Balingen und Reutlingen trennen etwas mehr als 45 Kilometer. Und was Balingen ab dem 5. Mai 2023 aufblühen lässt, ist in Reutlingen beinahe 40 Jahre her. Die Landesgartenschau ist eine ungemein große Chance für Städte, ihr Stadtbild nachhaltig zu verändern. Doch wie Blumen sind auch Gebäude vergänglich und benötigen Pflege. Ein Zeugnis dafür steht in der Pomologie in Reutlingen: das Glashaus.

Die Statik ist noch in Ordnung

Ob es demnächst sogar einstürzen könnte? Dan Welther schüttelt den Kopf und blickt nach oben. Einige der Fenster sind aus der Einkittung gerutscht, es ist zugig im Glashaus. Doch die Statik an sich ist noch in Ordnung und gut erhalten. Erbaut zur Landesgartenschau 1984 ist das gläserne Gebäude in die Jahre gekommen. „Der Zustand passt eben zum Alter“, sagt Michael Göppinger, städtischer Abteilungsleiter für Grünflächen und Umwelt. Göppinger und Welther verbindet vieles mit diesem besonderen Objekt. Als vierjähriger Bub war Göppinger fast täglich auf der Landesgartenschau 1984 – so oft, dass er als Fotomotiv in die Sonderausgabe einer lokalen Tageszeitung gekommen war. Und Welther? Der wohnt direkt neben dem Glashaus und kümmert sich als TBR-Mitarbeiter seit mehr als 30 Jahren um Pomologie und Volkspark – das Glashaus kann man beinahe als sein Büro bezeichnen.

Sicherheitsglas wäre zwingend notwendig

Doch wo liegen die Knackpunkte bei einer möglichen Sanierung? Zum einen in rechtlichen Auflagen. Obwohl die Fenster bislang jedem Hagel getrotzt haben, „muss laut Vorgaben über Kopf Verbundsicherheitsglas einsetzt werden“, erklärt Göppinger. „Die würden dann auch richtig verschraubt werden. Bisher sind die Scheiben nur in den Klemmleisten eingekittet.“ Beim Kitt müsste zudem noch geprüft werden, ob dieser als Sondermüll entsorgt werden muss. Stichwort Asbest. „Für das Material dieser Bauzeit kann man nicht ausschließen, dass der Kitt Schadstoffe enthält“, sagt Göppinger.

Ort für Kultur und Geselligkeit

Diese Sicherheitsaspekte sind wichtige Punkte, aber nicht die einzigen, die eine Sanierung notwendig machen. Die gesamte Technik inklusive Heizung und Stromkasten ist veraltet und muss erneuert werden. Vor allem dann, wenn das Glashaus in der Pomologie wieder so belebt sein soll wie früher. Nach der Landesgartenschau nutzten vor allem die Technischen Betriebsdienste Reutlingen (TBR) das Objekt als Lagerraum. „Ich habe hier häufig die Kräuter und Pflanzen für den Apothekergarten gezüchtet“, sagt Dan Welther. Später entdeckten Vereine und Organisationen den kulturellen und gesellschaftlichen Wert des Glashauses. Das Kulturamt lud zu Ausstellungen, das Kepler-Gymnasium setzte ebenso Aktionen um wie das „Kaffeehäusle“. Eine Voliere lockte als Hingucker. Doch das ist Vergangenheit.

Veranstaltungen mittlerweile verboten

Spätestens als Anfang 2019 weitere Schäden festgestellt wurden, musste die Stadt öffentliche Veranstaltungen im Glashaus verbieten. Ein Blick in Dan Welthers Augen verrät, wie sehr ihn das schmerzt. „So ein Gebäude braucht Leben. Es waren so viele Menschen beteiligt, die hier Freude hatten.“ Aktuell räumt die TBR das Glashaus sogar komplett aus – lediglich für die Schildkröten, die außerhalb des Winters Spaziergänger und Kinder im Außenbereich des Exatoriums erfreuen, bleibt das Glashaus ein vorübergehendes Zuhause.

400 000 Euro für einen Neubau

Damit es für Menschen wieder ein Ort der Begegnung und der Freude wird, so wie es das Glashaus verdient hätte, benötigt es mindestens 200 000 Euro. So viel würde eine Sanierung mindestens kosten, „allerdings beruht diese Kostenschätzung auf den Preisen von Anfang des Jahres“, schränkt Göppinger ein. Ein Neubau würde 300 000 bis 400 000 Euro kosten. Das wäre daher sinnvoll, weil man dann energetischer bauen und zudem Toiletten einbauen könnte. Für kulturelle oder gesellschaftliche Veranstaltungen sind diese kaum verzichtbar.
Doch wie für viele Projekte fehlt der Stadt Reutlingen das Geld. Den richtigen Zeitpunkt, in das Glashaus zu investieren, hat man verpasst. Kann sich die Stadt Balingen folglich was abgucken und aus den Erfahrungen der Reutlinger lernen? Göppinger zögert. „Die Frage, wann man saniert, stellt sich ja immer wieder. Das Glashaus ist eben alt.“

Abteilung wird nicht aufgeben

Die Abteilung für Grünflächen hat versucht, einen fünfstelligen Betrag für die Planung der Sanierung in den Haushalt 2023 einzustellen. Vergeblich. Michael Göppinger ist realistisch: „Wir kennen die Finanzlage der Stadt natürlich und haben Verständnis dafür, dass andere Dinge vorgehen – trotz des hohen Werts des Glashauses. Aber wir werden bei unseren Bemühungen nicht nachlassen und immer wieder versuchen, Geld für das Glashaus in den Haushalt einzubringen.“

Landesgartenschau in Balingen startet am 5. Mai

Toll gestaltete Grünanlagen, Ausstellungen, Foto-Gewinnspiel, modernes Streetart-Projekt: Die Landesgartenschau in Balingen hat viele Attraktionen und Highlights zu bieten. Sie startet am 5. Mai 2023 und ist für Besucherinnen und Besucher bis zum 24. September geöffnet. „Die Balinger Gartenschau ist für uns alle eine riesige Chance, unsere Stadt intensiv weiterzuentwickeln, bisher untergenutzten Flächen eine neue Funktion zuzuweisen und die Außenwirkung der Stadt zu stärken“, erklärt Balingens Oberbürgermeister Helmut Reitemann.
Dauerkarten sind bereits jetzt erhältlich, Tageskarten ab dem Frühjahr 2023. Alle wichtigen Informationen zum Gelände und der Historie der Landesgartenschau finden Interessierte online unter www.balingen2023.de.