Sieben Jahre nach dem großen Beben empfängt ein Wald aus Kränen über der Altstadt die Autofahrer, die sich L’Aquila von Rom aus nähern. In der Nacht auf den 6. April 2009 wurden hier nicht nur Barockpalazzi zerstört, sondern auch moderne Gebäude, die­ einer solchen Naturkatastrophe eigentlich hätten standhalten sollen. Mehr als 300 Menschen kamen ums Leben, mehr als 60 000 wurden obdachlos. Viele starben in alten Häusern, die aus Angst vor Beben mit viel zu schweren Dächern aus Stahlbeton ausgestattet worden waren  – sie stürzten ein und begruben die alten Gemäuer mitsamt ihren Bewohnern.
Es waren Schlagzeilen, von denen man hoffte, sie so schnell nicht wieder lesen zu müssen – und die man in diesem Jahr doch wieder lesen musste. Denn auch im gerade 50 Kilometer entfernten Amatrice starben bei einem Beben im August erneut fast 300 Menschen, viele wieder in Gebäuden, die eigentlich erdbebensicher sein sollten. Mit etwas Pech ist der Blick auf die Gegenwart L’Aquilas auch ein Blick in die Zukunft Amatrices. Denn der Wiederaufbau der Stadt in den Abruzzen ist von Fehlern und Fehlplanungen geprägt.
Es beginnt damit, dass die Arbeiten im Zentrum L’Aquilas tatsächlich erst vor zwei Jahren in Gang gekommen sind. Wer zuvor die Spaziermeile am Dom entlangging und einen Blick in die umliegenden Gassen warf, wurde von Absperrungen und Schutt behindert, der aus Haustüren quoll. Das Leben der Bewohner hatte sich in dieser Zeit an den Stadtrand verlagert. Um die vielen Menschen, die bei der ­Katastrophe obdachlos geworden waren, unterzubringen, beschloss die damalige Regierung Berlusconi den Bau sogenannter „New Towns“, die innerhalb kürzester Zeit hochgezogen wurden. Bei manchen Neubauten brachen schon bald die Balkone ab. Ganze Häuserblocks wurden evakuiert. „Bei einigen dürfte es teurer werden, sie instandzusetzen, als sie abzureißen“, sagt Giampiero Marchesi, der für die Regierung in Rom die örtlichen Wiederaufbaubehörden überwacht.
Viele beschweren sich heute über die allzu große Entfernung zur Innenstadt. Kein Laden, keine Schule, kein Café gibt es in den neuen Stadtvierteln. Sie waren nur für den Übergang gedacht, doch
inzwischen haben sie das Leben in der Stadt nachhaltig verändert. „Die Häuser waren mit 2500 Euro pro Quadratmeter sehr teuer, und sie haben zur Zersiedelung des Umlands von L‘Aquila beigetragen“, moniert der Architekt Marco
Morante.

Gelebt wird nun am Stadtrand

Einer der Haupttreffpunkte für die Menschen von L‘Aquila ist das große Einkaufszentrum an der Autobahn. Auf der Flaniermeile in der Altstadt gibt es dagegen auch sieben Jahre nach dem Beben nur vereinzelte Cafés für die wenigen Besucher und die vielen Bauarbeiter. Auch ein Laden für Käse- und Wurstspezialitäten aus der Region hat wieder aufgemacht. Doch weil so wenig Kunden kommen, sitzt der Inhaber die meiste Zeit in seinem Kleinwagen auf der anderen Straßenseite und surft auf seinem Handy im Internet. Der Dom verschwindet hinter Baugerüsten, überall sind Baustellengeräusche zu hören.
Wer hier bis zur verheerenden Nacht von 2009 wohnte, hat sich mittlerweile am Stadtrand ein neues Leben aufgebaut oder ist gleich ganz weg gezogen. Wer in die wieder aufgebauten Gebäude einziehen wird, wenn die Maurer und Installateure mitsamt ihren Bauwagen abziehen, ist noch unklar.
Bereits vor dem Beben waren zahlreiche Häuser der Altstadt an Studenten vermietet. Die sollen künftig nach dem Willen der Regierung teilweise in die frei werdenden Wohnungen in den „New Towns“ ziehen. „Aber es wird auch darum gehen, die Stadt für den Tourismus attraktiver zu machen“, sagt Marchesi. Doch in den Abruzzen herrscht ohnehin ein Überangebot an Übernachtungsmöglichkeiten für den bislang eher spärlichen Andrang.
In der gesamten Region warten noch immer 9000 Menschen darauf, in ihre Häuser zurückkehren zu können. Frei gewordene Wohnungen in den „New Towns“ stellt die Gemeinde L‘Aquila mittlerweile Erdbebenopfern des nur 40 Minuten entfernten Amatrice zur Verfügung.
„Es ging alles ganz schnell, innerhalb von anderthalb Tagen wurde mir diese Wohnung zugeteilt“, erzählt Daniele Di Tommaso. Ein Apartment teilt der Rentner aus Amatrice sich mit seinem Bruder, ein Stockwerk tiefer wohnt die Schwester. Di Tommaso baute für sich und seine Familie bereits 1992 ein erdbebensicheres Haus. „Seit ich ein Junge war, war immer von Erdbeben die Rede.“ Der ehemalige Busfahrer ist sich sicher, dass sein­
Heimatort bald wieder aufgebaut wird. Sein Reihenhaus wurde beim Beben am 24. August beschädigt, blieb aber stehen, so dass seine Familie mit dem Schrecken davonkam. Er möchte wieder zurück, sobald man ihm eine Unterkunft näher an Amatrice zuweist. „Hier bekommt man keinen Kontakt zu den anderen“, klagt der freundliche ältere Herr.
Mehr als drei Jahre lang galt in der Erdbebenregion von L‘Aquila der Notstand. Erst die Regierung Monti ebnete 2012 mit der Aufhebung des Notstands den Weg für den Wiederaufbau. Bis 2025 werde auch das letzte Haus in den umliegenden Orten wieder stehen, behauptet der Leiter der Behörde für den Wiederaufbau der Ortschaften rund um L‘Aquila, Paolo Esposito. Vermutlich werde es schneller gehen, weil nicht alle Immobilienbesitzer in den ohnehin unter der Landflucht leidenden Bergdörfern ihre alten Häuser wieder aufbauen lassen wollten.
Wer über die zuständige Gemeinde Pläne für den Wiederaufbau vorlege, erhalte die nötigen Mittel, sagt Esposito, der eher wie ein Manager wirkt und nicht wie ein italienischer Behördenchef. „Transparenz ist das Wichtigste, sonst zerfleischen sie Dich“, sagt er lachend in seinem Büro in der „New Town“ von Fossa, dem Ort, den man von den Fenstern seiner Behörde in den Bergen liegen sieht. „To make things happen“, dafür sorgen, dass Dinge umgesetzt und nicht nur angekündigt werden, ist seine Devise. Dafür hat er auch eine ständig aktualisierte Statistik eingerichtet, die zeigt, welche Kommunen Anträge auf Wiederaufbau stellen und welche die zur Verfügung stehenden Mittel nicht abrufen. Von den 27 000 Gebäuden außerhalb L‘Aquilas sei ein Viertel wieder aufgebaut, 70 Prozent davon in den vergangenen beiden Jahren.
Kritik an den mangelnden Bemühungen in den ersten Jahren nach dem Beben von 2009 vermeidet Esposito. Vielmehr will er ein Modell für den Umgang mit künftigen Katastrophen bieten. „Prozesse, die unabhängig von den Personen funktionieren“, nennt er das. In den Großraumbüros seiner Behörde arbeiten hoch motivierte junge Leute daran, Dinge möglichst rasch umzusetzen.
Schleppend kommt auch der Wiederaufbau in dem Dorf Onna in Gang, das  nicht in Espositos Zuständigkeitsbereich fällt. In der zu 90 Prozent zerstörten Ortschaft kamen bei dem Beben 41 der knapp
300 Bewohner ums Leben. Da Wehrmachtssoldaten dort 1944 ein Massaker anrichteten, konzentrierte Deutschland seine Hilfe auf den kleinen Weiler: So ­half man, mit drei Millionen Euro die Dorfkirche wieder zu errichten.

Die Mafia soll nicht wieder mitverdienen

Neben der Fassade aus hellem Kalkstein steht der Rohbau eines mehrstöckigen Wohnhauses, das eher in eine Stadt als in ein kleines Dorf zu passen scheint. „Wenn es fertig ist, wird dort nur eine Familie wohnen“, sagt Gabriella Pezzopane. Sie wohnt in einem der kleinen Häuser, die neben dem zerstörten Ortskern wie ein künstliches Dorf aus Pappmaché wirken. Wenn ihr eigenes Wohnhaus eines Tages wieder steht, wird sie in der Straße womöglich allein mit ihrem Mann wohnen. Zu viele andere seien weggezogen oder verstorben, sagt sie.
Über der Spüle erzählen Familienfotos von ihren Kindern und Enkeln. „Im Sommer kommen sie uns hier besuchen, dann arrangieren wir uns irgendwie, aber im Winter ist es hier einfach zu klein“, sagt sie über ihre 45-Quadratmeter-Bleibe. Wann sie wohl wieder in ihr Haus zurückkehren kann? „Wenn es mir nichts mehr nützt“, sagt die 68-Jährige.
Damit sich diese Situation in Amatrice nicht wiederholt, hat Ministerpräsident Matteo Renzi den Betroffenen versprochen: „Wir werden euch nicht allein lassen.“ Eine Liste mit „sauberen“ Firmen soll verhindern, dass die Mafia wie in L‘Aquila am Wiederaufbau verdient. Im kommenden Jahr will Renzi 300 Millionen für Amatrice zur Verfügung stellen. Für die dafür nötigen neuen Schulden hofft er auf ein Entgegenkommen aus Brüssel. Insgesamt werden die Kosten des Wiederaufbaus dort auf 4,5 Milliarden geschätzt.