Schach 2 Li Chao läuft die Zeit davon

Schwäbisch Hall / HARTMUT RUFFER 08.12.2014
Nicht immer halten Spitzenkämpfe das, was sie versprechen. Doch Hall gegen Baden-Baden hat alles, was dazu gehört - und noch mehr. Hall scheint zu siegen, doch die OSG-Großmeister kontern.

16 Großmeister kämpfen gegeneinander. Hall und Baden-Baden bieten alles auf, was sie zur Verfügung haben. Zwar fehlen bei Baden-Baden wegen großer Turniere die ersten vier der Setzliste (Anand, Svidler, Aronian, Adams), doch schlechter ist die Mannschaft kaum besetzt. Von Brett 1, Etienne Balcrot, mit 2719 ELO-Punkten zu Brett 8, Georg Maier, (2647 ELO-Punkte) gibt es qualitativ nur wenig Unterschied.

Der SK Schwäbisch Hall muss auf Jakovenko und Wojtaszek verzichten, dafür spielt erstmals Boris Gelfand. Und der Israeli liefert, nutzt einen Fehler Balcrots sofort aus. Zu Beginn der Partie sitzt Gelfand kaum am Brett. Völlig geistesabwesend schlendert er durch die Gänge, rechnet die Züge durch.

Unterwegs sind auch die beiden Mannschaftsführer Harald Barg (Hall) und Sven Noppes. Die Nervosität steigt von Stunde zu Stunde, da alle Partien extrem umkämpft sind. Bei der Zeitkontrolle (40. Zug) deutet vieles auf einen Haller Sieg hin. Li Chao und Viktor Laznicka haben gegen Alexei Shirov und Alexeij Naiditsch die besseren Stellungen.

"Der macht mich fertig!"

Shirov ist der Verzweiflung nahe, bietet Chao ein Remis an. Der Chinese informiert wie vorgeschrieben Harald Barg und teilt diesem im selben Atemzug mit, dass er nicht annehmen wird. Nun ist Barg mit den Nerven durch. Sein Stoßseufzer: "Der macht mich fertig!"

In der Folge sitzt Chao fast 30 Minuten am Brett und rechnet die Spielzüge durch. Shirov, ehemaliger Weltranglisten-Vierter, versucht so cool wie möglich durch die Gänge zu schlendern. Sein mahlender Unterkiefer verrät das Gegenteil.

Chaos Zeit ist fast abgelaufen, als er sich für einen Zug entscheidet. Als er zum 47. Mal eine Figur bewegt, schiebt er seinen König auf h2. "Ich hatte nicht mehr genug Zeit, alles durchzurechnen", bekennt Chao am gestrigen Sonntag. Shirov erkennt die sich plötzlich bietende Chance, rückt mit dem g-Bauern auf - und gewinnt einige Züge später. Chao ist geschockt, packt wortlos seine Sachen und verschwindet. Als Baden-Badens Mannschaftsführer Sven Noppes mit ausgebreiteten Armen auf Shirov zuläuft, winkt der nur ab. "Ein absolut glücklicher Sieg", bekennt der Lette.

Das nächste Drama

An Brett 3 das nächste Drama: Viktor Laznicka hat den besten deutschen Schachspieler, Arkadij Naiditsch, am Rand einer Niederlage. Doch der Baden-Badener, der in dieser Saison bislang alle seine Bundesliga-Kämpfe gewonnen hat, findet ein Schlupfloch. Urplötzlich ist Laznicka im Nachteil, rettet noch das Remis. "Einerseits bin ich enttäuscht, dass ich nicht gewonnen habe, andererseits war es gut, am Ende wenigstens noch die Punkteteilung zu holen", so der 26-jährige Tscheche.

Das Auf und Ab der Gefühle quält Spieler und Zuschauer gleichermaßen. Boris Avrukh, der jede seiner drei Partien an dem Dreifachspieltag gewinnt, hatte nach der Zeitkontrolle von "leichten Chancen" gesprochen, Anthony Wirig, der gegen Maier wie erhofft ein Remis holt, glaubt gar an einen 5:3-Erfolg seiner Haller.

Die Euphorie trügt: Nach über sechs Stunden steht das Endergebnis von 3,5:4,5 fest. "An allen Brettern wurde gekämpft", ist SK-Präsident Riedel stolz. Und Sven Noppes ergänzt: "Den Zuschauern wurde alles geboten, was Schach so faszinierend macht."

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