Rios „Spiele für alle“ von 2016 kamen letztlich nur einem kleinen Teil der Bevölkerung zugute. Viele Versprechen, welche 2009 im Zuge des Bewerbungsprozesses für Olympia gemacht wurden, konnten nicht eingelöst werden. Diese Erkenntnis gewannen 25 Neuntklässler des Beruflichen Schulzentrums Bietigheim-Bissingen bei einem aufwendigen Rechercheprojekt. Das Ergebnis – eine 17 Folien umfassende Präsentation – reichten sie beim 48. Schülerwettbewerb zur politischen Bildung ein und errangen unter mehr als 2500 Einsendungen in der Kategorie „Der Traum von Olympia“ einen mit einer Summe von 1500 Euro dotierten zweiten Platz.
Die Idee zur Teilnahme hatte Studienrätin Lena Ambrus, die im Jahr 2016 schon einmal mit einer Klasse beim Schülerwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung erfolgreich war. Ausgangspunkt war dabei die im Gemeinschaftskunde-Unterricht der Klasse 6TG9-1 gestellte Leitfrage „Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro – Segens- oder Schadensbringer?“, die von den Schülern beantwortet werden sollte.
Wie die Schüler am Mittwoch bei einer Präsentation berichteten, gingen sie arbeitsteilig mit unterschiedlichen Schwerpunkten an das Thema heran. Dann diskutierten sie die aus der Medienrecherche gewonnenen Erkenntnisse mit Experten: Sportmoderator Michael Antwerpes vom SWR, Turnlegende Eberhard Gienger (Weltmeister 1974 am Reck), Rios Olympionikinnen Daniela Daubner und Annika Bruhn sowie Fabricio da Conceicao aus Rio wurden befragt.

Gespräch mit Experten

Auf Letzteren, der gerade in Deutschland war, war Lehrerin Lena Ambrus durch Zufall übers Tammer Amtsblatt aufmerksam geworden. Während der Moderator und die beiden Teilnehmerinnen an den Spielen ein eher positives Olympiabild hatten, habe vor allem der Brasilianer über die negativen Seiten der Spiele berichtet, so die Schüler rückblickend.
Sie fanden beispielsweise heraus, dass Stadien, die nach 2016 für den nationalen Sport nutzbar gemacht werden sollten, inzwischen leer stehen. Bei Kläranlagen, die das Abwassersystem Rios verbessern sollten, fehlten Zuleitungen. Befriedungsaktionen der Polizei hätten in das bestehende Sozialgefüge der Armenviertel eingegriffen und sogar zu einer Steigerung der Kriminalitätsrate geführt. Bewohner der Vila Autódromo schickten Bilder, die dokumentierten, wie ihre legal entstandene Siedlung dem Olympischen Dorf weichen musste, das heutzutage nur noch zum Teil bewohnt sei.
Und der Teleférico, eine 2009 erbaute Gondelbahn, welche den Wandel symbolisieren sollte, stehe still und sei ein Mahnmal uneingelöster Olympia-Versprechen, so das Resultat der Schüler-Arbeit.
Mit diesen Einsichten traten die Schüler über Skypekonferenzen mit einer Klasse des Colégio Humboldt in Sao Paulo in Kontakt, die sich der Thematik ebenfalls angenommen hatte, um die Resultate in einer vergleichenden Darstellung zu analysieren. Am Ende hätten die Meinungen beider Schülergruppen überein gestimmt, sagt die Klasse. Die Spiele hätten der Stadt am Zuckerhut mehr Schaden als Nutzen gebracht. Lediglich im öffentlichen Verkehrssystem sehen brasilianischen Medien spürbare Verbesserungen.

Tablets im Einsatz

Bei der Medienrecherche, dem interkulturellen Austausch, dem Erstellen der Präsentation und dem Einfügen der eingesprochenen und geschnittenen Audiodateien hätten die Neuntklässler des 6-jährigen Technischen Gymnasiums vom Einsatz ihrer Window-Tablets, die einen zentralen Bestandteil des Unterrichts ausmachten, profitiert, sagt Schulleiter Stefan Ranzinger. So habe ein Ergebnis eingereicht werden können, „das die Jury inhaltlich, gestalterisch wie auch medial überzeugte“.
Es seien „harte Wochen“ gewesen, meint Lehrerin Lena Ambrus. Die Schüler haben für das Projekt über den Unterricht hinaus viel Zeit investiert. Doch: Es habe Spaß gemacht, selbst zu recherchieren und Fragen zu stellen, so war zu hören. Man habe gelernt, Dinge zu hinterfragen, sei auch selbstsicherer geworden. Das Projekt habe gezeigt, „dass sich viele Menschen vom Gigantismus Olympias blenden lassen und nicht die Probleme sehen, welche die Vorbereitung, Durchführung und das Erbe der Spiele mit sich bringen“, resümiert Ben Deyhle aus Sicht der beteiligten Schüler. Man werde künftige Olympische Spiele kritischer wahrnehmen, denn die Schüler hätten erkannt, dass sportlichen Megaereignisse durchaus auch eine „Kehrseite der Medaille“ haben.
Schulnoten wurden im Rahmen der Projektarbeit ebenfalls vergeben. Die 1500 Euro, die die Klasse erhalten hat, sollen mit der Schule in Sao Paulo geteilt werden, der eigene Anteil soll in die Finanzierung eines Schullandheimaufenthalts in Südtirol einfließen.

Info Am Samstag, 23. Februar, veranstaltet das Berufliche Schulzentrum von 10 bis 14 Uhr einen Tag der offenen Tür, bei dem auch das 6-jährige Technische Gymnasium und die prämierte Präsentation vorgestellt werden.