Wo Wünsche wahr werden

Der Bauingenieur Sebastian Faller (in orange) führt Günther Lang (links) und seine Frau Rosmarie (rechts von Faller) durch die Tunnelbaustelle.
Der Bauingenieur Sebastian Faller (in orange) führt Günther Lang (links) und seine Frau Rosmarie (rechts von Faller) durch die Tunnelbaustelle. © Foto: Bildquelle
Ronja Gysin 05.01.2018

So ein schöner Tag“, sagt Günther Lang, während er schwerfällig in quietschgelbe Sicherheits-Gummistiefel schlüpft. Er meint damit nicht etwa den blauen Himmel über Stuttgart. Denn von dem wird der 81-Jährige in den nächsten Stunden nicht viel haben. Stattdessen geht es tief hinab in dunkle Tunnel. Ein langgehegter Wunsch geht in Erfüllung. Zusammen mit seiner Ehefrau Rosmarie wird Günther Lang die halbfertigen Röhren des Großbauprojekts S21 besichtigen.

„Tunnelbau-Projekte haben mich immer interessiert“, erzählt der ehemalige technische Kaufmann. Sich vorzustellen, unter tonnenschweren Erd- und Gesteinsschichten zu arbeiten, an Stellen, die kein Mensch zuvor betreten hat, fasziniere ihn. Einst habe das Ehepaar den 11,6 Kilometer langen Mont-Blanc-Tunnel in Frankreich besichtigen wollen. „Das hat leider nicht geklappt.“ Umso größer die Vorfreude heute. Dass sich Günther Langs Wunsch erfüllt, hat er einer Initiative des Evangelischen Wohlfahrtswerks zu verdanken. Anlässlich des 200. Jubiläums startete der Altenhilfe-Träger im vergangenen Frühjahr die Aktion „Wünsch dir was“. In allen 19 Einrichtungen wurden Apfelbäume aufgestellt, an deren Zweige die Bewohner ihre kleinen und großen Herzenswünsche befestigen konnten. „Vom ewigen Bonbonvorrat über einen Besuch in der alten Schule bis hin zur Ballonfahrt war alles dabei“, erzählt die Pressesprecherin Katja Kubietziel. Per Losverfahren zog das Projektteam 50 von über 300 Vorschlägen. Günther Langs Wunsch war dabei.

Seit fünf Jahren wohnen die Langs im Betreuten Wohnen am Weinberg in Stuttgart Obertürkheim, auch wenn sie bisher noch gut ohne Hilfe zurechtkommen. Bevor es losgeht, teilt Sebastian Faller von der Bauüberwachung neonfarbene Warnwesten, rote Bauhelme und einen Mundschutz aus: „Falls es unten staubig wird.“ Sicherheit sei das oberste Gebot auf der Baustelle – egal ob es um Besucher oder Mitarbeiter geht. Rund 1500 Besuchergruppen haben sich 2017 in die Tunnel gewagt. Mit den Touren wirbt die Deutsche Bahn um Akzeptanz für das Großprojekt.

Mit einem kräftigen Ruck setzt sich der Baugrubenaufzug in Bewegung. 36 Meter in die Tiefe, vorbei am Schrein der heiligen Barbara („Glück auf“), der Schutzpatronin der Geologen. Unten angekommen, ist die Sicht frei auf zwei parallel verlaufende Röhren. „Die Arbeiten laufen 24 Stunden am Tag“, berichtet Faller. In 12-Stunden-Schichten tragen 300 Mitarbeiter die Gesteinsmassen Stück für Stück ab – mit kleinen Maschinen oder händisch. Ein Tunnelbohrer kommt nicht zum Einsatz. Günther Lang ist beeindruckt. „Solche Dimensionen kann man sich nicht vorstellen, die muss man gesehen haben“, findet der Gewinner.

Um möglichst vielseitige, ehrliche Herzenswünsche in die Lostrommel zu befördern, hat das Wohlfahrtswerk bewusst auf Rahmenbedingungen verzichtet. „Bewohner konnten sich wünschen, wonach ihnen war“, so Katja Kubietziel. Finanziert wurde die Aktion in erster Linie durch Spenden und den Verkauf von Schokolade über einen Kooperationspartner. Die meisten Anliegen seien aber ohnehin nicht mit hohen Kosten verbunden. Vielmehr wünschen sich die Bewohner zurück an Orte, die ihnen viel bedeuten, wollen nochmal erleben, was sie in jungen Jahren genossen haben oder weit entfernt lebende Verwandte treffen. „Wenn sich zwei Schwestern dann nach Jahren der Trennung wieder in die Arme schließen, wird jedem Beobachter warm ums Herz“, erzählt Kubietziel. Aufgrund des großen Anklangs sollen in einer zweiten Runde erneut 50 Wünsche ausgelost und erfüllt werden.

Tief unter der Erde stapft Günther Lang derweil langsam durch Pfützen und feuchten Matsch. „Früher war ich besser zu Fuß“, scherzt er und bleibt vor einem Ungetüm stehen, das sich exakt in die Tunnelrundung einfügt. „Mit dem Schalwagen betonieren wir etwa zehn Meter pro Tag“, erklärt Bauingenieur Faller. Die so entstehende Stahlbetonwand biete höchste Stabilität. Immer wieder schallen Baugeräusche wie Hämmern oder dumpfe Schläge durch die Stollen. Inzwischen kann Günther Lang das Tageslicht am anderen Ende der Röhre wieder sehen. Ganz dunkel ist es aber auch im Inneren des Tunnels nicht. Alle paar Meter leuchten Neonröhren – Tag und Nacht.

„Ich fahre gern mit dem Zug“, erzählt der 81-Jährige, „so hab ich Zeit, die Landschaft zu betrachten und bin schnell an anderen Orten.“ Nach Genua, Kopenhagen oder Lille sei er mit der Bahn gereist. Ein blauer VW-Bus bringt das Ehepaar am Ende der Tour zurück zum Baustellenaufzug. „Ich hab mir genau das richtige gewünscht“, ist sich Günther Lang sicher. Er strahlt Ehefrau Rosmarie an. Wunschlos glücklich ist der Senior trotzdem noch lange nicht: „Hoffentlich klappt es für mich noch, mit dem Zug durch den neuen Stuttgarter Bahnhof zu fahren.“

Das Wohlfahrtswerk

Stiftung Auf dem Höhepunkt von Wirtschaftskrise und Hungersnot gründete Königin Katharina von Württemberg 1817 die „Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins“. Eine Institution, die bürgerschaftliches Engagement fördern und Kräfte bündeln sollte, um Not jeglicher Art zu lindern. Heute ist das Wohlfahrtswerk Baden-Württemberg einer der großen Altenhilfeträger im Land. Die Stiftung betreut mit 1400 Mitarbeitenden 2000 Senioren.