Warte, warte doch auf mich!


Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund
Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund © Foto: d
Otto Lapp 05.01.2018

Wer zu spät kommt, den bestraft der Groll des Wartenden. Mit jeder Minute in der Kälte und jedem Blick zur Uhr trübt sich die Freude ein wenig. Wenn die Liebe frisch und die kleinen Macken noch süß sind, ist das nicht schlimm. Aber wenn das Leben der Liebe deutlich gemacht hat, wie viel stärker es ist, gewinnt der Groll die Oberhand. Wieder zu spät. Kann ich das ändern?, fragt sich Klaus (34), der sich durch das häufige Warten auf Kirsten (31) angegriffen fühlt. Und am liebsten lospoltern würde.

Warte noch ein wenig, Klaus. Nicht jedes Zuspätkommen ist eine Aggression. Fachleute fänden sicher Tiefenpsychologisches dahinter. Aber der Alltag ist schwierig genug, und wenn er ohne Tiefenpsychologie zu bewältigen ist, umso besser. Es gibt Menschen, die sind einfach schlecht organisiert, aber nicht aggressiv, sagt Linda Kaiser, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft und Benimm-Trainerin. Welch herrlich einfacher Gedanke! Kirsten ist nicht gut organisiert, ein Typus Mensch, der uns überall begegnet: Die Tante, die zu jeder Familienfeier erst zum Dessert auftaucht; der Kollege, der es nie rechtzeitig zum Meeting schafft, und der Sohn, der erst beim Losfahren ins Auto hüpft.

Was tun die besser Organisierten? Richtig, sie warten. Mit Groll im Bauch. Ein Minimum an Schadensbegrenzung dürfen sie zwar erwarten. Immer anrufen, wenn es später wird, sagt die Benimm-Trainerin. Nicht den Anderen unwissend stehen lassen. Super, dann wird Klaus bei jeder Verabredung mit Kirsten also eine SMS erhalten: Schatz, ich komm später. Aber der Groll bleibt.

Im Berufsleben ist die Sache etwas einfacher, obwohl ebenfalls nervig. „Reingehen ohne Aufsehen zu erregen“, rät die Benimm-Trainerin notorischen Zu-spät-Kommern. Also kein Hallöchen hierhin, keine ausschweifenden Entschuldigungen dorthin. Ruhig hinsetzen. Auch die besser Organisierten sollten kein Aufsehen erregen, sondern still zur Seite rutschen, damit der weniger Organisierte sich setzen kann. Bitte nicht fragen, warum er zu spät kommt, sagt die Benimm-Trainerin. Das reicht noch in der Pause.

Regeln für die Ankündigung, dass es später wird, gibt es natürlich auch: Bei einem Bewerbungsgespräch etwa 20 Minuten, im privaten Bereich sind zehn Minuten vorher genug. Übrigens: Dass Frauen grundsätzlich zu spät kommen, quasi als Stilmittel, ist überholt. Das ist längst geschlechter-übergreifend, sagt Kaiser. Wobei auch zu früh kommen nicht vorteilhaft ist. Wer um 19 Uhr zum Essen eingeladen ist, sollte nicht die Gastgeber verwirren, indem er schon eine halbe Stunde vorher auf der Matte steht. Höchstens eine Viertelstunde zu früh, zu spät eigentlich gar nicht.

Trotzdem werden wir niemanden, der schlecht organisiert ist, umerziehen. Und jetzt? Gilt die Kniggesche Gelassenheit: Jemanden so zu nehmen, wie er ist. Und sich einzureden: Ich warte gerne auf diesen Menschen. Von Groll hat Knigge nichts gesagt.