Marina Schreger reist gerne. Aber da, wo sie hinfährt, warten weder Urlaub noch Erholung auf sie, sondern Menschen, die ihre Hilfe brauchen. Erst kürzlich ist die 21-Jährige mit dem Zug an die ungarische Grenze gefahren. „Ich war letztes Jahr schon da, als die Flüchtlinge dort feststeckten. Mittlerweile berichtet kaum mehr einer über die Situation dort. Da wollte ich mir eben ein eigenes Bild machen“, sagt sie. Die Medizinstudentin aus München ist in keiner Hilfsorganisation, sie will sich einfach nur dort nützlich machen, wo Unterstützung nötig ist. Auch in Afrika war sie, als dort die Ebola-Epidemie wütete, „aber ich setze mich auch gerne einfach mal einen Abend zu meinem älteren Nachbarn, wenn er einsam ist“, meint sie.

Zunehmend mehr Menschen engagieren sich freiwillig, das hat der letzte Deutsche Freiwilligensurvey ergeben, eine repräsentative Befragung, die seit 1999 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stattfindet. Demnach ist der Anteil Engagierter in den letzten 15 Jahren um knapp zehn Prozentpunkte auf 43,6 Prozent angestiegen. Besonders in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen ist eine Zunahme an ehrenamtlichen Tätigkeiten zu verzeichnen. „Vor allem junge Menschen, die studieren, wollen sich zunehmend engagieren“, sagt Gabriele Mreisi, die in Ulm die Freiwilligenagentur „engagiert in ulm“ leitet. Dabei ist das Verhalten von Schreger, sich nicht zeitlich an ein Ehrenamt zu binden, nicht untypisch.

Mit dem Programm „kurz und gut“ versucht die Freiwilligenagentur in Ulm deshalb, auf den Trend einzugehen, sich auch kurzfristig und unverbindlich engagieren zu können. Etwa bei der Unterstützung von Projekten in gemeinnützigen Vereinen oder auch nur für einen Tag etwa als Umzugshilfe für psychisch Erkrankte. „Es gibt unzählige Einsatzmöglichkeiten für Ehrenamtliche, nicht nur im sozialen Bereich“, meint Mreisi. Während sich Jugendliche zum größten Teil in Sportvereinen oder bei der Freiwilligen Feuerwehr einbringen, ist das Engagement bei jungen Erwachsenen breiter gefächert. Um dabei den richtigen Einsatzbereich zu finden, gibt es in vielen Städten den sogenannten „Sozialführerschein“, der 2002 von Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission Ulm, des Caritasverbandes und der Diakonischen Bezirksstelle Ulm erarbeitet wurde.

Im vergangenen Jahr hat auch Franziska Schill in Ellwangen die insgesamt neun Kursabende besucht, um die Vielfalt der Betätigungsfelder kennenzulernen. Erfahrung mit dem Ehrenamt hatte die 27-Jährige davor nicht, und sie sagt: „Bei den Hospitanzen die ich im Rahmen des Sozialführerscheins gemacht habe, habe ich nicht nur viel für mich selber gelernt, sondern auch gesehen, wie händeringend manche Einrichtungen nach Freiwilligen suchen.“ Mittlerweile hat sie ihr Studium beendet und keine Zeit mehr für eine ehrenamtliche Aufgabe.

„Besonders jungen Menschen geht es bei ihrem Engagement um einen Perspektivenwechsel. Und viele Studenten suchen konkret nach einer Erfahrung von Lebenswirklichkeit, die sie beim Büffeln über ihren Büchern nicht machen“, sagt Mreisi. Neben dem Wunsch, Gutes zu tun, und dem Nebeneffekt, seine sozialen Kompetenzen zu stärken, gehe es vielen jungen Menschen auch um den Kontakt zu Menschen, die sie sonst nicht kennengelernt hätten, weiß Mreisi aus ihrer langjährigen Erfahrung.

„Ein Ehrenamt erweitert den Horizont“, sagt auch Friederike Ehwald, die in Stuttgart einmal pro Woche bei der Bahnhofsmission mitarbeitet, Menschen etwas zu essen und zu trinken gibt und ihnen beim Umsteigen hilft. Sie hat selber bewusst keinen Führerschein, und es hat sie immer fasziniert, dass es am Bahnhof mit der Mission eine Stelle gibt, die für so vieles und viele ein Anlaufpunkt ist. Die 29-Jährige studiert nach einem Studium der Kunstgeschichte noch Literatur in Stuttgart, arbeitet dort im Literaturhaus und hat in ihrem Wohnort Esslingen ehrenamtlich bereits zwei Lesekreise organisiert und moderiert. „Ehrenamt ist so wichtig in unserer Zeit“, sagt sie. Es erfordere wirklich nicht viel Aufwand, anderen Menschen ein wenig Zeit zu geben. „Und auch für einen persönlich bringt das was: Indem man die Sorgen und Nöte der anderen kennenlernt, lernt man vielleicht auch mit der Zeit, sich selber nicht mehr so wichtig zu nehmen.“

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Statistik Der höchste Anteil freiwillig Engagierter ist mit 16,3 Prozent im Bereich Sport und Bewegung zu finden, gefolgt von Schule oder Kindergarten mit 9,1 Prozent und Kultur und Musik mit 9,0 Prozent. In den meisten gesellschaftlichen Feldern ist der Anteil freiwillig Engagierter in den letzten 15 Jahren gestiegen. Besonders ausgeprägt sind die Anstiege etwa im Sektor Schule und Kindergarten (von 5,9 Prozent im Jahr 1999 auf 9,1 Prozent im Jahr 2014), in Kultur und Musik (von 4,9 Prozent auf 9,0 Prozent) sowie im sozialen Bereich (von 4,1 Prozent auf 8,5 Prozent) und in der Jugend- und Bildungsarbeit für Erwachsene (von 1,7 Prozent auf 4,0 Prozent). lms