Ulm Im Fokus: Der Mensch und die Frage nach dem Sinn des Lebens

Wolfgang Küpper hält den Inhalt der Sendung für wichtiger als den Titel.
Wolfgang Küpper hält den Inhalt der Sendung für wichtiger als den Titel. © Foto: privat
Monika Höna 16.12.2017

Seit fast 34 Jahren ist die Reportage-Reihe „Gott und die Welt“ fester Bestandteil des sonntäglichen Fernsehprogramms in der ARD. Jetzt wurde sie umbenannt in „Echtes Leben“. Die Gründe und andere Neuerungen erläutert  BR-Redaktionsleiter Wolfgang Küpper.

Gott ist raus – zumindest aus dem Titel. Geht die Sendereihe jetzt auch inhaltlich gottlosen Zeiten entgegen?

Wolfgang Küpper: Nein, ganz und gar nicht. Bei der Titel-Änderung hat es unter den Verantwortlichen der Sendereihe  in der ARD  eine intensive Diskussion um die Balance zwischen reinen Sozialreportagen auf der einen und Reportagen mit stärkerem  Glaubens- und Gottesbezug auf der anderen Seite gegeben. Durch den neuen Titel „Echtes Leben“ möchten wir positiv signalisieren, dass wir  eine große Themenbreite abdecken – „Gott“ und „Religion“ bleiben auch unter neuem Namen genauso wichtig wie unter dem alten Titel „Gott und die Welt“!

Wie sieht der thematische Rahmen aus? Was gehört alles dazu?

Wir wollen in den Sendungen Geschichten von Menschen erzählen, die vor einer religiösen oder moralischen Herausforderung stehen; Menschen, die über den Sinn ihres Lebens nachdenken. Und die Zuschauer sollen erfahren, wie jemand Herausforderungen bewältigt, die ihn oder sie in Grenzsituationen bringen. Das berührt Kernthemen der menschlichen Existenz wie Geburt, Krankheit, Tod, Einsamkeit, Liebe, Glück, Armut, Solidarität und so weiter. Die Kunst besteht darin, dieses umfassende Spektrum abzudecken, dabei aber nicht nur in den Sozialthemen zu verharren. Sie sind wichtig, aber wir wollen auch offen sein für Glaube und Spiritualität, zeigen, wo aus dem Bereich Religion Hilfsangebote aufscheinen.

Der religiöse Aspekt bleibt also wichtig?

Selbstverständlich. Es gibt Sendungen, die sehr religiös ausgerichtet sind, etwa das Porträt einer Theologin aus dem Bistum Regensburg, die sich entschlossen hat, in ein Kloster in Jerusalem einzutreten. Wir haben ihren Werdegang geschildert und natürlich zu zeigen versucht, was in so einem Menschen vorgeht.  In anderen Beiträgen spielt Religion nur mittelbar eine Rolle, wenn es beispielsweise um das bedingungslose Grundeinkommen geht oder um zwei Familien, denen das Hochwasser in Bayern quasi die Existenzgrundlage weggerissen hat. Sinn und Zweck ist es, Leute vorzustellen, die in schwierige Situationen geraten sind und trotzdem nach vorne denken – nicht zuletzt dank der Unterstützung ihrer Mitmenschen.

Im Sinne der christlichen Nächstenliebe?

Richtig. Nächstenliebe im echten Leben, ohne dass man deshalb immer einen Pfarrer bemühen muss, der das erklärt. Religion heißt auch nicht nur Christentum. Das Judentum ist ebenfalls sehr wichtig, und natürlich auch der Islam.  Kürzlich lief eine Sendung über den Islam. Junge Muslime, die in Deutschland leben, fragen: „Warum macht uns Allah das Leben so schwer?“ Ganz anders gelagert, aber mit bedeutendem religiösem Hintergrund. Wie kann der Islam in Europa ein freundliches Gesicht gewinnen? Was geht in denjenigen vor, die sich als Vermittler betätigen? Auch wenn religiöse Aspekte nicht in allen Sendungen auftauchen, achten wir schon darauf, dass im Lauf der 30 oder 35 Sendungen, die pro Jahr ausgestrahlt werden, der Religionsbezug nicht verlorengeht. Im Gegenteil: Wir wollen die spirituellen Bezüge sogar stärker in den Vordergrund rücken.

Was steht unter dieser Prämisse künftig an?

Wir versuchen, Themenblöcke zu finden, so dass wir ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und Schwerpunkte setzen. Im kommenden Jahr wollen wir uns zum Beispiel um familiäre Lebensmodelle kümmern. Das hat unglaublich viele Facetten, mit denen sich problemlos drei oder vier Folgen bestücken ließen. Zudem haben wir uns vorgenommen, etwas prospektiver zu denken, also es nicht dem Zufallsprinzip zu überlassen, welche Themen angegangen werden. Es geht darum, die Dinge in Absprache mit allen beteiligten ARD-Sendern redaktionell zu bündeln, Akzente zu setzen und dem Ganzen – bei aller Offenheit für aktuelle Ereignisse – mehr Struktur zu geben.

Gibt es Tabu-Themen?

Nein, ausgeschlossen wird gar nichts. Wir diskutieren natürlich, ob ein Thema relevant ist oder nicht. Ein wichtiges Kriterium ist dabei, wie originell und neu ein Vorschlag anmutet bzw. ob ein ähnliches Thema in letzter Zeit schon einmal vorkam.

Wie lange wird vorausgeplant?

Die Redaktionsleiter treffen sich mindestens zwei- bis dreimal im Jahr. Die erste Hälfte 2018 ist mehr oder weniger geplant, die zweite steht demnächst an. Man braucht schon einen langen Vorlauf, da der Aufwand für einen Fernsehbeitrag erheblich größer ist als fürs Radio.

Worauf können sich die Zuschauer freuen?

Die familiären Lebensmodelle habe ich schon erwähnt. Ein weiterer Arbeitstitel lautet „Mütterparadies oder Kinderknast? Der Kampf um die 24-Stunden-Kitas“, dann planen wir das Thema „Mama braucht mich. Wenn junge Leute Angehörige pflegen“. Angedacht, wenn auch noch nicht beschlossen, ist ein Beitrag über Singles, also Menschen die unfreiwillig ledig bleiben oder keinen Partner finden. Und mit Blick auf die Musliminnen fragen wir, ob es so etwas wie eine „Frauenpower im modernen Islam“ gibt.

Ist der Sendeplatz am Sonntag um 17.30 Uhr gut oder schlecht?

Zunächst ist es gut, dass Religion und Glaube einen hohen Stellenwert und einen eigenen Sendeplatz im Programm haben. Aber natürlich wünscht man sich als Redakteur einer Sendung immer die Primetime. Und das ist im Fernsehen eine Zeitspanne am Abend.

Locken bekannte Gesichter und Namen mehr Zuschauer vor den Bildschirm?

Nicht merklich. Anfang Oktober lief beispielsweise eine Sendung mit Eckart von Hirschhausen, der ein paar Tage in einem Altenheim verbracht hat. Eine Sendung, die genau unserem Profil entsprach und mit einem prominenten Kopf aufwarten konnte. Die Zuschauerzahlen waren aber deshalb nicht auffallend höher als sonst. Es ist aber auch gar nicht unsere Absicht, die Reihe mit vielen Promis zu bestreiten. Uns liegen in erster Linie vor allem die Befindlichkeiten der ganz normalen Menschen am Herzen. Die Themen sollen aus der Mitte der Gesellschaft kommen.

Wolfgang Küpper (63) ist studierter Theologe, leitet die BR-Redaktion „Religion und Orientierung“ und ist Geschäftsführer der ARD-Kirchenkoordination. Seit Frühjahr 2016 ist die Koordination beim Bayerischen Rundfunk angesiedelt. Küpper ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt bei München.