Andreas Laska, kna  Uhr

Auch 14 Jahre nach der Gründung der Internet-Community Couchsurfing.com erfreut sich diese Art des Reisens großer Beliebtheit. Linda Martin, passionierte Globetrotterin und Autorin eines Reiseblogs, hat schon viele Nächte auf fremden Sofas verbracht. Im Interview berichtet die Neuseeländerin von ihren Erfahrungen und gibt Tipps für Neueinsteiger.

Frau Martin, warum sollte ich Couchsurfing machen?

Linda Martin: Es gibt natürlich Menschen, die das vor allem machen, um Geld zu sparen. Für mich ist das eher ein netter Nebeneffekt. Mir ist viel wichtiger, dass ich beim Couchsurfing Einheimische kennenlerne und so einen ganz anderen Eindruck von einer Stadt oder einem Land gewinne, als wenn ich im Hotel oder Hostel übernachten würde.

Wer macht bei Couchsurfing mit? Nur junge Leute?

Natürlich ist Couchsurfing vorrangig etwas für junge Leute. Aber ich kenne auch einige Familien oder ältere Menschen, die auf diese Art reisen. Und auch die Gastgeber sind nicht alle jung. Ich glaube, es geht hier gar nicht so sehr um das Alter als vielmehr um die Einstellung, die man zum Thema Reisen hat, und um die Kontaktfreudigkeit, die natürlich eine Voraussetzung ist.

Wie sind die Wohnungen ausgestattet? Schläft man wirklich auf der Couch?

Das Ganze heißt zwar Couchsurfing, aber letztlich übernachtet man gar nicht so oft auf einem Sofa. Ich habe schon alles erlebt: die klassische Couch, eine Luftmatratze in der Küche, ein geteiltes Schlafzimmer oder ein eigenes Gästezimmer. Einmal, in Vietnam, hatten mein Mann und ich sogar eine ganze Etage für uns. Das war aber natürlich ein seltener Luxus.

Wenn ich Sie richtig verstehe, überwiegen bei Ihnen die positiven Erfahrungen.

Unbedingt. Eine besonders schöne Zeit haben wir übrigens couchsurfend in Deutschland verbracht. Vor ein paar Jahren haben wir eine Deutschlandtour gemacht nach dem Prinzip: eine Woche, eine Stadt. Wir sind immer freitags angekommen und haben das Wochenende als Couchsurfer verbracht. Die restlichen Tage dann haben wir in einem Hostel übernachtet. Über das Wochenende haben wir etwas mit unseren Gastgebern unternommen. In Köln zum Beispiel haben wir einen Kölsch-Braukurs gemacht, in Hamburg eine Schiffstour, und in Bayern waren wir wandern. An den anderen Tagen haben wir dann die klassischen Touristenhighlights besucht. Ich erinnere mich auch an einen Besuch in Italien, in Padua. Unser Gastgeber hatte einen großen Garten, und wir haben dort eifrig gegärtnert. Das hat großen Spaß gemacht.

Haben Sie gar keine negativen Erfahrungen gemacht?

Doch, natürlich auch. Ich erinnere mich da an einen Aufenthalt in Peru. Als wir dem Taxifahrer die Adresse unseres Gastgebers sagten, wollte er erst gar nicht hinfahren. Das war wohl keine besonders sichere Gegend. Als wir dann dort ankamen, war unser Gastgeber nicht da, und wir konnten ihn auch nicht erreichen – weder per Mail noch per Telefon. Am Ende ging alles gut aus, wir haben dann in einem Hostel übernachtet. Aber dieser Moment, als wir allein da in diesem Viertel standen, der war schon einigermaßen gruselig. Ich rate deshalb allen Couchsurfern, immer einen Plan B in der Tasche zu haben, falls der Gastgeber nicht auftaucht oder das ganze wenig vertrauenserweckend aussieht.

Können Sie mir drei Dinge nennen, auf die ich als Couchsurfer unbedingt achten sollte?

Das Wichtigste ist, den richtigen Gastgeber zu finden. Deshalb rate ich allen, die Profile auf der Website genau zu lesen und nur die Menschen anzuschreiben, die einem wirklich sympathisch sind. Schauen Sie sich ruhig zehn oder zwölf Profile an, bevor Sie eine Entscheidung treffen. Das zweite: Schreiben Sie Ihren potenziellen Gastgebern immer eine persönliche E-Mail. Nicht einfach die Copy-and-paste-Methode anwenden. Schreiben Sie, warum Sie just bei dieser Person übernachten wollen, was Sie sich von dem Aufenthalt versprechen. Und drittens: Seien Sie offen. Bringen Sie Zeit mit, die Sie dann mit Ihrem Gastgeber verbringen. Lassen Sie sich auf das ein, was er oder sie Ihnen zeigen will.

Und als Gastgeber?

Auch für ihn oder sie gilt zunächst: Lesen Sie aufmerksam die Mails der anfragenden Couchsurfer. Manche wollen wirklich nur Geld sparen und interessieren sich nicht für die Gastgeber. Dann: Machen Sie es dem Couchsurfer schön. Wenn möglich, richten Sie ihm einen Schlafplatz ein, wo er auch ein bisschen Privatsphäre hat. Und drittens: Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Gäste, unternehmen Sie etwas mit ihnen gemeinsam, vielleicht auch abseits der üblichen Touristenpfade.

Ist es nicht eine Herausforderung, in seinen eigenen vier Wänden immer wieder fremde Leute zu beherbergen?

Diese Frage habe ich vielen meiner Gastgeber gestellt, und fast alle haben sie mit „nein“ beantwortet. Ich denke, es ist eine Charakterfrage, ob man das mag oder nicht. Für viele Gastgeber ist das eine Möglichkeit, sich die Welt nach Hause zu holen. Ich erinnere mich etwa an eine Familie in Chile. Sie hatten kleine Kinder und keine Gelegenheit zu reisen. Also haben sie Couchsurfer aufgenommen. Viele sehen es auch als Bereicherung für ihre Kinder, die auf diese Weise hautnah mit fremden Menschen und Kulturen in Kontakt kommen. Und nicht zuletzt ist es eine sehr gute Gelegenheit, Fremdsprachen zu üben.

Wie sieht es mit der Sicherheit speziell für Frauen aus?

Ich selbst reise immer mit meinem Mann, insofern kann ich da nicht aus Erfahrung berichten. Aber allein reisenden Frauen würde ich dennoch eine gewisse Vorsicht empfehlen – aber das gilt ja immer, wenn man als Frau allein unterwegs ist. Also: Übernachten Sie nicht bei einem alleinstehenden Mann. Am besten ist für eine Solo-Reisende wohl ein Gastgeber-Paar, als zweite Option würde ich eine Frau empfehlen. Nicht, dass ich alleinstehenden männlichen Gastgebern generell unlautere Absichten unterstellen möchte, aber es gibt eben solche Fälle. Insofern gilt: Sicher ist sicher.

Couchsurfing.com hat als gemeinnützige Community begonnen. Mittlerweile handelt es sich aber um ein kommerzielles Angebot. Hat das etwas verändert?

Es gibt Leute, die diese Kommerzialisierung beklagen. Ich selbst habe keinen generellen Trend zum Negativen feststellen können. Allenfalls, dass die Community mittlerweile unüberschaubar groß ist, was bedeutet, dass man bei der Auswahl noch genauer hinschauen sollte. Denn nicht jedes der mittlerweile über zehn Millionen Mitglieder ist wirklich ein überzeugter Couchsurfer.

Kann man auch außerhalb von Couchsurfing.com entsprechende Angebote finden?

Kann man, aber ich habe es bislang nicht versucht. Couchsurfing ist einfach das größte Netzwerk und ich bin zufrieden damit.