Grünes Radlerhemd, schwarze Jogginghose, das Gesicht wettergegerbt, ein etwas struppiger Bart, eine lange, schwarze Haarpracht, mit ein paar grauen feinen Strähnen durchzogen – Michael Evertz wirkt fremd in den modernen, sterilen Räumen des Stahlhändlers Sülzle in Rosenfeld. Seine blauen Augen blicken immer wieder aufmerksam durch die kleine Gruppe von Mitarbeitenden, die sich für seinen Besuch versammelt hat.
Evertz ist „Klimaradler“. Mit dem Fahrrad soll es bis an das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika gehen. Ein Endziel mit symbolischer Schlagkraft seiner Mission „Expedition Hope“. Gestartet ist er Mitte April in Berlin, am vergangenen Freitag legte er einen Zwischenstopp auf seiner Schwarzwald-Etappe in Rosenfeld ein.
Evertz unternimmt diese Reise nicht nur aus purer Abenteuerlust. Er möchte Hoffnung in der Klimakrise schaffen und die Auswirkungen des Klimawandels anhand von Geschichten aus aller Welt erzählen. „Ich möchte beweisen, dass jeder die Macht hat, etwas zu tun“, erklärt er seine Motivation. „Klimaneutralität allein reicht nicht. Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. Und dieser wäre ein noch größere Revolution als die industrielle Revolution vor 300 Jahren.“ Der globale Norden müsse Verständnis für den globalen Süden aufbringen. Manchmal habe er aber den Eindruck, dass Menschen mehr Angst vor Wohlstandsverlust als vor der Klimakrise hätten.
Deshalb hat sich der 64-Jährige einiges vorgenommen: 30 000 Kilometer, mehr als 30 Länder, rund 800 Tage Fahrradfahren. Das erklärte Ziel seiner Mission: ein „Weg der Hoffnung“ durch eine Abenteuer-Geschichte aufzeigen. „Wie schaffen wir es, als Menschheit zusammenzurücken?“

Teilnahme an COP 28 in Dubai

Deshalb führt ihn sein Weg auch zunächst zur 28. Klimakonferenz nach Dubai (30. November bis 12. Dezember). „Die Klimaneutralität wird nicht ausreichen. Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Wandel“, sagt Evertz. Seine Stimme ist ernst, die blauen Augen blitzen auf. 9000 Kilometer sind es bis Dubai, über Italien und Saudi-Arabien. Anschließend führt in seine Route weiter nach Ostafrika.
Syrien und der Sudan sind unter anderem zwei Länder, die Evertz Sorgen bereiten. „Die Reise kostet mich wahnsinnig viel Kraft und Mut“, sagt Evertz. „Die Reise ist überhaupt keine leichte Aufgabe. Ich werde an meine Grenzen kommen.“ Bis Juni 2025 plant er, unterwegs zu sein. Im Durchschnitt will er 350 Kilometer in der Woche zurücklegen, je nach Wetterbedingungen bis zum 90 Kilometer täglich. „Mehr geht nicht, da es so eine lange Strecke ist und ich meine Kräfte einteilen muss und gleichzeitig genug Zeit haben will für die Geschichten“, sagt der 64-Jährige.
Eine Einreise nach Syrien ist momentan beispielsweise nicht möglich, deshalb müsse Evertz vor Ort durchschleusen lassen. Im Sudan hat sich seit Mitte April die innenpolitische und wirtschaftliche Lage durch bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen dem sudanesischen Militär und der paramilitärischen Miliz RSF (Rapid Support Forces) verschärft. „Der Arsch geht mir ganz schön auf Grundeis“, gibt Evertz zu. Seine Ehrlichkeit zeigt, dass hier „kein liebevoller verrückter Spinner“ sitzt, so wie es Geschäftsführer Sülzle ausgedrückt hatte. Der einstige Ökonom Evertz zitiert immer wieder aus Anthropologie und Soziologie. So schreibt er auf seiner Website, dass Kooperation die stärkste evolutionäre Kraft sei, die den Weg zum modernen Menschen möglich gemacht und ihm das Überleben gesicherte habe.
Evertz sieht in der Kooperation und Vernetzung ein Überlebensmittel. „Wir müssen PS auf diese Straße bringen“, sagt der Klimaradler. Unterwegs will er mit Menschen über ihre Ängste, Sorgen und auch Hoffnungen sprechen. Diese Gespräche sammelt er auf Social Media und präsentiert sie so der Öffentlichkeit. „Ich wünsche mir, dass eine Offenheit entsteht. Wie ticken die Länder und die einzelnen Kulturen? Wie gehen sie mit dem Klimawandel um und wie sehr priorisieren sie ihn?“, erklärt Evertz.

Fahrrad als Mittel der Begegnung

Der 64-Jährige fährt seit über 40 Jahren leidenschaftlich gerne Rad. Mehrere Reisen hat er so schon unternommen. „Beim Radfahren nimmt man die Welt aus einer anderen Perspektive wahr“, erklärt er die Faszination. Die Welt ziehe nicht so schnell an einem vorüber. Außerdem ermögliche das Fahrrad den Dialog mit Menschen und lasse gar nicht erst Barrieren entstehen. „Als Radfahrer ist man exotisch, auch in Afrika bin ich ein verrückter Spinner“, erzählt er und lacht. Man komme aber direkt auf Augenhöhe mit den Menschen in Kontakt.
Evertz ist in Köln aufgewachsen, die schöne Natur Bayerns hat ihn aber nach Starnberg bei München verschlagen. Dort lebe er minimalistisch. Das einzige Konsumgut, das er besitzt: sein Fahrrad. „Mehr brauche ich nicht.“ In seinem Minimalismus möchte er Vorbild sein: „Ich habe einen seelischen Reichtum gefunden. Das ist ein sehr erfüllendes Gefühl.“ Evertz ist zu seinem eigenen Bedauern kinderlos. Zwei Dinge treiben ihn an: zum einen der eigenen Machtlosigkeit gegenüber dem Klimawandel entfliehen, zum anderen der Wunsch, der heranwachsenden Generationen etwas zu hinterlassen.
Ob er selbst nie die Hoffnung verliere? Evertz überlegt kurz. „Ich schwanke oft zwischen Optimismus und Pessimismus.“ Dann lacht er ein bisschen. Momente des Pessimismus bescheren ihm unter anderem nicht stattfindende Begegnungen mit Weltkonzernen: „Die Bedeutung des Klimawandels scheint dort noch nicht angekommen zu sein.“ Auf seiner Reise wollte er mehreren Unternehmen einen Aufruf überreichen. Lediglich zwei Unternehmen boten einen Termin an, die anderen sagten ihm ab.
Am Ende des Gesprächs stößt noch Rosenfelds Bürgermeister Thomas Miller zum Gespräch dazu. Dann stehen Miller, Evertz und Sülzle auf dem Parkplatz – Politiker, Aktivist und Unternehmer diskutieren über die Vereinbarkeit wirtschaftlicher Interessen und Klimaschutz. Es sind unterschiedliche Perspektiven, die auf Augenhöhe diskutiert werden. Doch Unternehmer und Politiker sind recht schweigsam im Vergleich zum redseligen Idealismus des Klimaradlers.
Info: Wer Evertz auf seiner Reise folgen möchte, kann dies auf Instagram (@expedition_hope_earth) und seiner Website (www.expedition-hope.earth) tun.

Finanzierung der Expedition Hope

Michael Evertz finanziert seine Reise durch Kooperationen mit Unternehmen und Spenden. Die Zusammenarbeit mit Sülzle kam über einen gemeinsamen Bekannten zustande.
Die Sülzle-Gruppe beschäftigt rund 1000 Arbeitnehmer an 29 Standorten in Deutschland und Frankreich. Sülzle räumt im Gespräch ein, dass es nicht leicht sei, unternehmerische Interessen mit dem Klimaschutz unter einen Hut zu bringen. Aber: „Klimaschutz gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer Zeit. Wir wünschen Evertz für seine spannende Tour viele wertvolle Begegenungen und allzeit gute Fahrt.“ Nur durch Kooperation könne man den Klimaschutz am Laufen halten.