Laichingen Laichinger Kläranlage wird die erste mit Spezialfilter

Die Laichinger Kläranlage soll als erste im Alb-Donau-Kreis mit einem Spurenstoff-Filter ausgestattet werden.
Die Laichinger Kläranlage soll als erste im Alb-Donau-Kreis mit einem Spurenstoff-Filter ausgestattet werden.
Laichingen / ISABELLA HAFNER 05.09.2014
Kläranlagen haben Probleme, Spurenstoffe aus dem Wasser zu filtern. Die Folge: Gewässer und Grundwasser werden belastet, Tiere und Menschen nehmen sie auf. Laichingen schafft sich einen Aktivkohlefilter an.

Nein. Es riecht nicht wie in einem stark benutzten Toilettenwagen. Der Geruch der Hinterlassenschaften von rund 11 000 Laichingern, Feldstettern, Machtolsheimern und Suppingern hält sich in Grenzen in der Kläranlage im Gewerbegebiet. Im ersten sichtbaren Abwasserbecken nach der Reinigung mit dem Grobrechen schwimmen Laub und Zigarettenstummel. Sonst nichts. Von Becken zu Becken wird die Brühe klarer, am Ende: glasklar. Sie versickert im Karst, taucht im Blautopf wieder auf. Doch so rein, wie sie scheint, ist sie nicht.

Unsichtbare Stoffe stecken darin. Mit gefährlichen Folgen für Tiere in den Gewässern, aber auch Menschen - sie nehmen das Wasser verdünnt übers Grundwasser wieder auf. Ein 5,25 Millionen Euro teurer Aktivkohlefilter soll die Stoffe vom nächsten Jahr an im Laichinger Klärwerk eliminieren. Das Land steuert rund 2,1 Millionen Euro bei.

Aktivkohle hat eine praktische Eigenschaft: Spurenelemente hängen sich an die Kohlepartikel. Ein neues Reinigungsbecken wird in Laichingen damit versetzt, der nachgeschaltete Tuchfilter lässt die Spurenstoffe nicht durch. Der 48-jährige Klärwärter Joachim Tiede freut sich schon. Er tätschelt den Tuchfilter, der flauschig grün in einem Ständer in seinem Büro steckt. Jeden Tag erinnert er ihn an die baldige, kleine Revolution in seiner Anlage.

Immer mehr Kleidung enthält Chemikalien. Laut Greenpeace werden sie beim industriellen Vorwaschen der Stoffe, die überwiegend aus Asien kommen, verwendet. Etwa das in der EU verbotene Nonylphenolethoxylat. In Importartikeln darf es enthalten sein. Es zersetzt sich beim Waschen in das Umwelthormon Nonyphenol. Klärwärter Tiede berichtet von Schmerzmitteln im geklärten Wasser. Medikamente werden von manchen Leuten nach einer Erkrankung sorglos in der Toilette entsorgt. Oder eben ausgeschieden beim Stuhlgang. So ist es auch mit Hormonen wie der Pille. Sie gelangen ins Wasser. Auch einige Arzneien wirken hormonell und beeinflussen dadurch die Fortpflanzung. Es kommt zu Intersex-Fischen, das heißt: Männliche Fische bekommen weibliche Geschlechtsmerkmale und anders herum. Für Hummern, Krabben und Muscheln können die Stoffe auch giftig sein. Antibiotika im Wasserkreislauf kann Krankheitserreger resistent machen. Vor allem Medikamente zur Krebstherapie sind risikoreich. Mit weniger als einem hundertstel Mikrogramm Wirkstoff pro Liter können sie das Erbgut schädigen.

In Laichingen gibt es kein Krankenhaus mehr, das "medikamentös behandeltes Abwasser" in die Kläranlage leitet. Auch kein Pharmaunternehmen - Aliud produziert nicht vor Ort. Aber Arztpraxen. Klärwärter Tiede: "Hier kommt Kontrastmittel aus Röntgenpraxen an. Das scheiden die Leute ja auch aus."

Die Grenzwerte für geklärtes Wasser sind strenger geworden. Nicht das Blut aus Fleischereien ist das Problem, es sind auch nicht die belasteten Abwässer großer Firmen wie Süddekor oder aus der Flaschenwaschanlage der Firma Burkhardt Fruchtsäfte. Schon gar kein Problem ist es, hin und wieder eine Unterhose oder sich kaum zersetzende Frischetücher herauszufischen. Das erledigt der Grobrechen gleich am Anfang. Auch die riesigen Mengen angeschwemmten Sands - meist aus Straßengullis: kein Problem. Genauso wenig organische Stoffe wie Tomatenkerne. Ammonium und Phosphate werden mit Sauerstoff abgebaut. Tückisch sind aber die unsichtbaren Inhaltsstoffe.

Experten diskutieren auf nationaler und internationaler Ebene mittlerweile intensiv über "vorsorglichen Gewässerschutz". Baden-Württemberg fährt eine "Spurenstoffstrategie". 18 Kläranlagen mit einem Aktivkohlefilter sind in Planung, im Bau oder in Betrieb. Die Laichinger ist die erste im Kreis. In Westerheim wird eine weitere geplant, in Neu-Ulm ist gerade eine auf der Kläranlage des Zweckverbands Steinhäule im Bau.

Die Laichinger Karstgegend zählt abwassertechnisch zu den sensiblen Gebieten. Wie Versuche mit Farbstoff im Grundwasser zeigten, dauerte es nicht sonderlich lange, bis das gefärbte Wasser im Blautopf angekommen war. Heißt: Das Wasser konnte relativ ungehindert durch die Gesteinsschichten hindurchdringen und wurde wohl nicht besonders gereinigt.

Dass Laichingen sich gerade jetzt einen Aktivkohlefilter anschafft, hat noch einen Grund. Die wasserrechtliche Einleitegenehmigung lief 2013 aus, damit sie verlängert wird bis 2031 ist die neue, vierte Reinigungsstufe nötig. Seit Frühling laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Klärwärter Tiede wirkt wie ein Herrscher, der stolz über sein Reich blickt, wenn er, nachdem er die Leiter zum Schlammsilo hochgeklettert ist, über seine fünf Wasserbecken und auf die voranschreitenden Bauarbeiten blickt und sich vorstellt, dass bald drei neue Becken das Ensemble komplettieren werden.

In einem halben Jahr werden durch den Tuchfilter 30 Liter Wasser pro Sekunde rauschen. Trinken will der Klärwärter das Wasser aus dem Auslauf nicht. "Lieber einen sauren Sprudel", sagt er. Zumindest Badewasserqualität wird das Laichinger Klärwasser jedoch haben.

Strengere Werte

Zahlen Geklärtes Wasser muss heutzutage strengere Grenzwerte erfüllen. Ein Liter darf nur 1 Milligramm Phosphat enthalten, 12 Prozent Stickstoff, 5 Prozent Ammonium und 40 Prozent chemischen Sauerstoff. Außerdem müssen Spurenstoffe minimiert werden. Sechs Mal im Jahr kontrolliert das Landratsamt die Kläranlage. Werden Grenzwerte überschritten, muss eine Abwasserstrafe gezahlt werden.

Zurück zur Startseite