Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.
Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist der Boden, auf dem dieser lange Karriereweg angelegt wurde: Fast 42 Jahre wird Andreas Harthan (62) Lokaljournalist gewesen sein, wenn er zum Ende dieses Jahres in den Ruhestand geht. Er ist damit der dienstälteste Redakteur der gesamten Südwest Presse. Als Volontär kam der gebürtige Stuttgarter im Februar 1981 zum Hohenloher Tagblatt. Was ursprünglich eine Zwischenstation sein sollte, wurde zur Lebensaufgabe – zu Lebensaufgaben im Plural vielmehr: Reporter, Rechercheur, Ausbildungsredakteur, Kulturermöglicher, Betriebsratsvorsitzender, Gewerkschafter, Herzenscrailsheimer, seit 2010 Redaktionsleiter. Ein reiches Berufsleben – und eben ein voraussetzungsreiches, nur möglich in einer demokratischen Gesellschaft mit liberalen Freiheiten wie der eingangs zitierten.

Passagen aus dem Grundgesetz

Harthan ist das sehr bewusst, weshalb er sich für seine offizielle Verabschiedung am Mittwochabend im Foyer der Stadthalle (Hangar) einen Auftritt des Schauspielers Wolfgang Beigel aus Heilbronn gewünscht hatte. Immer wieder trat dieser also vor die rund 80 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und las Passagen aus dem Grundgesetz vor, diesem Text, „der manchmal ein bisschen spröde daherkommt“, wie Harthan in seiner Abschiedsrede sagte, der ihm aber immer klarer werde. „Dass wir in einer Demokratie leben, ist doch für uns alle so wichtig wie die Luft zum Atmen.“
Umso alarmierender, dass „die beste aller Staatsformen“ zunehmend offen infrage gestellt werde, von „Abgehängten“, „Überforderten“, „Enttäuschten“, „Ewiggestrigen“, „Besserwissern“, aus eigener Sicht „Erwachten“, die nicht nur einfach spazieren gingen, sondern agitierten, diffamierten, manipulierten und systematisch versuchten, alles, was mit Demokratie zu tun habe, in ein schlechtes Licht zu rücken. Harthan: „Es ist unsere Aufgabe, die Demokratie zu verteidigen. Wobei mir das Wort verteidigen nicht so recht gefällt. Besser wäre, dass wir die Demokratie so leben, dass sie etwas Attraktives, etwas Erstrebenswertes ist.“

Anecken als Aufgabe

Es ist natürlich kein Zufall, dass der HT-Redaktionsleiter nicht einfach leise Lebewohl sagte, sondern noch einmal an den ganz großen Themen rührte. Es ist dies Ausdruck eines Wesens, das die Redner des Abends – Thomas Radek, Geschäftsführer der Südwest Presse Hohenlohe (SHO), Ulrich Becker, Chefredakteur der Südwest Presse in Ulm und Peter Unfried, Chefreporter der taz in Berlin – herausschälten: Harthan ging es immer ums Große und Ganze im Kleinen; leidenschaftlich war er dabei, streitbar auch. Angeeckt ist er, weil er dies als seine Aufgabe begriff.

Chefredakteur Ulrich Becker: „Andreas Harthan ist ein Querdenker“

„Andreas Harthan ist ein Querdenker“, sagte Chefredakteur Becker – und zwar nicht im heute verbreiteten, sondern „im allerbesten Sinne“: „Journalisten müssen noch einmal nachdenken über das, was ihnen der Bürgermeister oder der Sparkassenchef in den Block diktiert haben.“ Interessant und spannend sei Zeitung nur dann, „wenn die Köpfe hinter den Geschichten quergedacht haben“. Geschäftsführer Radek zitierte indes Werner Friedmann, den ehemaligen Verleger der Süddeutschen Zeitung, der einst sagte: „Nur jemand, der die Wahrheit und Gerechtigkeit leidenschaftlich liebt und erfüllt ist von der verantwortungsvollen Aufgabe, ein unverfälschtes Weltbild wiederzugeben, kommt dem Ideal des Zeitungsmannes nahe.“
Aus Sicht Radeks ist Harthan ein solcher Zeitungsmann, engagiert, unzähmbar neugierig, aber stets im Bewusstsein, dass ein Ideal nun einmal ein Ideal ist: „Sie wissen auch, dass der Journalist nicht weniger fehlbar ist, als die Politiker, Künstler, Banker oder Manager, über die Sie schreiben.“
taz-Chefreporter Unfried legte in seinem Vortrag in Bezug auf journalistische Selbstkritik den Finger in die Wunde. „Wir tun uns wahnsinnig schwer damit, unsere eigene Arbeit zu reflektieren“, sagte er. So werde derzeit etwa keine Mühe gescheut, die medienkritischen „Public Intellectuals“ Harald Welzer und Richard David Precht „als eitle Vollpfosten darzustellen“. Es zeige sich hier eine Unkultur, die auf Inhalte nicht mehr eingehe. Fazit: „Wir Medien müssen unsere Kultur überarbeiten.“

Keine blumigen Floskeln

Unfried, man merkt es schon, war nicht aus Berlin angereist, um Harthan blumige Abschiedsfloskeln auf die letzten Meter des Berufswegs zu streuen, sondern um ebenfalls das Große, das Ganze, zu betrachten. Der Journalismus habe noch keine Form gefunden, die Klimakrise zu verstehen, betonte Unfried. Unsere Gesellschaft und mit ihr die Medien seien „angeklebt“ in der Welt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, als die Deutschen der Radikalisierung abschworen und Maß und Mitte zu schätzen lernten. Dumm nur, dass sich mit der physikalischen Realität von heute – also mit der sich erhitzenden Erde – keine Kompromisse schließen lasse wie mit einer Gewerkschaft. Wie mit dieser Tatsache umgehen? Wie mit der rechtspopulistischen Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft als Reaktion auf diesen Umstand? Wie mit der Radikalisierung der jungen Klimabewegten, die Angst vor einer geraubten Zukunft haben? Große Fragen, auf die Medien aus Sicht Unfrieds bisher keine befriedigende Antwort haben.
Der Wahl-Berliner stammt aus Stimpfach, sammelte beim Hohenloher Tagblatt journalistische Erfahrung und bezeichnet Andreas Harthan als seinen „ersten Lehrmeister“. Von ihm habe er – selbst von Haus aus distanzierter Ironiker – gelernt, was er zunächst ablehnte: „Dass es um Einmischung geht, dass es nicht darum geht, sich rauszuhalten.“
Eine gute Lokalzeitung könne die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, aber die Gegend, in der sie erscheine, zu einem politischen Ort – mit Streit an den Stellen, an denen es Streit brauche.
Harthans Biss habe ihn beeindruckt, sagte Unfried – jener Biss, der einfach nicht abstumpfte. Unfried berichtete von einem privaten Gespräch mit dem scheidenden HT-Redaktionsleiter. Darüber, dass dieser sich auch nach vier Jahrzehnten immer noch über den Verlauf einer Gemeinderatssitzung aufregen konnte. Er nehme diesen Job eben ernst, sagte Harthan.
„Aber nehmen wir uns selbst vielleicht manchmal zu wichtig?“, fragte Unfried. Harthans Antwort: „Wir nehmen uns als Ich zu wichtig, aber als Institution nicht ernst genug.“ Es sprach: der Zeitungsmann mit Ecken, Kanten, Leib und Seele.