Anregender Genuss

In gemütlicher Umgebung trinkt Martin Krieger eher Tee als Kaffee.
In gemütlicher Umgebung trinkt Martin Krieger eher Tee als Kaffee. © Foto: privat
Von Monika Höna 13.01.2018

Haben Sie heute schon einen Kaffee getrunken, Herr Krieger?

Martin Krieger: Ich habe gerade eine Tasse vor mir stehen.  Kaffee mit Milch.

Ist die schlichte Bezeichnung Kaffee überhaupt noch angemessen angesichts der Vielfalt? Espresso, Cappuccino, Latte Macchiato und vieles mehr.

Stimmt, die Vielfalt ist heutzutage enorm. Das hat sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Es waren Italiener, die die ersten Espresso-Maschinen und Geräte, mit denen man Milch aufschäumen konnte, erfanden. Giovanni Achille Gaggia war einer dieser Tüftler, sein Name steht bis heute auf vielen Maschinen in italienischen Bars. Interessanterweise verbreitete sich das Trinken von Espresso und Cappuccino in der Nachkriegszeit vor allem von London aus.

Kaffee aus Großbritannien, das doch eigentlich fürs Teetrinken bekannt ist?

Ja, im 17. Jahrhundert waren die Briten die größten Kaffeetrinker, umgestiegen sind sie erst viel später – durch den Teeanbau in Indien. Sie trafen sich in Kaffeehäusern, die damals aber noch richtige Kaschemmen waren, laut und einfach möbliert. Ganz wichtig war, dass dort Zeitungen auslagen. Das zog viele Kaufleute an, die dort Kaffee oder vielleicht auch Tee tranken, Zeitungen lasen und Wirtschaftsnachrichten austauschten.

Woher kam der Kaffee, der dort getrunken wurde?

Damals war der Jemen das einzige Land, das Kaffee für den Export anbaute. Wer ihn kaufen wollte, musste dorthin. Das waren natürlich die Seemächte. Im Süden Italien, vor allem Venedig, das mit dem westlichen Asien Handel trieb und die Waren über das Rote Meer und Suez nach Europa brachte. Im Norden bald nach 1700 die Niederländer und die Engländer, die um das Kap der guten Hoffnung zurück nach Amsterdam und London segelten.

Wie und wann erreichte die Kaffee-Mode Deutschland?

Über die beschriebenen Handelswege schwappte der Trend in die angrenzenden Länder. Einmal über die Nordsee in die norddeutschen Hafenstädte und von Venedig aus in die Habsburger Monarchie und Süddeutschland.

Mochten die Menschen denn dieses fremde Getränk?

Sicher nicht auf Anhieb. Kaffee schmeckt ja bitter. Auf den Geschmack kam die Gesellschaft erst im Lauf der Zeit. Am Anfang war er furchtbar teuer, ein Luxus­produkt. Entsprechend probierten ihn zuerst die Adligen, dann schauten sich das die Bürgerlichen ab, und so gewöhnte man sich mehr und mehr an den Geschmack.

Es gibt verschiedene Legenden, wie Kaffee überhaupt als Genussmittel entdeckt wurde. Welche gefällt Ihnen besonders gut?

Besonders schön finde ich eine Geschichte aus dem südlichen Äthiopien, das ja die botanische Heimat des Kaffees ist. Dort soll ein Hirtenjunge seine Ziegen eines Tages völlig aufgelöst und durcheinander vorgefunden haben. Er fand heraus, dass sie seltsame rote Kirschen gefressen hatten. Die nahm er mit nach Hause, wo sie seine Mutter, die die Früchte für Teufelswerk hielt, ins Feuer warf. Von dort stieg dann ein betörender Duft auf – das war im Grunde die erste Kaffeeröstung. Und von Äthiopien kam der Kaffee vermutlich im 15. Jahrhundert in den Jemen, was ja nicht weit entfernt liegt. Dort wurde er kommerziell angebaut und machte erst da so richtig Karriere als Exportprodukt.

Was ist das Geheimnis eines guten Kaffees?

Das ist eine sehr persönliche Angelegenheit, wie immer, wenn es um Geschmacksfragen geht. Die Sorte spielt natürlich eine Rolle und das Land, aus dem der Kaffee kommt. Der Hochlandkaffee ist feiner im Aroma, weniger bitter oder herb, hat auch weniger Koffein. Zudem beeinflusst die Röstung – ob schnell oder langsam, bei hoher oder niedriger Temperatur – den Geschmack.

Entwickelt sich Kaffee allmählich zu einer eigenen Genusswelt wie etwa Wein?

Ja durchaus. Es gibt natürlich den Massenkonsum, aber auch den Luxuszweig, der immer größer wird. Dazu gehört beispielsweise der Kopi Luwak oder Katzenkaffee, der durch den Verdauungstrakt der indonesischen Schleichkatzen gewandert sein muss. Von den Kaffeefrüchten kann dieses Tier nur das Fruchtfleisch verdauen, die Bohnen werden wieder ausgeschieden. Da kostet ein Kilo mitunter mehrere Hundert Euro.

Wie sieht es mit den Produktionsbedingungen aus?

Ein höchst problematischer Aspekt, der oft verschwiegen wird, ist die Kinderarbeit auf vielen Plantagen. In diesem Punkt haben einige Kaffeeproduzenten Blut an den Fingern. Der andere sind die Gifte, Insektizide und Herbizide. In manchen Ländern gibt es zwar Schutzmaßnahmen wie Gesichtsmasken oder maschinelle Ausbringung, aber in anderen laufen noch immer Leute ohne Maske mit der Giftspritze durch die Plantagen.

Haben wir als Kaffeekonsumenten darauf einen Einfluss?

Durchaus. Es gibt ja eine ganze Reihe von Zertifikaten und anerkannten Siegeln, auf die man sich beim Kauf verlassen kann. Dieser Kaffee ist natürlich etwas teurer, aber das sollte es uns schon wert sein, wenn wir dadurch Kinderarbeit und krankmachende Arbeitsbedingungen verhindern helfen.

Kaffeetrinken verbindet die Menschen. Sie treffen sich in Cafés oder laden privat zu Kaffee und Kuchen ein. Ist der Kaffee dabei nur Mittel zum Zweck?

Ja, zu einem großen Teil schon. Natürlich soll das Getränk gut schmecken, aber bei so einer Verabredung oder Einladung stehen das Zwischenmenschliche und der Austausch eindeutig im Vordergrund. Das ist ein uraltes Phänomen. Schon vor Jahrhunderten hat man sich im Jemen, wo der Kaffee ja herkommt, in öffentlich zugänglichen Häusern zusammengesetzt, um zu debattieren und zu diskutieren. Die Obrigkeit guckte deshalb auch stets sehr argwöhnisch auf diese Kaffeehäuser. Das Kaffeetrinken zu Hause in den privaten Räumen hat sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt.

Hierzulande steht in vielen privaten Haushalten nicht bloß eine einfache Kaffeemaschine, sondern ein Vollautomat, der auf Knopfdruck alle möglichen Varianten aus­spuckt. Wollen wir italienischer sein als die Italiener?

Man erkauft sich damit ein bestimmtes Lebensgefühl. Die Verfügbarkeit all dieser Spezialitäten von Espresso bis Latte Macchiato suggeriert einem schon ein bisschen italienische Lebensart. Kleine Fluchten aus dem Alltag. Und keine Frage: Der Kaffee aus diesen Geräten schmeckt gut. Das lassen sich viele etwas kosten.

Gibt es den häufig zitierten Unterschied zwischen Kaffee- und Teetrinkern? Also schneller Konsum hier, bedächtiger Genuss da?

Ob es ihn in der Realität gibt, vermag ich nicht zu entscheiden. In der Literatur schon. Mit Kaffee verbindet man, von den erwähnten Luxusprodukten einmal abgesehen, eher das Eilige, den Alltagsbegleiter im Büro, der schnell aus der Maschine kommt. Tee, der ja mit seiner immens langen Geschichte aus Ostasien stammt, hat eher etwas Spirituelles. Tee ist ein viel älteres Kulturgetränk als Kaffee. Auch wenn der Teebeutel vielleicht nicht so ganz in dieses Bild passt.

Was ist Kaffee für Sie?

Ein Muntermacher, ein Arbeitsgetränk. Ich bin eher mit dem Tee sozialisiert. Ich trinke auch Kaffee sehr gern, probiere immer wieder mal neue Sorten aus, aber der ist eher mein Begleiter am Schreibtisch im Büro, während Tee in gemütlicher Umgebung getrunken wird.

Martin Krieger (50) arbeitet als Historiker an der Universität Kiel (Spezialgebiet Nordeuropä­ische Geschichte und nebenbei Kolonialgeschichte). Sein Interesse an Tee und Kaffee wurde durch einen Aufenthalt in Indien auf einer Teeplantage geweckt. Krieger ist verheiratet und hat zwei Söhne (13 und 17). Er lebt an der Ostsee in der Nähe von Eckernförde.

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