„Gaia Project“ Komplexer Kosmos

In den Spieltiefen des Alls: „Gaia Project“.
In den Spieltiefen des Alls: „Gaia Project“. © Foto: Feuerland Spiele
Ulm / Fabian Ziehe 22.09.2018
SWP-Spieletest: Einfach genial? Schlichtweg gaga? „Gaia Project“ öffnet ein weiten Spielekosmos, der viel abverlangt.

Weniger Eleganz, mehr Varianz, das beschreibt die Entwicklung in einer Spielfamilie, die in der Liga der Experten-Klopper einen Ehrenplatz einnimmt. Mit „Terra Mystica“ hatten Jens Drögemüller und Helge Ostertag im Jahr 2012 ein hoch gelobtes  Spiel vorgelegt, das sich trotz aller Komplexität absolut elegant spielt. Der Spielziel ist, Rassen mit Spezialfähigkeiten  in einer Fantasy-Welt siedeln und prosperieren zu lassen – ganz friedlich und bestenfalls sogar in guter Nachbarschaft.

Im Nachfolger „Gaia Project“ lockt nun thematisch der Weltraum. Die Spieler „terraformen“ nun nicht mehr Landschaften, sondern Planeten, damit ihre Rasse dort siedeln kann – mit Minen, die man dann zu höherwertigen Gebäuden ausbaut. Alternativ lassen sich „Transdim“-Planeten in „Gaia“-Planeten umwandeln, die ebenfalls Raum zum Expandieren eröffnen – es gibt also zwei Wege zum Siedler-Glück. Die Gebäude wandern dabei vom eigenen Spieler-Tableau auf den Spielplan, der aus vielen Hexagonen besteht. So werden Symbole auf dem eigenen Tableau freigespielt die das Einkommen zu Beginn jeder der sechs Runden erhöhen.

Stetes Auf- und Entladen

Die Güter Credits, Wissen und Erz sind dabei notorisch knapp. Die Not zu mildern hilft die „Macht“ quasi als Zusatzwährung, mit der man vor allem Sonderaktionen auslösen kann. Diese Macht, symbolisiert durch kleine lila Scheiben, erzeugt man (wie bei Terra Mystica) über einen Drei-Stufen-Kreislauf, den man gleichsam einer Batterie erst auf- und dann gewinnbringend entlädt. Der Kreislauf kommt über das Runden-Einkommen und Aktionsboni in Schwung – vor allem aber auch dann, wenn Mitspieler benachbart bauen. So sucht man Nähe auf dem Spielplan, obwohl man ja eigentlich möglichst ungestört siedeln will. Den Kreislauf braucht man zudem zum Erschaffen von Gaia-Planeten und zum Gründen von Planetenverbünden (“Allianzen“) – sprich: Alleine dieser Macht-Mechanismus regt zu gehobenen Denksport an.

Vielfalt der Ziele

Außerdem will jeder Spieler in den sechs Technologiebäumen hochklettern, um die eigenen Fähigkeit zu verbessern und Boni einzusammeln. Hinzu kommt persönliche und allgemeine Ziele für jede Runde, Ziele fürs Spielende, Boni für Allianzen... und für alles gibt es obendrein irgendwie Siegpunkte. Wobei man mit etwas Übung zumindest grob abschätzen kann, wo wer aktuell steht und am Ende landen könnte.

Fast alles in „Gaia Project“ ist modular kombinierbar. Die 14 Rassen spielen sich stark unterschiedlich – kurzum: kein Spiel gleicht dem anderen, für Vielspieler entsteht so ein hoher Wiederspielreiz. Zudem funktioniert das Spiel zu zweit besser als „Terra Mystica“ - und es gibt sogar eine Solo-Spieler-Version. Der Faktor Glück ist ausgeschaltet: Alle spielrelevanten Faktoren liegen von Beginn an aus.

Kein Glück, viel Grübeln

Daraus resultiert ein gewisser Grübelfaktor. Zum Glück allerdings ist jede einzelne Aktion recht schnell abgehandelt: Man kann weitertüfteln, derweil die Mitspieler am Zug sind. Das senkt die Wartezeiten. Dennoch ist eine Runde „Gaia Project“ abendfüllend und schlichtweg anstrengend – ob im positiven oder negativen Sinn, hängt stark vom Spielertyp ab.

Was nun aber ist für wen? Genial durchdacht sind „Terra Mystica“ und „Gaia Project“ gleichermaßen – wobei ersteres sich für Einsteiger empfiehlt. Wer es noch epischer und komplexer will, noch mehr Stellschrauben zum Drehen braucht, der hat seine Freude an „Gaia Project“. Oder um es kurz zu sagen: Der Spieler muss entscheiden, was er will – mehr Eleganz oder mehr Varianz.

In aller Kürze

„Gaia Project“


Von Jens Drögemüller und Helge Ostertag, 1-4 Spieler, ab 12 Jahren, 60-150 Minuten, Feuerland Spiele, etwa 60 Euro.

Unsere Wertung: 4 von 5 Sternen

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