Im Streitfall Tim Heilig gegen die Stadt Bietigheim-Bissingen gibt es gute Neuigkeiten: Vergangene Woche trafen sich die Stadt und die Untere Naturschutzbehörde. Das Ergebnis: „In Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde beginnen ab Donnerstag, 2. Mai, die Arbeiten der beauftragen Spezialfirma zur Absicherung des Felsens hinter dem Gebäude“, teilt Stadtsprecherin Claudia Schneider auf Nachfrage mit. „Ich sehe es positiv, dass die Stadt endlich etwas machen will, aber mein Restaurant ist nach wie vor zu“, sagt Heilig.
Teil der Maßnahmen sei es auch, den geleerten Gastank am Donnerstagmorgen aus der Gefahrenzone zu bringen und ihn auf den Parkplatz zu versetzen. So können die Arbeiten hinter dem Gebäude erfolgen. Die Stadt rechnet derzeit mit einer Dauer von sechs Wochen – in Abhängigkeit der Maßnahmen. Soll heißen: Im schlimmsten Fall kann es auch länger dauern. „Die Stadtverwaltung arbeitet mit Hochdruck an der Lösung des Problems“, betont jedoch Schneider. Bereits am Montag wurde die Holzbedachung des Gasttanks entfernt, so Heilig.

Nächster Schritt: Gericht

Für den 1. Mai jedoch und den bereits entstandenen Einnahmeausfall helfe das dem Paulaner-Betreiber Tim Heilig wenig. „Der 1. Mai ist einer von den besten Tagen im Jahr“, sagt er. Genaue Ausgaben zu seinen Verlusten und Kosten wolle er nicht machen. Nur so viel: „Es brennt jetzt schon. Alle Kosten laufen ja weiter. Rund 20 000 Euro im Monat laufende Kosten werden es schon sein.“ Darin enthalten sind Miete, Versicherungen und Personalkosten. „Da meine Lebensgefährtin hier mit arbeitet, sind unsere Einnahmen gleich Null.“ Auch deswegen habe er bereits einen Anwalt eingeschaltet. „Es liegt nun alles beim Verwaltungsgericht“, sagt der Betreiber. Hier hofft er auf eine schnelle Bearbeitung jedoch befürchtet er, mache ihm auch da der Feiertag am Mittwoch einen Strich durch die Rechnung.
Zusätzlich hat Heilig bereits am Ostersamstag eine Online-Petition zur „Erhaltung des Paulaner Biergarten Bietigheim“ erstellt. Fast 1400 Unterschriften sind bereits eingegangen. Nicht jede Unterschrift kommt dabei aus Bietigheim-Bissingen selbst. Vereinzelte Stimmen stammen aus Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen. „Vielleicht sind das ehemalige Bietigheimer“, erklärt sich Heilig die Stimmen. Rechtlich sei ihm klar, dass die Petition keine Wirkung habe. Er wolle sie zwar bei der Stadt abgeben, aber nicht darüber hinaus bei Land- oder Bundestag. Anette Hochmuth, Pressesprecherin der Stadt, erklärt dazu auf Nachfrage: „Eine Petition oder Unterschriftensammlung hat keine rechtliche Wirkung. Sie ist Ausdruck der Wünsche der Menschen, die sich beteiligen.“ Allerdings, ergänzt Hochmuth, werde die Stadt die Wünsche zur Kenntnis nehmen und weiterhin ihre Entscheidungen sorgfältig prüfen.
„Es geht darum, dass Verwaltung und vor allem der Oberbürgermeister zu Kenntnis nehmen, wie wichtig der Biergarten den Bürgern ist“, sagt Tim Heilig. Denn daran hat er ernsthafte Zweifel. Er wirft der Stadt vor, sie habe kein Interesse daran, die Gaststätte zu halten. Auch die Sicherung des Felsens hätte früher begonnen werden können. „Das hätte man alles bereits vor einem Jahr machen können. Über den Winter haben wir so oder so zu“, sagt der Gastwirt, „da hätten keine Vogelnester und Pflanzen entfernt werden müssen.“ Heilig berichtet, dass vor  einem Jahr, am 30. April 2018, ein fußballgroßer Stein in der Nähe heruntergefallen sei. Danach hat die Stadt zur Sicherung des Tanks zusätzlich zum vorhandenen Trapezblech noch eine feste Holzüberdachung angebracht.
Besagter Tank ist von Heilig bereits geleert worden. Dadurch hoffte er, er könne wenigstens das Restaurant wieder öffnen. Doch die Stadt verwies darauf, dass der Gastank nicht die alleinige Gefahr darstelle. Steine könnten ebenso auf den Parkplatz, das Vereinsheim und den Biergarten fallen.

Nicht nur in Bietigheim besteht Steinschlaggefahr

Die Felswand entlang der Wobachstraße in Bietigheim-Bissingen besteht aus Muschelkalk und dieser ist rund 235 Millionen Jahre alt. Derartige Felsen weisen aufgrund ihrer starken Temperaturschwankungen, der Wasser- und Nährstoffarmut sowie der fehlenden oder dünnen Bodenauflage extreme Lebensbedingungen auf, heißt es auf der Homepage des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg. Die daran angepasste Pflanzen- und Tierwelt sei durch viele seltene Arten gekennzeichnet und deshalb schützenswert. Deswegen musste sich die Stadt Bietigheim-Bissingen zunächst mit der Unteren Naturschutzbehörde absprechen, bevor sie die Felssicherung angehen konnten.
Auch der geologische Lehrpfad mit dem Natur-Info-Center befindet sich in unmittelbarer Nähe der Felswand. „Dort war neulich wieder eine Kindergruppe. Besteht dort keine Gefahr?“, fragt Tim Heilig. Die Stadt jedoch erklärt, dass der Lehrpfad bereits seit Jahren regelmäßig von der Bergwacht kontrolliert werde. Im Bereich des Treppenaufgangs wurde dort ein Schutznetz aus Metall angebracht. Das sei auch der Grund gewesen, dass ein Geologe zur Erstellung eines Gutachtens für den Bereich des Vereinsheims eingeschaltet wurde.
Die Gefahr von Steinschlägen ist in Bietigheim-Bissingen keine neue: 2009 kämpfte die Untermbergerin Helga Reisinger für eine Sicherung einer acht Meter hohen Felswand. Die Wand trägt einen Teil der Kreisstraße 1684 (Unterriexinger Straße). Immer wieder lösten sich Gesteinsbrocken aus der Felswand. Damals stritten die Stadtverwaltung und das Landratsamt Ludwigsburg darüber, wer bezahlen muss. Die Stadt trug letztlich die Kosten von 8000 Euro, für die ein Steinschlagschutznetz angebracht wurde.
Ein derartiges Netz war auch in der Kommune Traunreut in Oberbayern geplant, mit der Sachsenheim seit Jahren freundschaftliche Kontakte pflegt. 2010 löste sich ein zwei Stockwerke hoher Felsbrocken und stürzte auf ein Einfamilienhaus. Eine vierköpfige Familie war gerade beim Abendessen, als das Unglück passierte. Der 45 Jahre alte Familienvater und seine 18-jährige Tochter überlebten nicht. Der Grundeigentümer habe allerdings bereits Jahre zuvor versucht, das Gelände mit einem Netz und Stahlseilen zu sichern. Doch Naturschützer rieten ihm mit Verweis auf dort lebenden Fledermäuse und Bergdohlen ab. Allerdings hätte ein Netz einen Steinschlag dieser Größe wohl nicht halten können. rwe