmal nicht statt. Regiert wird in Corona-Zeiten mit dringlichen Anordnungen des Oberbürgermeisters und Abstimmungen über Telefon und Internet.
„Die Bevölkerung ist sehr einsichtig” stelllt Polizeichef Stefan Schuster fest. Erfreulich: Verkehrsunfälle sind zwangsläufig gesunken. Kürzlich wurden am Ortsausgang Autofahrer stichprobenartig nach dem Grund ihrer Fahrt befragt, denn niemand soll zum Vergnügen oder touristisch unterwegs sein.  Auf der Autobahn werde nur gezielt kontrolliert, zum Beispiel wenn ein Reisebus gesichtet würde, so Schuster.
Ob dieses Jahr überhaupt Großveranstaltungen wie das Festspiel an Pfingsten oder das Taubertalfestival Anfang August (über 15.000 Besucher)  stattfinden, bleibt fraglich. Die Festspieler haben die Bühnenproben bis nach Ostern ausgesetzt. „Wir als Verein hoffen, dass wir das gemeinsam durchstehen. Schaut auf eure Mitmenschen, helft den Alten und Schwachen mit ihren Einkäufen”, heißt es im Aufruf.

Reservierungen storniert

Längst haben Reiseveranstalter und Gruppen ihre langfristigen Reservierungen storniert. Anstatt im März nach der Winterpause zügig in die Saison zu starten, passiert gerade das Gegenteil. Bei einem rund fünfzigprozentigen Auslandsanteil mit den großen Überseemärkten wirken sich Stornierungen aufs ganze Jahr aus. „Es ist Stillstand, so was habe ich noch nie mitgemacht”, stellt Marion Beugler, Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, fest. Rund 120 Betriebe in Rothenburg leiden. Der Umsatzeinbruch sei nicht aufzuholen, betont Beugler. Man hoffe mit deutschen Gästen den Markt danach langsam wieder in Gang zu bringen: „Wir dürfen keinen Betrieb über die Klinge springen lassen, gerade die familiengeführten und kleinen Häuser trifft es hart.”

Crailsheim

Schließlich geht es auch um das Thema Immobilien und bezahlbare gewerbliche Mieten für alle Gewerbetreibenden. Hotels und Gasthöfe, die keine Nachfolger haben, werden jetzt noch schwieriger Interessenten finden. Ob sich das vom Stadtrat gewünschte Tagungs- und Wellnesshotel auf dem alten Brau­hausgelände noch realisieren lässt, bleibt abzuwarten.
„Unsere Sorgen reichen bis weit in den Juni hinein, die Gäste aus USA und Japan werden auch nicht so schnell wiederkommen”, konstatiert Jörg Christöphler und sieht sich mit den Themenjahren Rothenburg als Landschaftsgarten bestätigt. Mit Landschaft, frischer Luft, und Natur zu werben sei ideal in dieser neuen Ausgangssituation. Auch die deutschen Küsten und das Hochgebirge sollten nach Corona ihr (meist inländisches) Publikum finden.

Um die Zukunft bangen

Mancher kleine Altstadtladen bangt um seine Zukunft. Und die Möglichkeit der Gasthäuser, Essen zum Abholen auszugeben, greift nur in wenigen Fällen. Ein Gasthausbesitzer: „Wir haben es versucht, aber wegen einem oder zwei Essen rentiert sich das nicht mehr.” Ariane Koziollek vom Stadtmarketing sieht erhebliche Probleme des Handels, viele seien mit Saisonware versorgt und blieben darauf sitzen. Beim Mode-Hersteller Anra in der Altstadt hat man kurzfristig die Produktion auf Gesichtsmasken aus Baumwolle umgestellt.
Auch der Industriestandort Rothenburg mit großen Werken wie Electrolux/AEG und anderen spürt die Corona-Krise bei der Zulieferkette, die Auswirkungen sind teils verzögert oder noch nicht abzusehen. Kurzarbeit greift um sich. Der Oberbürgermeister ist sicher: „Corona wird das Denken verändern.” Der künftige Stadtrat stehe vor ungeahnten Aufgaben: „Krisenmanagement wird erst einmal alles andere in den Hintergrund rücken.”