Mit großer Mehrheit wurde Heiko Lebherz im vergangenen Herbst zum Bürgermeister in Haigerloch gewählt. Mit seinem neuen Amt verlässt er seinen bisherigen Arbeitgeber – die Gemeinde Ratshausen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht er über die vergangenen 12 Jahre in der Gemeinde und seine Pläne für Haigerloch.

Herr Lebherz, die letzten Wochen in Ratshausen im Rathaus sind für Sie angebrochen. Sind die Umzugskisten schon gepackt?

Heiko Lebherz: Die sind noch nicht gepackt, aber ich habe zumindest Ordnung im Büro geschaffen. Viele Dinge, die ins Archiv gehören, habe ich bereits dorthin geschickt. In den nächsten Tagen werde ich, so wie man es aus Filmen kennt, eine Kiste packen und meine persönlichen Dinge mitnehmen.

Was steht in den letzten Tagen in Ratshausen noch an?

Ich möchte noch ein paar Projekte beenden. Aber weil in unserem Geschäft viele Dinge langwierig sind, kriege ich nicht alles abgeschlossen. Zumindest werde ich aber jetzt keine neuen Baustellen aufreißen.

Wie erfolgt so eine Übergabe an den neuen Amtsinhaber?

Tommy Geiger und ich haben uns in den letzten Tagen schon ausgetauscht und werden jedes Thema einzeln übergeben. Wir sind digital weit fortgeschritten, das heißt, wir werden jede digitale Akte und jeden offenen Vorgang gemeinsam anschauen.

Eindeutiger Wahlsieg auch dank der sozialen Medien

Die Wahl in Haigerloch haben Sie eindeutig gewonnen. Wie erklären Sie sich das Ergebnis?

Ich habe nicht damit gerechnet. Mir hat der Wahlkampf wahnsinnig Spaß gemacht und ich habe viel Zuspruch erhalten. Das merkt man ja, wenn man mit den Bürgern spricht. Ich bin kaum noch hinterhergekommen, E-Mails und Anfragen über Social Media zu bearbeiten. Es war so, dass ich teilweise am Tag 20 bis 30 Anfragen bekommen habe. Vor allem inhaltliche. Zum Beispiel: „Wie stehen Sie zur Weiterentwicklung der Kinderbetreuung?“, „Wie sehen Sie in zehn Jahren die Schullandschaft?“, „Wie wollen Sie Haigerloch auch finanziell auf ordentliche Beine stellen?“

Man sieht, dass die sozialen Medien heute also eine enorme Rolle spielen.

Das war eine neue Erfahrung für mich. In meinen Wahlkämpfen in Ratshausen habe ich Facebook und Instagram nicht bedient und hatte auch keine Homepage. Das habe ich in Haigerloch anders gemacht. Ich denke, für die zukünftige Arbeit sind die sozialen Medien wichtig, weil gerade die junge Generation mehr auf Facebook und Instagram schaut. Aber es ist auch gut, um die Bürger auf Augenhöhe zu halten.

Sie wechseln nun aus einer 800-­Seelen-Gemeinde in eine Stadt mit knapp 11 000 Menschen. Finden Sie es gut oder schlecht, dass Sie nicht mehr jeden persönlich kennen?

Es war in Ratshausen positiv, dass ich alle gekannt habe. Ich bin jemand, ich schreibe nicht zehn E-Mails, sondern nehme das Telefon oder gehe an die Haustür und klingele. Das geht in dieser Größe in Haigerloch nicht mehr. Aber zumindest die Akteure im Vereinswesen, im sozialen Bereich und in der Kommunalpolitik möchte ich persönlich kennen. Ich möchte kein Bürgermeister sein, der sich im Büro versteckt.

12 Jahre dauerte Ihre Amtszeit in Ratshausen. Das ist eine lange Zeit. Worauf sind Sie rückblickend am meisten stolz?

Ehrlich gesagt sind das nicht die vielen Projekte, sondern, dass ich hier ein wahnsinnig gutes Team habe. Wenn du keine guten Mitarbeiter hast, die loyal sind, die auch Ideen einbringen, die Spaß im Job haben, dann hätte das alles nicht funktioniert.

Entwicklung in seiner Amtszeit: Immer mehr Bürokratie bei Behörden

Wie hat sich Ihre Arbeit in der Zeit verändert?

In der Zusammenarbeit mit übergeordneten Behörden wie Regierungspräsidium oder Landratsamt hat sich die Bürokratie wahnsinnig gesteigert.

Inwiefern gesteigert?

Immer mehr Statistiken, immer mehr Anträge, immer mehr Gutachten. Ich habe manchmal das Gefühl, in den übergeordneten Behörden gibt es wenige Leute, die noch Entscheidungen treffen wollen. Vieles ist unnötig geworden.

Nervt Sie das?

Ja, weil ich gern unkonventionelle, schnelle Lösungen im Sinne der Bürgerschaft treffen würde . Das ist auch meine Kritik. Das Land spricht immer von der Selbstverwaltung der Gemeinden. In vielen Bereichen sind es aber nur noch Phrasen, weil der Eingriff der übergeordneten Behörden einfach so stark ist, dass du viele Dinge nicht mehr selber gestalten kannst. Hier besteht aus meiner Sicht die große Gefahr, dass der Gemeinderat als Hauptorgan einer Gemeinde entmachtet wird. Die gewählten Vertreter des Volkes sollen Ihre Gemeinde gestalten dürfen.

Knappe finanzielle Mittel als größte Herausforderung

Dennoch stehen in Haigerloch viele Projekte auf Ihrer Agenda. Was möchten Sie als Erstes angehen?

Was den Bürgern und mir am Herzen liegt, ist das Thema Kinderbetreuung. Es fehlt vorne und hinten an Betreuungsplätzen. Eine andere Aufgabe ist das Thema Schullandschaft. Es gibt einen Investitionsstau in der Schule. Da müssen wir mit allen Beteiligten clevere Konzepte finden.

Welche Herausforderungen erwarten Sie in Haigerloch?

Eine Herausforderung wird in Zukunft sicherlich das Thema Finanzen. Die Finanzmittel werden landesweit deutlich enger und jede Gemeinde muss den Gürtel enger schnallen.

Was heißt das konkret?

Ausgabencontrolling, jede Ausgabe und jedes Projekt muss auf die Notwendigkeit hin überprüft werden. In den letzten Jahren sind immer mehr Aufgaben auf die Gemeinden zugekommen, aber das Geld fehlte.

Und abgesehen von den Finanzen?

Für mich persönlich die Kanalisierung der vielen Projekte, die anstehen. Ratshausen hat eine überschaubare Größe, aber in neun Ortsteilen in Haigerloch laufen Hunderte von Projekten. Ich habe versucht, mich so weit ich es kann im Voraus einzuarbeiten. Ich denke, ich habe das Rüstzeug, weil ich das Bürgermeistergeschäft kenne. Außerdem habe ich ein Netzwerk im Landratsamt, ich kenne jeden Amtsleiter persönlich.

Mit langfristigen Konzepten Haigerloch zukunftssicher machen

Sie sind zudem großer Fan von Schwimm-Olympiasieger Mark Spitz. Eine olympische Goldmedaille steht zwar nicht auf ihrer Agenda. Welcher Erfolg wäre dem aber ebenbürtig?

Bei den großen Herausforderungen, die aktuell auf den Kommunen lasten, möchte ich Haigerloch finanziell für die Zukunft schlagkräftig und zukunftssicher machen. Ich überlege immer bei allen Projekten, ob das nachhaltig ist oder nicht.

Diese Begriffe sind relativ schlecht greifbar.

Das Ziel ist immer ein starkes Team an Mitarbeitern. Gute soziale Infrastruktur, Schulen und Kindergärten. Da braucht man langfristige Konzepte.

Die Unterstützung Ihrer Familie haben Sie. Wer ist denn jetzt gerade vor dem Amtswechsel aufgeregter? Sie, Ihre Frau oder die Kinder?

Alle vier. Für mich ist es eine wahnsinnig spannende Zeit. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Wir wissen auch nicht, wie sich die Zeit verändert, die ich für die Familie habe. Das wird sicherlich nochmal weniger als jetzt und da muss ich einen Balanceakt hinbekommen.

Rückblickend auf 12 Jahre Ratshausen: Die Zeit war …

...für mich eine wunderschöne, mit hochspannenden Erfahrungen, die ich machen durfte.

Überlegener Wahlsieg in Haigerloch

Am 16. Oktober vergangenen Jahres gewann Heiko Lebherz die Wahl zum Bürgermeister in Haigerloch. Der 39-jährige Sozialwirt tritt damit die Nachfolge von Dr. Heinrich Götz an, der das Amt seit 2007 innehatte und nicht mehr zu Wahl antrat. Lebherz setzte sich bei der Wahl gegen sechs Mitbewerber durch. Auf ihn entfielen mehr als 72 Prozent aller Stimmen.
12 Jahre lang war er Bürgermeister in Ratshausen und ist außerdem unter anderem auch Vorsitzender des DRK Zollernalb.