Gleich hab ich den Rekord geknackt“, jubelt Lisa und tippt mit ihrem Zeigefinger wie wild auf das iPhone­-Display. Im Spiel zerschneidet die Sechsjährige mit jeder Berührung Wassermelonen, Bananen und Granatäpfel, die in unregelmäßigen Abständen auf der glatten Spielfläche erscheinen. „Aber die Bomben darfst du nicht zerteilen“, warnt ihr kleiner Bruder Matz (4), der ebenfalls gebannt auf den Minibildschirm schaut.

Für die Geschwister aus Köln und viele ihrer Altersgenossen gehört das „Daddeln“ am Smartphone oder Tablet zum Alltag. Laut einer Studie des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte verbringen fast zwei Drittel der Kinder im Krippen- und Kita-Alter mindestens 30 Minuten pro Tag an einem mobilen Endgerät. Spiel- und Lern-Apps versprechen optimale Förderung und bescheren gestressten Eltern gleichzeitig ein paar freie Minuten.

„Spielen ist in jedem Alter wichtig“, weiß Maria Große Perdekamp von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Aus eigenem Antrieb lernen Kinder dabei die Welt, ihren Körper und sich selbst kennen. Die Entwicklung weg vom realen Sandkasten hin zur virtuellen Spielwiese sieht die Eltern-Beraterin allerdings skeptisch. „Die Handy-Zeit fehlt für andere, tatsächlich entwicklungsfördernde Dinge – wie Malen, Brettspiele oder Bewegung im Freien.“ Die Folgen sind mitunter gravierend: „Mancher Zweitklässler kann weder Rückwärtslaufen noch eine Schleife binden“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Neben motorischen bleiben auch emotional-soziale Fähigkeiten auf der Strecke. Denn die App-Spiele funktionieren in der Regel ohne Freunde oder Eltern.

Und noch ein Aspekt ist besorgniserregend. Babys und Kleinkinder bringen Realität und digitale Welt immer häufiger durcheinander. Auf der Video-Plattform YouTube kursieren Videos, in denen Kleinkinder versuchen, Tiere im Zoo mittels Fingerbewegung heran zu zoomen oder Zeitschriften mit der typischen Wisch-Geste umzublättern. Wie sich die verschwimmenden Grenzen auf das Gehirn der Babys auswirken, ist bisher nicht erforscht. Fest steht: Die Sinneseindrücke, die ein Touchscreen bietet, sind karg.

„Einfache, reale Gegenstände hingegen fördern je nach Altersstufe verschiedenste Kompetenzen“, erklärt die Erziehungsexpertin. Bauklötze zum Beispiel. Die ganz Kleinen erkunden die Würfel mit Mund und Hand. Sie lernen: Ich kann mich bewegen, ich kann greifen oder loslassen. Dreijährige wiederum spüren beim Turmbauen, dass sie etwas erschaffen und zerstören können, während Grundschulkinder die Klötze mit Figuren zu einem Zoo kombinieren und so Kreativität und Denkfähigkeit schulen. „Das sind Dinge, die Eltern ihren Kindern nicht beibringen können“, erklärt Große Perdekamp. Der Nachwuchs muss diese Erfahrungen selbst machen.

Der Softwareentwickler und Familienvater Rainer Brang kennt die magische Anziehungskraft, die mobile Medien auf den Nachwuchs haben. Ihn gänzlich von iPad und Co. fernzuhalten, hält der 42-Jährige daher für keine gute Idee. „Alles, was ich verbiete, wird noch reizvoller“, sagt er. Brang reguliert stattdessen die täglichen Nutzungszeiten und plant mit seinen Söhnen bewusst medienfreie Tage ein. Die verbringt das Dreier-Gespann nicht selten in der hauseigenen Werkstatt beim Basteln. „Dabei sind die Jungs so konzentriert, dass sie gar nicht ans Handy denken“, erzählt der Nürtinger. Sogar eine gewinnbringende Geschäftsidee entstand auf diese Weise: Den Hörbert, einen stabilen Holz-Musikspieler für Kinder, produziert der Hobbywerker mit seiner Firma Winzki seit sechs Jahren in Serie. Inzwischen hat das 19-köpfige Team um den Erfinder 10 000 Stück verkauft. Für Eltern, die mit ihren Kindern selber basteln wollen, gibt es die Klangkiste auch als Bausatz zu kaufen.

„Gemeinsam etwas zu erschaffen, fördert die Kids in besonderem Maße“, weiß die Erziehungsfachfrau Große Perdekamp. Dabei ist es egal, ob die Kleinen mit Mama Sandburgen bauen, mit Papa eine Höhle buddeln oder mit Freunden einen Kuchen backen. Die Hirnareale für Kreativität und Motorik sind aktiv. Zudem lernen die Sprösslinge soziale Regeln kennen und hin und wieder mit Frust umzugehen. Ganz nebenbei vergrößern sie im Gespräch auch noch ihren Wortschatz. Gerade einfache Dinge fördern laut Große Perdekamp die Kreativität und Vorstellungskraft: „Alte Töpfe, Holz- oder Stoffreste begeistern Kinder oft nachhaltiger als sprechende Puppen.“ Eine Beobachtung, die auch Papa Brang gemacht hat. Je vielseitiger einsetzbar, umso besser. Im Spiel werden Perlen schnell zu Hundefutter, und der leere Karton schippert als Boot über den imaginären See. Vor allem aber sollten Eltern bei all dem Förderwahn bedenken: „Spielen soll in erster Linie Spaß machen. Das Lernen klappt dann von alleine.“

Pädagogisch wertvoll


Kreativität Bausteine laden zum Entwerfen unterschiedlichster Bauwerke ein. Das fördert Fantasie, Kombinationsfähigkeit und Feinmotorik.

Bewegung Bobbycar und Laufrad sorgen für Bewegung und wirken sich positiv auf motorische Fähigkeiten aus.

Konzentration Memory, Domino & Co schulen die Aufmerksamkeit, helfen aber auch beim Sprechen und Zählen lernen.