Leider muss der Hausherr kurz weg und den Handwerker daheim alleine lassen. Dieser verspricht, die Heizung zu reparieren und dabei vorsichtig zu den Bodenfliesen zu sein. Kaum fällt die Tür ins Schloss, lässt der Handwerker aber seinen Werkzeugkoffer auf die Fliesen krachen, fischt sich mit seinen Fingern eine Gurke aus dem Gurkenglas im Kühlschrank, macht es sich auf dem Bett bequem und betrachtet genüsslich den Inhalt der Schubladen. Arbeit an der Heizung? Keine. Als der Besitzer zurückkommt lautet die Hiobsbotschaft aber: „Die Reparatur wird leider teurer.“

Spiel mit Klischees

Das alles ist kein lustiger Mini-Film von Bastian Pastewka, sondern von der Agentur Rothestreifen aus Albstadt. Ironische Handwerkerklischees sollen dabei auch kein zweifelhaftes Licht auf die Branche werfen, sondern für Aufmerksamkeit sorgen und vielleicht den Impuls auslösen: Das kann ich besser. Fachkräftemangel ist ein sehr großes Problem bei Unternehmen in Deutschland. Handwerkspräsident Jörg Dittrich sieht die Fachkräftesicherung als ein Schwerpunktthemen seiner Arbeit an und sagt nach seiner Wahl im Dezember: „Die Handwerksbetriebe stehen vor großen Herausforderungen, die wir nur als Team erfolgreich bewältigen können.“
Aber genau daran fehlt es. Der Verband ZDH ging im Sommer vergangenen Jahres von 250 000 fehlenden Handwerkerinnen und Handwerkern aus. Ihr Fehlen schadet nicht nur Unternehmen, hemmt Deutschlands Wirtschaftswachstum, sondern gefährdet auch politische Vorstellungen wie Klimaziele. Die demografische Entwicklung einer immer älter werdenden Gesellschaft, aber auch Trends zu höherer Schulbildung und Schreibtischarbeit verschärfen die Entwicklung. „Früher haben wir Kinder Baumhäuser gebaut und mussten dafür Handwerker sein, heute sitzen sie meist am Computer“, sagt David Decker aus Grosselfingen, der sich dem Problem Mitarbeitergewinnung für Handwerksbetriebe widmet. „Jeder, der will, kann aber Auszubildende und Fachkräfte finden. Viele Unternehmen wissen das nur nicht.“

Heute wird programmiert

Videos sind eine Möglichkeit. Die Filme, in denen es auch mal unterschiedliche Vesperbrote unterschiedlich innovative Unternehmen der Branche darstellen, laufen in Kinos und sollen mit „Humor und Leichtigkeit“ zeigen, dass sich die Branche gewandelt hat – zumindest manchmal. „Ein Anlagenmechaniker verdient heute gleich nach seiner Ausbildung mehr als viele Akademiker nach dem Studium“, dennoch gibt es oft viel zu wenig Interessenten. Auch die Arbeit habe sich verändert, heute werde programmiert, wo früher der Schraubenschlüssel geschwungen wurde.
Wer Bewerbungen für sein Unternehmen durch Decker will, muss sich erst selbst bei Decker bewerben – der Geschäftsführer nimmt nicht jeden: „Unsere Dienstleistung ist stark nachgefragt. Um mit uns zusammenzuarbeiten, ist eine Bewerbung dafür notwendig“, heißt es auf seiner Internetseite. „Wir schauen uns erst einmal das Unternehmen an, das sich an uns wendet.“ Eine gewisse Bereitschaft zur Veränderung und Offenheit müsse schon da sein, schließlich dauere die Zusammenarbeit in einer Kampagne Monate oder sogar Jahre. Decker und sein Team bespielen soziale Kanäle wie Facebook und Instagram, wo sich potenzielle Mitarbeiter aufhalten. Das sei vielen Chefs fremd und die Skepsis anfänglich groß. „Dass es gar nichts bringt, gibt es aber nicht“, sagt Decker. Ist das Onlinemarketing weniger erfolgreich, wird nachjustiert.
Insgesamt sei Fachkräftemangel aber ein politisches Thema. „Wenn Menschen nur deshalb keinen Handwerksberuf ergreifen, weil alle Kumpels studieren, dann stimmt grundsätzlich etwas nicht.“ Die Politik müsste das Handwerk attraktiver machen und Unternehmer sich öffnen.

Berufschancen so gut wie nie

In einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks gaben 27 Prozent der Betriebe an auszubilden. Dieser Anteil würde allerdings ohne den Bewerbermangel deutlich höher liegen. Jeder zweite Handwerksbetrieb erklärte, keine passenden Bewerber zu finden. Dabei seien die Berufschancen derzeit so gut wie kaum jemals zuvor. Es hätten sich aber die Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeiten von Ausbildungsanfängern in den vergangenen zehn Jahren spürbar verschlechtert. dpa