Bayreuth Darf ich vorstellen?


Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund
Otto Lapp geht Beziehungsfragen auf den Grund © Foto: d
Bayreuth / Otto Lapp 16.12.2017

Eine der Aufgaben, die man gerne vor sich her schiebt: seinen Eltern den oder die Neue vorstellen. Die Befürchtung: Denen macht man’s eh nicht recht. Ja, Kinder haben’s schwer. Wir Eltern sind selten zufrieden, vor allem, wenn es um deren Partner geht. Und so zermartert sich Julius (22) das Hirn. Seit zwei Monaten hat er eine neue Freundin. Jetzt will er sie endlich seiner Familie vorstellen, weiß aber nicht so recht, wie.

Es gibt keine Patentlösung. Fest steht nur: Julius ist verliebt, und es scheint ihm ernst zu sein. Immerhin ist er in einem Alter, wo er schon der „Richtigen“ begegnet sein könnte. Und er ist in einem Alter, in dem Heimlichkeiten nicht mehr sein müssen, auch nicht vor seinen Eltern. Man nennt das „erwachsen“. Doch auch Erwachsene bleiben Kinder ihrer Eltern und wollen vor denen natürlich besonders gut dastehen. Julius muss sich also die Frage stellen, was schiefgehen könnte. Die ehrliche Antwort: alles. Selten ist eine Freundin auf Anhieb gut genug: Du willst dich doch nicht schon binden? Denk‘ an deine Ausbildung!

Wenn wir Eltern eine ablehnende Haltung einnehmen, hat das aus unserer Sicht ganz praktische Gründe: Ich kenn‘ doch mein Kind. Und diese Frau passt einfach nicht zu dir! Leider liegen wir gar nicht so selten auch richtig.

Aber genau deshalb müssen Eltern aufpassen, dass sie ihrem Kind nicht alles schwer machen mit Dauerskepsis. Kinder haben das Recht, Fehler zu machen, dazu gehören auch falsche Partner. Liebeskummer hilft mehr als jeder Rat von Mutter oder Vater.

Die einzige Chance auf Seiten der Eltern liegt in einer Portion Offenheit und der Einsicht, letztlich wenig Einfluss darauf zu haben, wen sich der Sohn oder die Tochter erwählt. Im Grunde ist es eine Herausforderung, wenn das Kind, das ja kein Kind mehr ist, seinen Partner vorstellt. Und so müssen Julius‘ Eltern ihn in sein eigenes Leben entlassen. „Lernen loszulassen“, sagt Nora Nägele, Beziehungs-Expertin aus Stuttgart. Denn die Gefahr besteht, dass ein „Nein“ ihn mit 22 Jahren ausbremst. Oder ihn zu einer Trotzreaktion herausfordert.

Da sollte wenigstens das Kennenlernen unkompliziert vonstatten gehen. Wenn ihm dies wichtig ist, kann er die Eltern einfach fragen, wie sie sich die erste Begegnung vorstellen. Schließlich sollen die einen guten Eindruck von ihr haben.

Das ist nur die eine Seite. Die andere: Auch die neue Freundin soll einen guten Eindruck von den Eltern bekommen. Julius wünscht sich zurecht, dass auch sie sich ein bisschen ins Zeug legen, wenn sie kommt. Wenn sie die Richtige ist und sich die Eltern adäquat verhalten, kann nicht viel schiefgehen.

Fairerweise sollte er vor der Einladung auch bei seiner Freundin vorfühlen. Womöglich will sie gar nicht vorgestellt werden. Sie hat das Recht, nein zu sagen. Und ja, sie hat sicher auch Lampenfieber. Aber für den Richtigen …

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