Für die Verteidigung des Besitzstandes seiner 1,4 Millionen Mitglieder fährt der Deutsche Schützenbund (DSB) verbale Geschütze auf. Weil mit der Reform der „Europäischen Feuerwaffenrichtlinie“ wieder eine Verschärfung der Vorschriften droht, würden „die in der Regel besonders rechts­treuen Sportschützen in die Ecke von Kriminellen und Terroristen“ gestellt, fürchtet der Verband. Gerne betont er, dass das deutsche Schützenwesen als „lokal aktive Kulturpraxis mit lebendiger Traditionspflege“ von der UNESCO als „immaterielles Kulturerbe“ anerkannt worden sei.

Mehr Kontrollen

Mit der Neufassung der Paragrafen soll auch der Missbrauch der Waffen für kriminelle Zwecke verhindert werden. Denn künftig sollen nicht nur die rund 14 000 Schießstätten und das Training von anerkannten Sachverständigen kontrolliert werden. Auch eine „Bedürfnis-Überprüfung“ ist vorgesehen. Waffen soll nur noch behalten dürfen, wer tatsächlich im Verein aktiv ist. Dies wäre dann der Fall, wenn jährlich zwölf Mal geschossen würde.
„Scheinmitgliedschaften ermöglichten die Sportschützen­Amokläufe von Lörrach und Leutershausen sowie den Sportschützen-Mord an einem elfjährigen Mädchen in Oberaurach in der Silvesternacht 2015“, zählt Roman Grafe auf. Der Journalist ist einer der engagiertesten Kämpfer für strengerere Regularien. Kurz nach dem Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009 gründete er die Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“. Er wollte erreichen, dass „das Morden mit solchen Legalwaffen endlich auch in Deutschland beendet wird“, sagte Grafe der SÜDWEST PRESSE.
Das Verbrechen von Winnenden führte zu einer raschen Verschärfung des Waffenrechts, vom Bundestag am 17. Juli 2009 beschlossen. Seither sind verdachtsunabhängige Kontrollen und eine strengere Bestrafung bei unsachgemäßer Aufbewahrung zulässig. Als die AfD-Bundestagsfraktion sich nach der Verhältnismäßigkeit dieser Kontrollen erkundigte, teilte das Bundesinnenministerium am 29. Januar 2018 mit: „Nicht zuletzt der Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 ist erst durch eine nicht ordnungsgemäß verwahrte Schusswaffe möglich geworden“ (Drucksache 19/548).
Die Sportschützen erhalten nicht nur Schützenhilfe von der AfD, auch die FDP möchte bei der Neufassung des Gesetzes erreichen, „bürokratische Hürden für den Waffenbesitz im Ehrenamt gering zu halten“. Im Ausschuss für Inneres und Heimat wurde diese Forderung am 21. Januar 2019 mehrheitlich abgelehnt.
Auch wegen des Amoklaufs wurde 2013 ein Nationales Waffenregister eingeführt. Diese Erfassung zeigt, dass sich die Zahl der Pistolen und Gewehre seither von 5,57 Millionen auf 6,1 Millionen im Jahr 2017 erhöht hat. Eine immer wieder von mehreren Seiten verlangte zentrale Aufbewahrung der Waffen kam bisher nicht zustande. Gegner verweisen auf größere Risiken, wenn die Utensilien an einem Ort zu finden sind.
Die organisierten Schützen wehren sich auch gegen die geplante Begrenzung der Magazine. Sie wollen weiterhin mehr als 20 Patronen abfeuern können. Solche Pistolen hätten „die Sportschützen-Amokläufer von Erfurt (2002) und Utoya (2011) benutzt“, hält Roman Grafe dagegen. Deshalb folgert er: „Der Deutsche Schützenbund will es Mördern offensichtlich leichter machen.“ Die über 250 Opfer von Sportschützen seit 1990 würden „eiskalt ignoriert“.
Der Verband mit Sitz in Wiesbaden bezweifelt, dass mit der Gesetzesreform das angestrebte Ziel erreicht werden kann. In seiner 14-seitigen Stellungnahme gab er zu bedenken, „dass die Sicherheit der Bevölkerung vor Terroranschlägen nicht dadurch verbessert werden kann, dass legale Waffenbesitzer in ihrem rechtmäßigen Umgang mit Waffen weiteren Restriktionen ausgesetzt sind“.

Die Pistole lag im Kleiderschrank

Am 11. März 2009, gegen 9.30 Uhr, drang Tim K. (17) in die Albertville-Realschule in Winnenden ein. Er erschoss wahllos acht Mädchen, einen Jungen und drei Lehrerinnen. Auf der Flucht tötete er einen Mitarbeiter der angrenzenden Klinik. Einen Autobesitzer zwang er zur Fahrt nach Wendlingen, in einem Autohaus erschoss er zwei Männer, ehe er sich selber richtete.
Die Waffe, eine Beretta, holte der minderjährige Täter aus dem Kleiderschrank der Eltern, wo sie ungesichert abgelegt worden war. Munition hatte er gehortet. Der Vater, ein Sportschütze, wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.