Eine Wohnung in der Nähe von Metzingen: Die Frau sitzt apathisch im Sessel. Ihre Haare sind zerzaust, die Bluse hat Flecken. In der Küche stapelt sich schmutziges Geschirr, die Lebensmittel im Kühlschrank sind verdorben. Im Schlafzimmer liegt schmutzige Wäsche auf dem Boden, das Bettzeug müffelt. „Als ich dieses Chaos gesehen habe, bin ich total erschrocken“, sagt Marianne Schreiber (Name geändert). „Meine Tante hat immer großen Wert auf ein ansprechendes Äußeres und ein ordentliches Zuhause gelegt. Jetzt lässt sie sich gehen.“ Marianne Schreiber ist berufstätig, hat schulpflichtige Kinder und lebt 200 Kilometer entfernt. Sie besucht die 87-Jährige deshalb nur alle paar Wochen.

Die alte Dame ist ein typischer Fall von Verwahrlosung im Alter. In der Stadt Metzingen sind es jährlich fünf bis zehn Fälle. In Ulm kümmert sich der Soziale Dienst für Ältere jedes Jahr um 50 Personen. „Betroffen sind meist Alleinstehende“, sagt der Altenhilfeplaner Claudius Faul. Bei der Alterspsychiatrie Donau-Riss des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg ist Verwahrlosung im Schnitt bei 130 Patienten ein Thema, das entspricht fünf Prozent der 2600 ambulant und stationär Behandelten.

Die Verwahrlosung beginnt meist mit kleinen Veränderungen. „Der Betroffene kleidet sich nachlässig, kämmt sich die Haare nicht mehr oder räumt die Wohnung nicht mehr auf. Zudem ziehen sich viele Ältere nach und nach aus der Öffentlichkeit zurück“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Mit der Zeit würden die hygienischen Verhältnisse dann immer schlechter. Die Körperhygiene finde nicht mehr statt, Kleidung werde kaum noch gewechselt, und die Wohnung gleiche einer Müllhalde.

Die Ursachen sind vielschichtig. Die Heidelberger Gerontologin Marion Bär nennt drei Faktoren, die eine Rolle spielen: fehlende soziale Kontakte, körperliche und psychische Erkrankungen. „Bereits einzelne körperliche Einschränkungen wie Mühe beim Gehen oder schlechteres Sehen können dazu führen, dass Senioren ihren Alltag schwerer bewältigen und kaum mehr aus dem Haus gehen“, sagt Bär. Rückzug führt meist zu Vereinsamung. Zu den psychischen Beschwerden zählen Depression und Demenz. Die Gerontologin erklärt: „Entwickelt sich eine Demenz, verlieren die Betroffenen zunehmend den Überblick über das, was ansteht.“ Karl-Heinz Frey, Chef­arzt in der Alterspsychiatrie Donau-Riss, sagt, dass bei seinen Patienten häufig eine Demenz vorliege. Er nennt noch eine weitere Ursache: Alkohol. „Es kommt vor, dass Personen, die in Rente sind und nicht mehr wissen, was sie tun sollen, anfangen zu trinken und in die Verwahrlosung geraten.“ Frey nennt dies „Renten-Bankrott“.

Bei Auffälligkeiten Hilfe holen

Der Alterspsychiater appelliert, dass Nachbarn und Bekannte von alten Menschen die Augen offen halten sollten. Bemerkten sie, dass sich jemand immer mehr zurückziehe oder ungewöhnliche Dinge tue, sollten sie umgehend Hilfe holen. Denn es kann vorkommen, dass die Betroffenen austrocknen, weil sie tagelang nichts trinken, oder krank werden, weil sie ihre Medikamente nicht mehr regelmässig einnehmen.

Auch Marion Bär wünscht sich, dass Angehörige und Hausärzte sensibler werden. Sie stellt fest, dass Menschen im Umfeld der Betroffenen Zeichen von Demenz und Depression nicht immer erkennen. „Sie halten die Beschwerden für Alterserscheinungen.“ Bär betont: „Wir brauchen eine sorgende Gesellschaft.“

Oft können Verwandte nicht helfen, weil sie wie Marianne Schreiber nicht vor Ort sind. In solchen Fällen bieten Pflegestützpunkte und soziale Dienste eine engmaschige Betreuung an. Manchmal bringen schon kleine Dinge die Schieflage wieder ins Lot. „Die Anschaffung eines Rollators ermöglicht, dass die Menschen wieder rausgehen und die Isolation aufgebrochen wird“, weiß Claudius Faul. Wenn Betroffene zu Hause nicht mehr ausreichend versorgt werden können, bleibt nur die Unterbringung in einem Pflegeheim. Christine Schuster, Pressesprecherin der Stadt Metzingen, betont: „Helfen kann man eigentlich nur, wenn die Betroffenen kooperativ sind.“ Zwangsweise können Maßnahmen nur bei einer Eigen- oder Fremdgefährdung durchgesetzt werden.

Marianne Schreibers Tante konnte mit kleinen Dingen geholfen werden. Ein ambulanter Pflegedienst unterstützt die alte Frau bei der Körperpflege und im Haushalt. Da ihr das Gehen aufgrund von Knie- und Hüftgelenksarthrose Mühe macht, bekam sie Gehstöcke. Eine Nachbarin erklärte sich bereit, die Seniorin auf kleinen Spaziergängen und zum Hausarzt zu begleiten. Dieser stellte eine Depression fest, die medikamentös behandelt wird.