Spiel des Jahres Jury zeichnet „Azul“ aus

Berlin/Ulm / Fabian Ziehe 24.07.2018
SWP-Spieletest: Das Legespiel „Azul“ ist neues „Spiel des Jahres“. „Kennerspiel des Jahres“ wurde „Die Quacksalber von Quedlinburg“.

Oma packt’s unter den Christbaum – und nach Gans und Bescherung spielt die Familie begeistert drauf los: Das ist die Urszene, auf die ein „Spiel des Jahres“ passen muss. Heuer sollte das funktionieren. Die Jury stellte gestern in Berlin den Preisträger 2018 vor. Sie prämierte „Azul“ von Michael Kiesling mit dem „Roten Pöppel“, dem weltweit wichtigsten Brettspiel-Preis.

Ausgezeichnet wird damit ein abstraktes Puzzle für zwei bis vier Personen – leicht zu erlernen, schwer zu meistern. Seit Herbst war „Azul“ von Kritikern und Bloggern als heißer Kandidat gehandelt worden. Seit der Nominierung Mitte Mai galt es als Favorit  – mit dem galligen Nachsatz verknüpft, dass „die Jury“ immer „für eine Überraschung gut“ sei. Dieses Jahr war sie es nicht.

„Spiel wie ein Thriller“

Das gilt auch für das „Kennerspiel des Jahres“ – den Karton, den Oma holt, wenn die Familie schon im Brettspiel-Fieber ist hat. Die zehnköpfige Jury, bestehend aus Journalisten, Bloggern und Brettspiel-Aktivisten, kürte „Die Quacksalber von Quedlinburg“ von Wolfgang Warsch.

Schon vor der Verleihung standen zwei weitere Preisträger fest: „Pandemic Legacy – Season 2“ von Matt Leacock und Rob Daviau erhielt einen Sonderpreis – mit großer Zustimmung der Szene. Das kooperative Spiel  mit endzeitlicher Seuchen-Thematik, von dem nun die zweite Staffel erschienen ist, hat das Legacy-Spielprinzip groß gemacht: Es erzählt eine Geschichte und entwickelt sich von Partie zu Partie weiter, was Material und Regeln betrifft. „Da passt einfach alles – ein Spiel wie ein Thriller“, schwärmte Jury-Sprecher Bernhard Löhlein.

Der andere Preisträger, das „Kinderspiel des Jahres“, hatte eine eigene Jury schon Mitte Juni prämiert. Durchgesetzt hatten sich Lena und Günter Burkhardt mit „Funkelschatz“. Burkhardt ist Lehrer und lebt in Bad Ditzenbach bei Göppingen. Mit „Ulm“ hat erst 2016 ein viel beachtetes Spiel herausgebracht. Nominierte Kinderspiele waren zudem „Emojito!“ von Urtis Šulinskas und „Panic Mansion“ von Asger Harding Granerud und Daniel Skjold Pedersen.

Boom trotz digitaler Konkurrenz

Bei der Prämierung gestern freute sich Löhlein über den Stellenwert von Brettspielen. Waren die Juroren lang gefragt worden, ob das Genre im digitalen Zeitalter eine Chance habe, sei nun der Zungenschlag ein anderer: „Die Frage nach dem ,Ob‘ wird gar nicht mehr gestellt, es wird nur noch gefragt, ,wie‘ das Brettspiel das schafft.“ Festzustellen sei ein Boom bei den Spielern, Spielen und Umsätzen. „Die Qualität hat zugenommen.“ Und: Ungewöhnliche Konzepte gewännen neue Zielgruppen.

Azulejos statt Einstein

Ausführlich wurden die Nominierten und Preisträger vorgestellt – beim „Spiel des Jahres“ allen voran „Azul“. Die Spieler sind Fliesenleger, die für den portugiesischen Königshof Kacheln („Azulejos“ aus der Manuelinischen Ära) auslegen. Die Idee zu diesen quadratischen Spielsteinen hatte der deutsch-kanadische Verlag Plan B Games. Kiesling selber hatte das Spiel zunächst ganz abstrakt angelegt und „Einstein muss doch passen“ genannt.

Die Kacheln sind im Fünfg-mal-Fünf-Raster so auszulegen, dass sie Spalten und Reihen füllen und so Punkte ergeben. Dabei konkurriert man bei den Fliesen mit den Mitspielern. Schon die handschmeichelnden Kacheln aus Kunstharz haben hohen Aufforderungs-Charakter – was Kritiker wie die Jury stark betonten.

Derweil zu zweit ein taktisches Duell entbrennt, ist „Azul“ zu viert gemütlich und auf amüsante Weise gemein. Mit dem Spiel, so die Jury schon in ihrer Begründung für die Nominierung, habe der gebürtige Bremer Kiesling ein abstraktes Spiel mit „nahezu endlosem Wiederspielreiz“ vorgelegt – eine Einschätzung, der man schwerlich widersprechen kann.

Legen nach Gefühl

Nominiert war zudem „The Mind“ von Wolfgang Warsch. Das kooperative Kartenspiel ist ein Experiment: Die Spieler legen Karten zwischen 1 bis 100 ab, ohne sich abzusprechen – aus dem Gefühl heraus, wann für welche Karte Zeit ist. Man steigert sich je nach Spielerzahl auf bis zu 12 Handkarten pro Person – und: Es funktioniert! (Meist.)

Das zweite Spiel,  „Luxor“ von Rüdiger Dorn, ist traditionell gestrickt: Es gilt, mit seinen Figuren in einem Tempel einzudringen und Schätze zu heben – wobei von fünf Karten in der Hand nur die zwei äußeren gespielt werden dürfen. Ein solides Familienspiel, das die Fachwelt wohlwollend bewertet.

Glück und Explosionsgefaht

Beim Kennerspiel sind allen voran „Die Quacksalber von Quedlinburg“ zu nennen. Die Spieler sind Kurpfuscher, die blind aus einem Sack Zutaten für einen Trank ziehen. Allerdings sind im Beutel auch Knallerbsen. Landen zu viele davon im Kessel, explodiert dieser, und Geld oder Punkte sind futsch. Alle brauen gleichzeitig – und keiner weiß, wie weit er sein Glück strapazieren darf.

Nominiert war zum einen „Ganz schön clever“ ebenfalls von Warsch. Jeder erhält dabei einen Vordruck, auf dem er wie bei „Kniffel“ Würfelergebnisse einträgt. So spielt man Boni frei und löst so im Idealfall Kettenreaktionen aus. Daraus ergibt sich eine  beeindruckende  taktische Tiefe.

Bier mal bierernst

Noch mehr Hirnschmalz erfordert „Heaven & Ale“, das Kiesling zusammen mit  Andreas Schmidt entwickelt hat. Hier werden Ressourcen gesammelt, angebaut, geerntet und zu Bier gebraut – keine Stellschraube darf vernachlässigt werden. Es ist der anspruchsvollste Titel, dem Kritiker eine gewisse Spröde ankreiden.

Der SWP-Spieletest stellt diese und viele weitere Spiele vor – jede Woche mit einem neuen Titel.

Altmeister und Neuling

Michael Kiesling Für den diplomierten Elektrotechniker Michael Kiesling aus Bremen war der Einstieg in Spielewelt alles andere als gelungen. Mit „Mogelei“ und „Zündstoff“ gab er 1995 im Eigenverlag zwei astreine Flops heraus. Vier Monate später war der Eigenverlag Geschichte.

Vier Jahre später machte er als Co-Autor des schwäbischen Altmeisters Wolfgang Kramer auf sich aufmerksam. „Tikal“ wurde zum „Spiel des Jahres 1999“ gewählt und holte den „Deutschen Spielepreis“. Auch das „Spiel des Jahres 2000“ ging mit „Torres“ an Kramer/Kiesling. Der eine in Stuttgart, der andere in Bremen, sahen sich anfangs selten und  arbeiteten via Mail und Telefon zusammen – etwa an „Java“ und „Mexica“, die zur erfolgreichen „Tikal“-Trilogie gehören. Mit dem Kartenspiel „Abluxxen“ holten sie 2014 erneut den „Deutschen Spielepreis“.

Kiesling wagte sich 2007 mit „Wikinger“ und 2013 mit „Sanssouci“ wieder solo aufs Parket – die Spiele zählten zu den guten ihrer Jahrgänge.  Im Herbst 2017 folgte dann der Coup mit „Azul“, auch erschienen „Heaven & Ale“ und „Riverboat“. edru

Wolfgang Warsch ist ein Autoren-Neuling – und ein Phänomen.  Von den vier Spielen, die er diese Saison veröffentlicht hat, sind drei nominiert worden. Warsch ist Molekularbiologe und arbeitet hauptberuflich in der Krebsforschung. Der 38-jährige Wiener ist Vater zweier Kinder und hat in den vergangenen Jahren eher nebenher entwickelt. Los ging es vor 20 Jahren, erklärte er in einem Interview auf der Seite „Brettspielbox“. zie

Weltweit wichtigster Jury-Preis

Vor 40 Jahren genau, also 1978, kamen Verleger, Spieleautoren und Journalisten auf die Idee, ein „Spiel des Jahres“ zu küren – um zu zeigen, dass es jedes Jahr neue und gute Spiele gibt und dass diese einen bunteren Kosmos bieten als die Klassiker „Mensch ärgere Dich nicht“, „Monopoly“ und „Risiko“. Als erstes Spiel wurde 1979 „Hase und Igel“ prämiert.

Für einen starken Schub in der Spiele-Szene und auch in der Wahrnehmung des Preises sorgte 1995 „Die Siedler von Catan“ von Klaus Teuber, das der Stuttgarter Verlag Kosmos auf dem Markt gebracht hatte. Allerdings gab es in jüngster Zeit auch immer wieder Irritationen, was das „Spiel des Jahres“ auszeichnen soll. Gerade Ende der 90er-Jahre wurden Spiele prämiert, die vom Anspruch her Spiele-Neulinge schnell überforderten.

Seit 2011 gibt es deshalb als das „Kennerspiel des Jahres“ als feste Rubrik. Derweil das „Spiel des Jahres“ nun explizit Familien mit wenig oder sogar keiner Brettspiel-Erfahrung ansprechen will, ricjhtet sich der neue Preis an Spieler, die schon Erfahrungen haben und eine gewisse Komplexität schätzen. So genannte „Expertenspiele“ für wirklich Brettspiel-Erfahrene spricht eher der „Deutsche Spielepreis“ an, bei dem das Publikum und nicht eine Jyry abstimmt. Dieser wird immer im Herbst zum Auftakt der weltgrößten Spiele-Messe „Spiel“ in Essen prämiert, wobei das Verkünden der Preisträger schon einige Wochen vorher stattfindet.

Prämiert wird zudem seit 2001 das „Kinderspiel des Jahres“. Zudem werden immer wieder Sonderpreise vergeben, so auch dieses Jahr. zie

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