Stammt von Sansibar, seit den 1960ern in Großbritannien, Professor an der Universität Kent, lebt in Brighton: Es sind nur Schnipsel eines Lebens, die über Literatur-Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah bekannt sind. Mit dem 1948 geborenen Autor kürt die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm einen nahezu Unbekannten. Obwohl er seit Jahrzehnten in Großbritannien lebt, kennen ihn auch dort nur wenige. Dabei hat der Schriftsteller bereits zehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Seine Ex-Uni, sein Verlag Bloomsbury – sie werden überrannt von Anfragen.
Klar ist: Gurnah ist der erste tansanische Autor, der den Nobelpreis erhält und der erste schwarze afrikanische Schriftsteller seit Wole Soyinka 1986. „Ich bin wirklich sehr, sehr überrascht“, sagte der frischgekürte Nobelpreisträger dem BBC-Hörfunk und lachte verlegen. „Und etwas geschockt.“ Er habe gezittert, als er von dem Preis gehört habe.
Das Thema des ehemaligen Professors für Englische und postkoloniale Literatur ist die Geschichte seiner alten Heimat Sansibar und der neuen Heimat England. Stark von den Eindrücken der brutalen deutschen Kolonialherrschaft und des Ersten Weltkrieges in Deutsch-Ostafrika beeinflusst, erzählt Gurnah von einfachen Menschen. In seinem jüngsten Buch „Afterlives“ etwa geht es um den jungen Ilyas, der seinen Eltern von deutschen Truppen geraubt wurde und Jahre später in sein Heimatdorf zurückkehrt, um gegen sein eigenes Volk zu kämpfen.
Gurnah habe stets über Vertreibung geschrieben, sagt Pringle, „auf die schönste und eindringlichste Art und Weise über das, was Menschen entwurzelt und sie über Kontinente hinweg weht“. Es wirkt ein wenig, als spiele seine eigene Geschichte in seine Literatur hinein. Denn auch Gurnah hat Vertreibung erlebt. 1964, nach einer Revolution auf Sansibar, das heute zu Tansania gehört, war er gezwungen, als junger Mensch seine Heimat zu verlassen. Die arabische Elite, die 200 Jahre lang über die afrikanische Mehrheit auf Sansibar herrschte, wurde gestürzt. Es folgten Massaker. Mit 21, mittlerweile in England angekommen, begann Gurnah zu schreiben, auf Englisch und nicht in seiner Muttersprache Suaheli. Seine erste Erzählung „Memory of Departure“ erschien 1987. Erst 20 Jahre nach seiner Flucht, 1984, konnte Gurnah nach Sansibar zurückkehren, um seinen im Sterben liegenden Vater wiederzusehen.
Sich selbst zu beschreiben, falle ihm schwer, erzählte Gurnah 2016 in einem Interview. Ob er postkoloniale oder Weltliteratur schreibe? „Ich würde keines dieser Wörter wählen“, sagte er da. Aus der Sicht seines deutschen Übersetzers Thomas Brückner sind Gurnahs Romane von einem hintersinnigen Humor geprägt. „Es gibt schwierige Autoren, die man übersetzen kann oder muss. Und es gibt welche, die viel leichter zu übersetzen sind, weil der literarische Gehalt im Leichtgewichtigen liegt. Insofern ist er schon ein ernstzunehmender und ernsthafter Autor“, sagt Brückner. „Ich hatte das große Glück, ihn immer wieder mal fragen zu dürfen, wenn mir ein paar Sachen unklar waren. Er hat sehr freundlich reagiert. Da die Übersetzung ins Deutsche häufig erst Jahre später erfolgt, musste ich mir öfter mal anhören: Das weiß ich nicht mehr.“
Gurnah war in seiner Küche, als er vom Nobelpreiskomitee erreicht wurde, wie der Vorsitzende des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, berichtet. Das Komitee habe eine „lange und sehr positive“ Unterhaltung mit ihm geführt. „In Gurnahs literarischem Universum verschiebt sich alles – Erinnerungen, Namen, Identitäten“, sagt Olsson. „Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sein Projekt nicht endgültig abgeschlossen werden kann.“ Es ist eine Forschungsreise, die nie endet.

Auswahl kommt überraschend

Im Vorjahr war die US-Poetin Louise Glück mit dem Literaturnobelpreis geehrt worden, der ebenso wie die weiteren traditionellen Nobelpreise auf das Testament des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833-1896) zurückgeht. Während die Auswahl von Glück etwas unerwartet kam, ist die von Gurnah eine große Überraschung.
Zu den Favoriten wurden prominentere Schriftsteller wie etwa der Japaner Haruki Murakami oder die Kanadierinnen Margaret Atwood und Anne Carson gezählt. Ein Literaturnobelpreis für einen aus Afrika stammenden Schriftsteller war zwar schon seit Jahren erwartet worden – wenn, dann hatten Experten dafür aber am ehesten den Kenianer Ngugi wa Thiong’o ins Auge gefasst.

Auf Deutsch kein Titel lieferbar

Für den deutschen Buchmarkt bedeutet der neue Literaturnobelpreisträger offenbar eher eine Enttäuschung. Auf Deutsch sei derzeit kein Titel lieferbar, berichtete das Fachmagazin „Börsenblatt“ in Frankfurt. Die fünf auf Deutsch übersetzten Bücher Gurnahs sind die Romane: „Das verlorene Paradies“, „Donnernde Stille“, „Ferne Gestade“, „Schwarz auf Weiß“ sowie „Die Abtrünnigen“.