Was haben die Filme „Avatar 2“, James Bonds „Keine Zeit zu sterben“ und „Dampfnudelblues“ gemeinsam? Natürlich: Es tauchen Produkte von Interstuhl darin auf. Das Interesse von Filmschaffenden an Sitzgelegenheiten aus Meßstetten ist aber nichts Neues. Das Unternehmen schafft es immer wieder ins Kino. Für Helmut Link ist das auch kein großes Ding. Der Geschäftsführer spricht lieber über die Herausforderungen des Unternehmens und wie er sie zusammen mit seinem Bruder Joachim bewältigt. Entspannt Zurücklehnen ist jedenfalls nicht angesagt.
Die beiden Männer führen die Interstuhl-Gruppe in der zweiten Generation. Schon Anfang der 60er-Jahre gab es Anforderungen an veränderte Arbeitswelten, der sich zwei Hufschmiede nach der Gründung von Interstuhl stellten und den höhenverstellbaren und drehbaren Arbeitsstuhl Bi-Regulette entwickelten. 110 000 Stück davon wurden in den 60er Jahren verkauft. Mehr als 50 Millionen Sitzgelegenheiten sind es bis heute insgesamt im Unternehmen.

Weniger Stühle als Mitarbeiter

Arbeit verändert sich ständig. „Es gibt weniger Menschen, die heute acht Stunden stur auf einem Stuhl sitzen. Es gibt Meetings, Video-Besprechungen und Kreativzonen, für die der Arbeitsplatz verlassen wird“, sagt Helmut Link. „Dass ein einmal eingestellter Stuhl über Jahre unverändert bleibt, kommt seltener vor.“ Wie auch, wenn es in manchen Betrieben weniger Stühle als Mitarbeiter gibt: Homeoffice, aber auch „New Work“ wirbelt die Branche durcheinander. Menschen wollen und sollen von Zuhause aus arbeiten. Unternehmen verringern die Arbeitsplätze bei sich vor Ort.
Pünktlich zum Ausbruch von Corona ging der neue Interstuhl-Shop online. Die Angst, wegen der Pandemie weniger Stühle zu verkaufen, war schnell vergessen, Homeoffice führt im Gegenteil zu hoher Nachfrage: Im Jahr 2021 macht Interstuhl beim Umsatz einen großen Schritt von 146 Millionen Euro im Vorjahr auf 200 Millionen Euro; 2022 gab es leichtes Wachstum. In vielen Haushalten werden Stuhl passend zur Wohnungseinrichtung gekauft, selbst ein rosafarbenes Modell ist beliebt.

Mitarbeitern die Angst nehmen

In manchen Firmen gibt es keine festen Arbeitsplätze mehr, dafür Arbeitslandschaften mit Zonen für Produktion, Präsentation und Kommunikation. Auch von diesem Trend will Interstuhl profitieren. Ein „Change-Berater“ informiert Unternehmen darüber, ein Innenarchitekt entwickelt zusammen mit einem Schreiner individuelle Lösungen. Alle sollen Mitarbeitern Ängste nehmen, wenn ihr Arbeitsplatz plötzlich wandert. Eine Software-Lösung ermöglicht das Buchen eines Platzes neben seinem Lieblingskollegen oder -kollegin oder bei Mitarbeitern, um gemeinsame Projekte zu erleichtern.
Eine Schaukel ist auch im Angebot. Diese soll Mitarbeitern helfen, abzuschalten, kann aber auch mit Sesseln und Bänken zu einem Kommunikationsbereich werden. Es gibt helles Holz, Möbel und Raumtrenncer in Pastellfarben.

Nicht einmal die Hälfte der Stellen besetzt

„Unternehmen müssen dafür sorgen, dass Mitarbeiter gerne arbeiten“, sagt Link – auch aus eigener Erfahrung. Interstuhl selbst ist zwar ein beliebter Arbeitgeber. Die Zahl der Mitarbeiter von heute 1000 soll in den kommenden Jahren auf 1200 steigen und im Jahr 2035 bei 1800 Mitarbeiter liegen. 20 Millionen Euro werden investiert. Ob diese Ziele zu erreichen sind, ist allerdings offen. „Von unseren 24 Azubi-Stellen sind bislang weniger als 10 besetzt“, sagt Link. „In einigen Jahren werden die Baby-Boomer in Rente gehen, dann wird es noch schwieriger.“ Die größte Herausforderung 2022 waren die Krankheitsfälle durch Corona. Um den Betrieb am Laufen zu halten, war ein tägliches Verschieben der Arbeitsaufgaben notwendig.
Die „enormen Preissteigerungen“ von bis zu 30 Prozent hätten nur teilweise an Kunden weitergegeben werden können. Mit Billigproduktionen aus China könne und wolle man aber auch nicht mithalten. Öffentliche Ausschreibungen sind laut Link deshalb schwierig. Nur hochpreisige Produkte mit großer Marge herzustellen, funktioniere aber auch nicht, manche Kunden – die zum Teil mehrere Tausend Stühle auf einmal kaufen – wollen auch preisgünstigere Modelle. Es gebe eben nicht nur solche Kunden, vor allem aus dem arabischen Raum, die echt vergoldete Stühle für 40 000 Euro das Stück ordern, um damit einen ganzen Konferenzraum einzurichten.

Sensor meldet zu lange Sitzzeit

Zur Interstuhl-Gruppe gehört die Marke Bimos, die Stühle und Stehhilfen für Industrie und Labore anbietet, etwa mit desinfizierbaren und elektroleitfährigen Materialien. Die Marke Backforce richtet sich an Computer-Spieler, die im Gegensatz zu Bürorangestellten lange Zeit starr sitzen müssen und herunterklappbare Armlehnen und personalisierten Rückenlehnen-Namensschilder zu schätzen wissen. Mit dem US-Unternehmen Garmin wurde ein Sensor entwickelt, der eine Nachricht sendet, falls der Benutzer zu lange Zeit sitzt. Diese Nachrichten würden aber meist als Störungen empfunden.