Laut lachend rennen sie umher, toben zwischen den Bäumen und schlittern voller Freude auf ihren bunten Schneerutschern den kleinen, mit Schnee bedeckten Abhang hinunter. Von Kälte und Müdigkeit ist bei den Kindern in der Natur-Kita Sonnenwinkel in Isingen bei Rosenfeld morgens um 8 Uhr nichts zu spüren. „Wir möchten heute nochmal den Schnee auszunutzen, bevor es in den nächsten Tagen anfängt zu tauen“, sagt Leiterin Anita Greule. Gemeinsam mit zwei weiteren Erzieherinnen und einer Auszubildenden im Anerkennungsjahr beaufsichtigt sie seit 7.30 Uhr die Kinder, die nach und nach von den Eltern vorbeigebracht werden. 24 sind es, wenn alle da sind, am Dienstagmorgen fehlen aufgrund von Krankheit allerdings zehn Kinder.

Bei der Honigernte alles über Bienen lernen

Dick eingepackt in Schneeoveralls, mit Mütze, Schal und Handschuhen trotzen die Drei- bis Sechsjährigen der Kälte. Ohnehin machen ihnen die Temperaturen nichts aus, immerhin sind sie, ganz nach dem Konzept einer Natur-Kita, fast das komplette Jahr über an der frischen Luft. Auch im Winter verbringen sie, solange es nicht stürmt, zwei bis drei Stunden am Vormittag draußen.
Durch den strikten Aufenthalt im Freien bringen Natur-Kitas wie die in Rosenfeld den Kindern die Natur nahe. Neben dem freien Herumtoben und Spielen im Wald gehören auch pädagogische Angebote wie Basteln oder Schnitzen dazu. Auch bei der Honig- und Obsternte waren die Kinder schon dabei. Dabei dürfen sie immer auch eigene Wünsche äußern. „Wichtig ist uns nur, dass die Gruppe immer etwas zusammen macht“, sagt Greule.
Kommunikation, Absprache und Toleranz sind Fähigkeiten, die die Kinder in der Natur-Kita lernen. Auch auf Sprache wird von den Erzieherinnen viel Wert gelegt: „Sie müssen sich beim Spielen im Wald miteinander unterhalten“, sagt Greule. Dadurch werde nicht nur das Sprachvermögen besser, auch zurückhaltende Kinder tauen auf.

Positive Effekte auf Motorik und Konzentration

Auch eigenverantwortliches Verhalten lernen die Kinder durch die Natur: „Sie sind sehr selbstständig, probieren sich aus und kennen ihren Körper“, sagt Anerkennungspraktikantin Luca Marie Pfister. Sie hat in ihrer Ausbildung zur Erzieherin unterschiedliche Kindertagesstätten besucht und schnell gemerkt, dass Kinder in einer Natur-Kita anders aufwachsen. Das betreffe auch die Grobmotorik sowie Körperbewegungen. „Die sind viel automatisierter“, sagt Pfister, „dadurch trauen sich die Kinder mehr zu.“
Positive Rückmeldung erhält die Kindertagesstätte auch von Grundschulen. Demnach können sich die Kinder, die zuvor in der Natur-Kita waren, besser konzentrieren. „In der Natur erfahren sie viel mehr Reize, wie zum Beispiel Tiergeräusche oder das Martinshorn“, erklärt Anita Greule. „Deshalb lernen sie schon bei uns, sich zu fokussieren.“
Nach der ersten Spielerunde kommen alle Kinder zu einem Morgengruß zusammen. Gemeinsame Rituale sind dem Team aus der Natur-Kita wichtig. So lernen die Kinder auch ein angemessenes soziales Miteinander. Gemeinsam singen sie ein Begrüßungslied, lernen zählen und erarbeiten das Datum und die aktuelle Jahreszeit.
Danach heißt es aufwärmen und stärken im Innenraum der Kita. Nach einem kurzen Gebet essen die Kinder ihr selbst mitgebrachtes Müsli, Brot und Obst. Eine kurze Vorleserunde darf nicht fehlen, bevor es die Kinder wieder ins Freie treibt. Dass sie gerne draußen sind, ist spürbar. Voller Vorfreude und Energie greifen sie sich Holzschlitten und Schneerutscher und machen sich mit ihren Erzieherinnen auf den Weg zu einem Rodelhang am Ortsrand.

Meinungen anderer akzeptieren und tolerieren

Unterwegs ist immer Zeit für ein Pläuschchen zwischen den Kindern und den Erzieherinnen. So kann es auch vorkommen, dass über schwierige Themen wie den Tod gesprochen wird. „Religion und Sterben sind den Kindern und uns wichtig“, berichtet Greule. Durch ihren Aufenthalt im Wald erfahren die Kleinsten, dass der Kreislauf des Lebens auch dort erkennbar ist. Greule: „Die Kinder machen sich zum Beispiel Gedanken zu Mäusen im Mäusehimme, oder warum der Fuchs die Maus frisst.“ Im gemeinsamen Austausch suchen sie Erklärungen, philosophieren, trauen sich, eigene Vermutungen zu äußern und lernen dadurch auch, andere Meinungen zu tolerieren.
Nach dem gemeinsamen Ausflug geht es um etwa 12 Uhr zurück zur Kita, wo die Kinder von ihren Eltern abgeholt werden. Doch bevor es nach Hause geht, heißt es noch einmal zusammenkommen. In einer Abschlussrunde sagen sie einander auf Wiedersehen – und bis morgen.

Viele Feste im Jahresverlauf

Die Natur-Kita Sonnenwinkel in Rosenfeld ist nicht die einzige in der Heubergregion, in der Kinder hauptsächlich draußen aktiv sind. So hat die Nachbargemeinde Geislingen einen Wald-Kindergarten.
Neben den alltäglichen Ritualen feiern die Kinder dort auch große Feste im Jahresverlauf. So steht im Februar Fasnet auf dem Programm, danach folgen Ostern und im Herbst gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde das Erntedank- sowie Laternenfest. Zum Jahresabschluss feiert die Gruppe gemeinsam Nikolaus und Weihnachten.
Wichtig ist den Kindern vor den Sommerferien das Verwandlungsfest, bei dem sie, gemäß ihres Alters, eine Stufe nach oben wechseln und die Sechsjährigen in die Grundschule verabschiedet werden.