Die Bandeira Brasileira, die brasilianische Nationalflagge, ist etwas besonderes in Brasilien. Sich mit dieser zu zeigen, ist eigentlich kein Problem. Auch in das Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft schlüpften bisher viele gern. „Aktuell ist das anders“, sagt Andrea Mattos. „Wir haben unsere Trikots zur Weltmeisterschaft versteckt.“ Über den Jahreswechsel war die 55-Jährige zum ersten Mal seit Ausbruch der Coronapandemie wieder in Brasilien. Wer dort jetzt mit Fahne oder in der Kombination Grün-Gelb-Blau-Weiß zu sehen ist, gilt als Anhänger des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro. Mattos gefällt das nicht. „Wir müssen uns die Nationalfarben zurückerobern“, sagt sie.
Erobern – das wollten am vergangenen Sonntag tausende Bolsonaro-Anhängerinnen und -Anhänger die Regierungsgebäude in der Hauptstadt Brasília. Am Nachmittag drangen sie in das Kongressgebäude, in den Obersten Gerichtshof und in den Präsidentenpalast ein. Dort zerstörten sie unter anderem Möbel und schlugen Scheiben ein. Die Sicherheitskräfte brachten die Situation erst nach Stunden unter ihre Kontrolle. Der Grund für den Sturm: Die Aufständischen erkennen den Wahlsieg des eine Woche zuvor vereidigten Präsidenten Lula da Silva nicht an. Mit dem Sturm auf das Regierungsviertel protestierten sie gewaltsam gegen Lula.

Traurig und besorgt: Zur Lage in Brasilien

Andrea Mattos ist promovierte Dozentin für brasilianisches Portugiesisch an der VHS Balingen. Seit 2003 lebt sie in der Stadt. Sie stammt aus São Paulo, ihre Familie lebt in der ländlichen Region Mato Grosso do Sul. Was in der Hauptstadt Brasília passiert ist, beschäftigt sie. „Ich finde es sehr traurig und habe kein Verständnis dafür“, sagt Mattos. Es seien Angriffe auf die brasilianische Demokratie gewesen. Für die zerstörten Gebäude, das zerstörte Mobiliar, die beschädigten und gar gestohlenen Kunstwerke sollten sich alle Brasilianer schämen, findet Mattos. So sieht es auch Solange Fischer Bernardino. „Ich bin sehr besorgt über das Anwachsen der extremen Rechten in der ganzen Welt und auch in meinem Heimatland“, sagt Fischer Bernardino. Die 63-Jährige lebt ebenfalls in Balingen. „Ich mache mir wirklich Sorgen um den Erhalt der Demokratie und fürchte um die nahe politisch-soziale Zukunft Brasiliens.“
Das Land befinde sich in einer komplizierten Situation, sagt Mattos. Und das, seit Jair Bolsonaro im Jahr 2019 Präsident Brasiliens wurde. „Die Bolsonaro-Regierung war eine Bedrohung für die junge brasilianische Demokratie“, sagt Mattos. „Seitdem der Ex-Präsident sein Amt vor vier Jahren antrat, hat er nichts anderes gemacht, als seine Anhänger zu Radikalisierung, undemokratischen Handlungen und Gewalt gegen die Institutionen anzustiften, mit dem Ziel, die Landesverfassung zu stürzen und durch einen Putsch eine neue Militärdiktatur im Land zu etablieren“, beschreibt Fischer Bernardino die Amtszeit des ehemaligen Präsidenten, der sich aktuell im US-Bundesstaat Florida aufhält. Dieser habe sich stets extremistisch und rassistisch geäußert. „Bolsonaro hat immer wieder versucht, den demokratischen Staat durch seine Homophobie, seine Hassreden und seine Respektlosigkeit sowie seine ständigen Angriffe auf die Rechtsstaatlichkeit zu diskreditieren“, sagt Fischer Bernardino. Der Sturm auf das Regierungsviertel am vergangenen Sonntag sei eine „angekündigte Tragödie“ gewesen. „Die Invasion wurde gründlich über die sozialen Medien geplant und verbreitet.“

Balingerinnen über die Situation in Brasilien

Die aktuelle politische Situation in Brasilien spaltet das Land – und sogar Familien. „In meiner Familie gibt es unterschiedliche politische Ansichten, wie in vielen brasilianischen Familien“, sagt Mattos. „Daher versuchen wir politische Themen zu vermeiden.“ Mit einigen Freunden hingegen habe sie sich über kurze Nachrichten ausgetauscht.
Fischer Bernardino hat die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen von den Politikern enttäuscht und frustriert seien, weswegen Ereignisse wie der Sturm auf das Regierungsviertel nur am Rande beobachtet würden. Trotzdem sei es vielen Menschen nicht egal. „Vertreter aus allen Bereichen der Gesellschaft bringen ihr Entsetzen zum Ausdruck und fordern harte Reaktionen und Sanktionen gegen die Urheber solcher Terroranschläge und insbesondere gegen deren Finanziers“, sagt Fischer Bernardino.
Präsident Lula ist jetzt gefordert. „Er steht vor der schwierigen Aufgabe, das gespaltene Brasilien wieder zu vereinen“, sagt die 63-Jährige. Sie habe Hoffnung, dass das gelingen kann, so fraglich das mit der knappen Mehrheit bei der Wahl auch ist. „Er ist Demokrat, der verspricht, das Image Brasiliens in der Welt wieder ins rechte Licht zu rücken.“ Auch Andrea Mattos setzt viel auf Lula. „Ich hoffe, dass Lula viel wiedergutmachen kann und möchte, was Bolsonaro zerstört hat.“

Alter und neuer Präsident

Lula da Silva, oft Lula genannt, ist seit 1. Januar 2023 brasilianischer Präsident. Im zweiten Wahlgang am 30. Oktober 2022 erhielt er 50,90 Prozent der Stimmen, siegte also knapp gegen Konkurrent Jair Bolsonaro. Für Lula ist es die dritte Amtszeit als Präsident. Er war dies bereits vom 1. Januar 2003 bis zum 1. Januar 2011. Lula gehört zum linken Spektrum. Nach seiner zweiten Amtszeit nahm die Generalstaatsanwaltschaft mehrfach wegen verschiedener Vorwürfe Ermittlungen gegen Lula auf. Letztlich wurde er wegen Korruption zu einer Haftsprache verurteilt. Das Urteil wurde später annulliert und Lula konnte zur Präsidentschaftswahl 2022 antreten.