Stuttgart Das Recht zu schweigen


Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund
Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund © Foto: d
Stuttgart / Otto Lapp 15.07.2017

Von ihrem Partner erwarten die Menschen die unterschiedlichsten Dinge. Aushilfstätigkeiten wie Bügeln oder Getränkekästen schleppen, materielle Vorteile, seelische Unterstützung oder ein schöneres Leben. Justus (29) hat viel einfachere Ansprüche. Er und Heike (27) unternehmen viel mit Freunden und diskutieren dabei oft kontroverse Themen. Justus hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg und versteht nicht, dass Heike nur schweigt und zuhört. Im Grunde erwartet er, dass sie ihm den Rücken stärkt – nach dem Motto: Wenn ich etwas sage, stimmst du gefälligst zu!

In jeder Runde gibt es einen, der lieber schweigt und lauscht und meist nur dann antwortet, wenn er direkt angesprochen wird. Ein solcher Typ scheint Heike zu sein. Es gibt sicher Gründe, warum sie sich nicht an den Diskussionen beteiligt, aber dieses Geheimnis lassen wir ihr. Jeder hat das Recht zu schweigen, sogar vor Gericht und erst recht in einer Runde von Freunden. Das, lieber Justus, musst du akzeptieren.

Der andere Punkt ist, zumindest aus zwischenmenschlicher Sicht, nicht ganz nachvollziehbar. Er erwartet nämlich, dass sie seine Position unterstützt, sich auf seine Seite stellt. Da muss man sich schon die Frage stellen, welche Vorstellung er von Partnerschaft hat, sagt die Stuttgarter Beziehungsexpertin Nora Nägele. Auf der Gefühls-Ebene kann man durchaus nachvollziehen, dass er seine Partnerin gern als einen Menschen hätte, der ihm das Gefühl von Sicherheit gibt. Jetzt sag doch du auch mal was! Die etwas unreiferen Teile seiner Persönlichkeit wünschen sich Unterstützung, diagnostiziert die Beziehungsexpertin. Das Kind im Mann braucht jemanden, der ihn bestätigt und allen zeigt, wie toll er ist.

Die partnerschaftliche oder eher demokratische Analyse kann dagegen für Justus nur wenig löblich ausfallen. In einer Partnerschaft herrscht kein Fraktionszwang wie im Bundestag. Wer eine Beziehung eingeht, muss mit Schreien rechnen, wenn er Ruhe möchte, mit Widerspruch, wenn er Zustimmung will, mit Kopfschütteln, wenn er Bestätigung sucht, und mit Schweigen, wenn er ein helfendes Wort nötig hat. Kurzum, er hat einen Menschen an seiner Seite, der unter Umständen komplett anders funktioniert, als es von ihm erwartet wird.

Justus wird mit Heike darüber sprechen müssen. Ich wünsch’ mir das, ich wünsch’ mir jenes. Wie geht es dir eigentlich, wenn wir so diskutieren? Du sagst nie etwas, was müsste passieren, dass du das tust? Dann kann sie Stellung nehmen. Nein, das ist nicht mein Ding, ich zieh’ mich lieber zurück. Aber das muss er dann auch aushalten und zulassen. Selbst wenn sie seiner Meinung ist, ist es Justus‘ Los, seiner stillen Partnerin zuzuschauen, wie sie dasitzt und ihn alleine (reden) lässt. Aber mit ihm könnte sie wenigstens einmal darüber sprechen. Den Grund ihres Schweigens sollte er wissen.