Ulm Zwanzig Paare und ihre Geschichten: Ja, es ist Liebe

Ulrike Sosalla 13.01.2018

Es gibt Themen, die einfach nicht aus der Mode kommen. Die große, lebensumfassende Liebe ist so eines. Trotz aller Wechselhaftigkeit moderner Beziehungen, trotz hoher Scheidungsraten und ewig lockender Flirts: Die eine ganz große Liebe fürs Leben bleibt für viele Menschen das Ideal.

Wie ergreifend, rührend, schwierig und schmerzhaft, kurz, wie lebendig die große Liebe im echten Leben sein kann, hat die Journalistin Kathrin Werner in ihrem Buch „Liebesglück“ zusammengetragen. Zwanzig Geschichten erzählt sie darin, jede ein Kleinod der großen Gefühle, jede auf ihre Weise einzigartig. Da sind Claudia und Dorothea, beide Pfarrerinnen in Bayern, die zwanzig Jahre lang als Claudia und Andreas ein unaufgeregtes Leben führten. Bis Andreas die Tatsache, dass er eine Frau ist, nicht mehr vor sich selbst und seiner Frau unterdrücken konnte – und deren Liebe diese Krise und die Geschlechtsumwandlung überstand.

Oder Lindsay und Dave aus den USA, beide Autisten, deren gemeinsamer Alltag ein kompliziertes Ballett selbstgesetzter Regeln ist. Um sich ein gemeinsames Leben aufzubauen, mussten sie sich ganz allmählich annähern – und immer wieder gegen die Widerstände in sich selbst ankämpfen. Oder Ramin und Nima, die im Iran wegen ihrer Liebe verfolgt wurden, wegen ihres Einsatzes für die Rechte Homosexueller verhaftet und angeschossen wurden, Asyl in den USA erhielten und nun jeden Tag ihrer Zweisamkeit genießen.

Aus der halben Welt kommen die Paare, die Kathrin Werner porträtiert, und auch von ganz nah: Die Geschichte von Carmen und Monir spielt in Baden-Württemberg, im Hohenlohischen und in Stuttgart. Carmen ist fast fertig mit ihrer Ausbildung zur evangelischen Pfarrerin, als sie sich in Monir verliebt, einen Muslim aus Bangladesch. Und als wäre eine Liebe über Kontinente und Glaubensgrenzen hinweg nicht schon schwierig genug, steht Carmen auch noch das Kirchengesetz im Weg, nach dem der Ehepartner des Pfarrers ebenfalls evangelischen Glaubens sein muss.

Der Autorin merkt man die Begeisterung an, wenn sie von den Gesprächen erzählt, die sie für das Buch geführt hat. „Die Herausforderung des Buches war es, diese Menschen zu finden, das Schreiben war dann recht einfach, weil die Paare so gern und so lebendig erzählt haben“, sagt Werner. „Aus vielen ist es richtig herausgesprudelt.“

Über drei Jahre recherchierte die Journalistin an dem Buch. Von allen möglichen Seiten erhielt sie Hinweise auf ungewöhnliche Paare: aus Lokalzeitungen, aus dem Bekanntenkreis und sozialen Medien.  „Ich habe bestimmt tausend Liebesgeschichten gelesen.“

Und doch entdeckte sie immer wieder etwas Neues an dem Thema. Wenn man aus dem Buch etwas lernen kann, dann das: Es gibt nicht die eine große Liebe, nicht den einen richtigen Weg. Liebe ist das, was zwei Menschen aus ihr machen. „Viele dieser Paare haben große Schwierigkeiten überwunden“, sagt die Autorin. „Vielleicht kann man das daraus lernen, dass es sich lohnt, Probleme zu überwinden und auch mal um die Liebe zu kämpfen.“

So wie Carmen und Monir, die angehende Pfarrerin und ihr Mann aus Bangladesch. Gegen alle Zweifel und gegen den Rat der Kirchenoberen heiraten sie, damit Monir überhaupt in Deutschland bleiben kann, sie ziehen vor Gericht und gehen an die Öffentlichkeit und schaffen schließlich, was kaum jemand für möglich hielt: Carmen darf nicht nur ihre Ausbildung beenden, sondern erhält sogar eine Anstellung bei der evangelischen Kirche in Berlin.

Doch es sind nicht nur die großen Kämpfe, die tragischen Wendungen, die Werner bei ihren zahlreichen Gesprächen beeindruckt haben. „Viele Paare empfinden ihre Liebe als etwas Besonderes und leben das auch im Alltag“, erzählt sie. „Davon können wir alle etwas lernen, ganz gleich, welche Geschichte wir haben.“ Sie und ihr Mann haben sich Cynthia und Howie zum Vorbild genommen, die 62 Jahre nach einer schüchternen Jugendliebe wieder zueinander gefunden haben. Die beiden zelebrieren jeden Abend ein Dinner bei Kerzenschein. Das machen Kathrin Werner und ihr Mann nun auch. „Das ist so eine Lektion: Dass man mit solchen Kleinigkeiten sein eigenes Leben zu etwas Besonderem macht.“

Das Buch

Kathrin Werner, geboren 1983, ist Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ in New York. Für ihr Buch „Liebesglück“ hat sie mehrere Länder bereist und viele Gespräche geführt. Am berührendsten fand sie, wie sich „ihre“ Paare ihr geöffnet haben, wie bewegend sie ihre Geschichten erzählten, ob nun persönlich oder in einigen Fällen per Skype. (Fischer Verlage, 288 Seiten, 14,99 Euro)