Für Crailsheimer sei es vielleicht befremdlich, ausgerechnet die Burgbergstraße in den Mittelpunkt einer Fotoausstellung im Stadtmuseum zu rücken, hielt Susanne Kröper-Vogt als Vertreterin der Stadt bei der vom Violinspieler Bahadir Arkilic begleiteten Vernissage fest. Sie selbst könne sich noch gut an Diskussionen im Gemeinderat erinnern, ob man die Musikschule in dieser Straße ansiedeln könne.
Die Burgbergstraße sei ihr nicht nur durch das von ihr geleitete Ressort „Soziales und Kultur“ auf dem Rathaus vertraut: Im Gebäude Nr. 63 hatten ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Zuflucht gefunden und sieben Jahre dort gelebt.
Ursprünglich sollte der in Crailsheim geborene und heute in Berlin lebende Wolfram Hahn 2017 im Auftrag der Stadt die Bauentwicklung in der Burgbergstraße dokumentieren, sagte Museumsleiterin Friederike Lindner. Aber aus der Dokumentation war für Wolfram Hahn schon bald ein Kunstprojekt geworden, das sich mehr auf Porträts der Anwohner konzentrierte.

Erst Militär, dann Flüchtlinge

Wiebke Loeper, Professorin für Fotografie an der Fachhochschule Potsdam, gab einen historischen Rückblick auf die in der NS-Zeit entstandene Burgbergstraße: Seinerzeit wurde dort ein Fliegerhorst gebaut.
Nach Kriegsende sei dieses Viertel zu einem Zufluchtsort geworden, „eine Art Übergangs-Crailsheim“. Heimatvertriebene, Aussiedler aus der DDR und Osteuropa und Flüchtlinge aus Bosnien, arabischen Ländern und vom afrikanischen Kontinent haben dort im Laufe der Jahre eine neue, meist vorübergehende Heimat gefunden.
Wolfram Hahn habe eine Begabung, Ernsthaftigkeit zu vermitteln und den Fotografierten Respekt entgegenzubringen, sagte Wiebke Loeper. Nicht umsonst sei er bereits im Jahr 2012 mit dem zweiten Preis des World Press Photo Award für seine Porträts in der Reihe „Into the Light“ ausgezeichnet worden.
Immer wieder habe sich Wolfram Hahn mit Themen beschäftigt, die am Rande liegen: Menschen, Räume, Objekte. In Crailsheim zum Beispiel zeigte er beim Kulturwochenende seine Ausstellung „Plastic Bags“.
Zur aktuellen Ausstellung „Mein Crailsheim“ beleuchtete Wiebke Loeper mehrere Aspekte. Da gebe es die Metaebene dahinter: die Geschichte Crailsheims, aber auch die Geschichte seiner Menschen und bedeutende Themen wie das Recht auf eine Wohnung.

Geborgenheit vermittelt

Wolfram Hahn wollte nicht nur die Menschen der Burgbergstraße porträtieren, sondern hat seine Ausstellung auch um Garten- und Landschaftsbilder erweitert. Für ihn sei es auch ein Abgleich mit der eigenen Familiengeschichte gewesen, die ebenfalls mit Flucht zusammenhängt.
Darüber hinaus hat er schließlich mit Archivmaterialien und privaten Fotos von Anwohnern die Ausstellung ergänzt. Sie sind unter Glasplatten auf drei Tischen zu sehen, umgeben von den Porträts. Die Bilder auf den Tischen seien „assoziativ geordnet“, sie sollten „zueinander sprechen“ und eine „subjektive Geschichtswahrnehmung erzeugen“, sagte die Professorin.
Schutz, Wärme und Geborgenheit vermittle diese Ausstellung ebenfalls, sagte Wiebke Loeper. Besonders fielen auch die Sichtachsen auf. Das lässt sich zum Beispiel bei dem Porträt eines jungen Menschen aus einem afrikanischen Land nachvollziehen, der eine Baseballmütze trägt.
Sein fast leerer Blick geht in Richtung einer Fotografie, auf der ein Treppenhaus mit einer zugemauerten Tür zu sehen ist – aber mit einem Lichtblick daneben.

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