Die Zuhörer hielten Pappschilder hoch: mit gemalten roten Herzen und Worten wie „Merci“. Mit einem Handkuss bedankte sich François-Xavier Roth beim jubelnden Publikum, nahm sein Smartphone und fotografierte vom Dirigentenpult aus den Saal. Bilder für die Ewigkeit. Die weit über 100 Musikerinnen und Musiker auf der Bühne des Freiburger Konzerthauses winkten ein Lebewohl. Und Schluss. Nach 70 Jahren spielte das SWR Sinfoniekonzert Baden-Baden und Freiburg sein letztes Konzert, im Juli 2016 – unvergesslich. Das Finale auch eines langen Kulturkampfs. Der Südwestrundfunk hatte diesen traditionsreichen Klangkörper abgewickelt, fusioniert mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart: zum SWR Symphonieorchester – mit Sitz in der Landeshauptstadt.
Und jetzt schließt sich die Wunde? Ausgerechnet François-Xavier Roth wird 2025 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter dieses SWR Symphonieorchesters und damit Nachfolger von Teodor Currentzis, wie der Sender am Freitag bekannt gab.

Ein Dirigent der Champions League

Roth, 1971 in Neuilly-sur-Seine geboren, hatte als Chefdirigent in Freiburg gegen die umstrittene Fusion gekämpft: Als eine „Katastrophe“ bezeichnete er sie und fühlte sich an den Zentralismus in seinem Heimatland Frankreich erinnert. Er wechselte dann nach Köln, als Generalmusikdirektor der Oper, als Gürzenich-Kapellmeister. Roth verfügt über ein enormes Repertoire, sein Ruhm auch als Programmgestalter ist groß; mit seinem Orchester Les Siècles etwa interpretiert er Musik aller Epochen auf jeweils entsprechenden historischen Instrumenten. Und der 50-Jährige ist aufgestiegen in die Champions League, er dirigiert die Berliner Philharmoniker, das London Symphony Orchestra oder das Amsterdamer Concertgebouw; im Dezember feiert er an der Bayerischen Staatsoper Premiere mit Wagner „Lohengrin“. 
Ganz überraschend kommt Roths Berufung nach Stuttgart nicht, mit dem Südwestrundfunk hat er seinen Frieden geschlossen. Bei den zurückliegenden Pfingstfestspielen in Baden-Baden führte er mit dem SWR Symphonieorchester Mahlers „Siebte“ auf – Glücksgefühle offenbar auch bei den Musikern. Die Fusion sei für ihn jetzt Geschichte, hatte Roth in einem Interview mit unserer Zeitung zu seinem Comeback gesagt: „Das neue Orchester besitzt auch eine neue Identität.“ Außerdem sei Peter Boudgoust, der Intendant von damals, nicht mehr im Amt.

Glücklicher SWR-Intendant

Nachfolger Kai Gniffke präsentierte nun Roth mit euphorischen Worten: „Er ist nicht nur ein begnadeter Musiker, sondern ein ebenso guter Kommunikator. Er hat es geschafft, ein Millionenpublikum im französischen TV für klassische Musik zu begeistern. Er brennt für die Idee, mit klassischer Musik tatsächlich alle Menschen zu erreichen.“ Roths Vertrag ist auf fünf Jahre ausgeschrieben, 14 Wochen pro Jahr soll er als Chefdirigent mit dem Orchester arbeiten.
Intendant Gniffke wird froh sein, bald einen neuen Hoffnungsträger am Start zu haben. Teodor Currentzis hat mit teils sensationellen Konzerten seit 2018 als erster Chefdirigent das neue SWR Symphonieorchester geformt: als Superstar auch das Publikum begeistert, und zwar international. Doch seit dem russischen Angriffskrieg ist der Grieche Currentzis, der auch die russische Staatsbürgerschaft besitzt, in die Kritik geraten, weil sein Ensemble MusicAeterna von einer regimenahen russischen Bank gesponsert wird und er sich nicht öffentlich von dem Aggressor Putin distanziert.
Auch hat Currentzis erst im August ein neues, von europäischen Mäzenen bezahltes Ensemble gegründet: „Utopia“. Die Stuttgarter Zukunft von Currentzis schien daher begrenzt, wobei der SWR betont, dass er auch künftig dem Orchester verbunden bleiben soll. Schon 2024/2025 aber wird Roth als designierter Chefdirigent bei mehreren Konzertprojekten des SWR Symphonieorchester am Pult stehen.  

Ein „musikalisches Universum“ schaffen

Stellungnahme François-Xavier Roth über Stuttgart: „Dieses noch junge Orchester besitzt eine einzigartige DNA. Die Musikerinnen und Musiker sind überaus erfahrene und leidenschaftliche Verfechter der Musik unserer Zeit und gehen gleichzeitig historisch informiert an Repertoire der letzten Jahrhunderte heran – zwei Aspekte, die mir persönlich sehr am Herzen liegen. Ich freue mich auf unsere gemeinsamen Projekte und Herausforderungen mit all ihren pädagogischen, sozialen und medialen Möglichkeiten, um für und mit unserem Publikum ein musikalisches Universum zu erschaffen.“