Schon wieder gibt es Lieferengpässe bei Medikamenten. Vor zweieinhalb Jahren schreckte der Mangel an Psychopharmaka und Antiepileptika Patienten auf, die darauf angewiesen sind. Es schien damals, als handele es sich um ein Thema unter vielen, die in der Corona-Welle hochgespült und dann wieder vergessen würden. Doch bei genauerem Hinsehen offenbarte sich, dass Corona allenfalls einige Schwachstellen im System aufgedeckt hat. Ausschlaggebend für Lieferengpässe und Medikamentenmangel waren hausgemachte Probleme, an deren Entstehen die Krankenkassen fleißig mitgewirkt haben: Sie üben auf die Pharmaindustrie einen immensen Kostendruck aus, indem sie den Preis eines Medikaments über Rabattverträge diktieren. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Eine Krankenkasse schließt einen Vertrag über einen bestimmten Wirkstoff mit einem Konzern X ab. Dieser erhält im Gegenzug für großzügige Rabatte ein Exklusivbelieferungsrecht, das mit der Abgabe hoher Mengen einhergeht. Darauf reagieren andere Pharmakonzerne, indem sie sich aus der für sie nun unwirtschaftlichen Produktion dieses Wirkstoffs zurückziehen. Weil sie ja wissen, davon kaum etwas verkaufen zu können.

Eine einzige Katastrophe

Gerät aber der Konzern X in Schwierigkeiten, ist da kein anderer Konzern, der mit eigenen Produkten aushelfen könnte.
Die Folgen sind Frust und Ärger bei Patienten, die möglicherweise die Apotheke mit leeren Händen verlassen. Das ist umso mehr erschütternd, als Apotheken seit Jahrzehnten den Inbegriff von Seriosität und Zuverlässigkeit verkörpern. Doch was Apotheker Sebastian Müller (er betreibt Apotheken in Balingen und Haigerloch) derzeit erlebt, toppt seine Erfahrungen aus den vergangenen zweieinhalb Jahren: „Es ist eine einzige Katastrophe.“
Dass die meisten Grundstoffe für Medikamente überwiegend zentral in China, Indien oder vereinzelt in den USA hergestellt werden, verschärft die Situation. Wehe, bei einem der dort ansässigen Pharmariesen fällt eine Produktionsstraße aus.
Bereits 2018 gab es einen ersten ernstzunehmenden Engpass beim Wirkstoff Valsartan, der zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt wird. Vor zwei Jahren fehlten plötzlich Antiepileptika, Antidepressiva, Schmerzmittel und Säureblocker.

Wirksubstanzen fehlen

Doch die Liste konnte nur ein Jahr später erweitert werden, denn auch im vergangenen Jahr berichtete der Sprecher des Landesapothekenverbandes, Frank Eickmann, unserer Zeitung, Lieferengpässe zögen sich inzwischen über das gesamte Indikationsspektrum.
Er sollte Recht behalten, wie ein Anruf in einer Apotheke in der Region bestätigt: „Es ist nicht mehr lustig“, sagt eine Apothekerin, die lieber anonym bleiben möchte. Zu viele Emotionen ließen sie möglicherweise etwas Falsches sagen. Zurzeit sind die Wirkstoffe Ibuprofen und Paracetamol knapp, jedenfalls in der für Kinder praktikablen Darreichungsform als Saft. Beide Wirkstoffe sind fiebersenkend, Ibuprofen ist zudem entzündungshemmend, Paracetamol mildert Schmerzen.
Doch der Kinderfiebersaft ist kaum lieferbar: „Wir wissen auch nicht, woran es grundsätzlich liegt“, sagt eine andere erfahrene Pharmazeutin. „Manchmal fehlen einfach Gefäße zum Abfüllen“, sagt sie, korrigiert sich dann aber selbst. Denn kleine Flaschen hat die Apotheke, ebenso die fachliche Expertise, Fiebersäfte selbst herzustellen. Allein die Wirksubstanzen Ibuprofen und Paracetamol sind nicht zu haben.
Nein, die Probleme liegen tiefer, klagt sie. Angefangen habe alles mit den Gesundheitsreformen. Festbeträge für Medikamente wurden eingeführt, war die Arznei dennoch teurer, mussten Patienten den Aufschlag selbst bezahlen. Gesundheit wurde zunehmend eine Frage von Aufwand und Ertrag.
Treffender als ein defätistischer Witz aus DDR-Zeiten kann man die Situation kaum beschreiben. Dort betritt ein Kunde ein Kaufhaus, sieht sich um und fragt: „Gibt‘s hier keine Schuhe?“ Die Antwort des Verkäufers: „Nee, keine Schuhe gibt‘s oben, hier gibt es keine Mäntel.“
Mangelwirtschaft, und das im Gesundheitswesen, schimpft die Branche. Weil nur noch wenige Monopolisten aus China und Indien die meisten Wirkstoffe herstellen. Wenn einer schlapp macht wegen einer Überschwemmung oder weil Keime gefunden wurden, gerät die gesamte Pharmaindustrie weltweit ins Humpeln. Das erlebt man bei Fahrrädern, die größtenteils in Taiwan oder Korea montiert werden, das erlebt man bei Unterhaltungselektronik, bei Autos. Aber bei Medizin für Kinder?
Eine andere Apothekerin: „Ich muss schon so genügend Diskussionen führen“, sagt sie. „Wenn etwas fehlt, gibt man uns die Schuld. Für viele Patienten ist es nicht einsehbar, dass manche Präparate nicht erhältlich sind.“ Es ist aber grundsätzlich nicht alles sofort lieferbar, nicht mal bestellbar. „Natürlich“, räumt sie ein, liegt das auch an der Globalisierung. In vielen Arzneimitteln ist Chlor enthalten. „Wen interessiert das in Indien oder China, wenn das Zeug in die Flüsse gekippt wird?“ In diesen Ländern gelten andere Umweltstandards. Da gelten andere, niedrigere, Löhne als in Europa oder gar Deutschland.
Deswegen alle Grundsubstanzen wieder in Deutschland herstellen? „Ach, wer soll denn das bezahlen?“ Sie hofft nur, dass die Patienten jetzt nicht hamstern. Nur, weil doch mal Fiebersaft im Regal steht, muss man ihn deswegen nicht gleich kaufen. Rein aus Vorsorge, weil das Kind demnächst in den Kindergarten kommt, auch nicht. Heute ist es Fiebersaft, der fehlt. Morgen kann es schon wieder etwas anderes sein.