Ulm Wertvolle Zeilen

Einen Brief schreiben heißt, sich Zeit zu nehmen und an einem ruhigen Platz seine Gedanken zu formulieren.
Einen Brief schreiben heißt, sich Zeit zu nehmen und an einem ruhigen Platz seine Gedanken zu formulieren. © Foto: Bildquelle
Monika Höna 16.12.2017

Wie schön! Ein Brief von der Studienfreundin aus längst vergangenen Tagen liegt im Briefkasten. Schon die handgeschriebene Adresse auf dem Umschlag verrät den Absender. Und weil sich Bettina G. (Namen geändert) üblicherweise nicht mit wenigen dürren Zeilen begnügt, lässt man die Vorfreude noch ein bisschen wirken und bereitet die Lektüre wie ein kleines Treffen vor: mit einer Tasse Tee und einem gemütlichen Sitzplatz auf dem Sofa.

Handgeschriebene Briefe haben in Zeiten von WhatsApp-Nachrichten, SMS oder E-Mails Seltenheitswert. So praktisch und schnell die modernen Kommunikationsmittel auch sein mögen – vom persönlichen Charakter und vor allem der Wertschätzung des Angeschriebenen, die bei einem Brief mitschwingen, sind sie meilenweit entfernt.

Viele, die solche Aufmerksamkeiten schätzen, im normalen Alltag aber kaum zum Schreiben kommen, nehmen sich wenigstens in der Vorweihnachtszeit ein paar Stunden, um Freunde oder Verwandte einmal im Jahr mit ein paar handschriftlich verfassten Zeilen oder Seiten zu beglücken.

Carmen W. zieht sich dafür an den Schreibtisch ihres inzwischen erwachsenen Sohnes Paul zurück, der nur noch ab und zu am Wochenende da ist. In seinem Zimmer kann sie sich mit Briefpapier, Karten und Umschlägen ausbreiten und ungestört nachdenken, wem sie welche Gedanken oder Ereignisse der vergangenen Monate mitteilen will. Ihre Kusine, die nach Lübeck gezogen ist, freut sich immer über Nachrichten aus der alten Heimat, wer geheiratet hat oder gestorben ist. Der Ex-Kollege Bernd, seit zwei Jahren im Ruhestand, bekommt die Ereignisse in seinem alten Team geschildert. Besonders lang sitzt sie an den Zeilen für ihre Freundin Katja, weil sie ihr nicht nur Fakten und Ereignisse schildert, sondern auch Dinge, die sie im Innersten bewegen und umtreiben: Begegnungen, Auseinandersetzungen, Gedanken, Freud und Leid.

Bei solchen Inhalten überlegt man jeden Satz, jedes Wort genau. Denn spontane Äußerungen können den Text in eine andere Richtung lenken, wo man vielleicht gar nicht hinwollte. Löschen wie am Computer geht ja mitten in einem Brief nicht wirklich. Und immer wieder von vorn anfangen verdirbt einem die Lust am Schreiben. Trotzdem: Mag die Sache auch viel Arbeit und Zeit kosten, für Carmen W. ist es ein gutes Gefühl, Briefe zu schreiben.

Von der positiven Wirkung ist auch der Psychologe und Freundschaftsforscher Wolfgang Krüger überzeugt: „Handgeschriebene Briefe sind selten und drücken eine große Wertschätzung aus. Sie sind vor allem persönlich, weil man in der Handschrift den Schreiber spürt. Ebenso wie Sprache und Händedruck ist die Schrift ein unverwechselbarer Ausdruck unserer Persönlichkeit.“ Dabei spielen Stimmung, Zeit und Ort eine Rolle, betont Krüger. Einen Brief schreibt man nicht mal eben so auf die Schnelle, während die Nudeln auf dem Herd köcheln. Krüger: „Meist zelebrieren wir das. Wir warten darauf, dass wir innerlich ausgeglichen sind, dass wir Zeit haben, und verfassen dann einen Brief, der durch die Schriftform zu einer intimen Botschaft wird. Insofern gehören handgeschriebene Briefe zu den wichtigsten Geschenken in einer Freundschaft.“ Dass solche Geschenke gut ankommen, erfährt auch Carmen W. immer wieder. Die Empfänger ihrer Briefe oder ausführlichen Kartengrüße bringen ihren Dank und ihre Freude meistens mit ebenfalls handgeschriebenen Antworten zum Ausdruck. „Dann weiß ich, dass sich die Mühe gelohnt hat“, sagt sie, die sich sogar bei der Auswahl des Briefpapiers oder Kartenmotivs überlegt, was der Freundin oder Kusine gefallen könnte.

Besondere Anlässe wie Weihnachten oder Geburtstage braucht Ramona P. nicht, um sich hinzusetzen und einen Brief zu verfassen. Die 39-jährige Projektmanagerin aus dem Raum Stuttgart, schreibt ebenfalls an Familie und Freunde, aber „eher einfach so, wenn ich an sie denke oder wenn ich etwas loswerden möchte, was mir per Handy zu unpersönlich erscheint.“ Manchmal schickt sie diese Mitteilungen, meist mit Füller auf schönem Papier verfasst, auch gar nicht ab, hält das Niederschreiben aber dennoch für wichtig: „Dann bin ich es los, und das hat dann eher einen Tagebuchcharakter.“

Einerlei, ob abgeschickt oder nicht – handgeschriebene Briefe mit persönlichem Inhalt sind Schätze, die lange gehütet werden. Man bewahrt sie auf wie schöne Erinnerungen und liest sie wieder, wenn E-Mails und Handybotschaften längst gelöscht sind.