Eine Gigatonne ist die Maßeinheit für eine besonders große Menge, kann aber auch die bei einer Explosion freigesetzte Energie bezeichnen. Würde man Pearl Jams erstes neues Studiowerk nach fast sieben Jahren in letzterem Sinne betrachten, wäre der Titel verfehlt: Der große Knalleffekt bleibt auf „Gigaton“ (Republic/Universal Music) aus, auch wenn das alte Feuer noch für wohligen Hörgenuss sorgt.
Zumindest ihren Anspruch, gesellschaftlich relevant zu sein, haben die einstigen Grunge-Heroen aus Seattle nicht aufgegeben, wenn auch die musikalische Umsetzung mittlerweile gediegener daherkommt. Wurde der Grunge vor rund 30 Jahren von Musikindustrie wie Presse als wütende Gegenbewegung zu in Trägheit und Posen erstarrten älteren Vertretern des Rock inszeniert, müssen sich Pearl Jam nun selbst den Vorwurf gefallen lassen, Dinosaurier zu sein.

Eddie Vedder ist ein zeitloser Rockstar

Frontmann Eddie Vedder geht mit seinen 55 Jahren ohnehin als zeitloser Rockstar durch. Seine Texte nehmen die Zerstörung unseres Lebensraumes ins Visier, weswegen sich der Albumtitel in Verbindung mit dem Cover, das schmelzende Gletscher zeigt, als Mengenangabe eines Verlustes interpretieren lässt. „Caught the butterfly, broke its wings then put it on display” heißt es im etwas ziellos wirkenden „Seven O’Clock“. Der Schuldige ist schnell gefunden: „Then you got Sitting Bullshit as our sitting president.”

Pearl Jam müssen nichts mehr beweisen

Die vorab veröffentlichte Single „Dance of the Clairvoyants“, der experimentellste Song auf „Gigaton“ erinnert mit funky pumpendem Bass an die ausgehenden 2010er, als Kings of Leon und Mando Diao plötzlich in den Tanzclubs gespielt wurden. Das Gros des Albums bedient da schon konsequenter die Fanbase. „Take the Long Way“ ist mäandernder Alternative Rock. „Superblood Wolfmoon“ rumpelt knarzend durch die Garage. Auf dem elegischen Rausschmeißer „River Cross“ gibt Vedder überzeugend den Michael Stipe zu „Automatic for the People“-Zeiten, auf „Comes then Goes“ spielt er mit Lagerfeuergitarre den Countrybarden. Pearl Jam müssen mit „Gigaton“ letztlich nichts mehr beweisen: Ihre Touren laufen auch ohne neue Musik bestens.