Das TV-Publikum kennt den Schauspieler Udo Wachtveitl (63) als Kommissar Franz Leitmayr aus dem Münchner „Tatort“. Schon als Kind begann seine Karriere als Synchronsprecher, in Folgen der Serie „Meister Eder und sein Pumuckl“. Wachtveitl ist am Freitag, 20 Uhr, im Stadthaus zu Gast in der Reihe „klassisch!“, in der Konzertlesung „Landschaften“ zusammen mit Franziska Hölscher (Violine) und Lauma Skride (Klavier).

Herr Wachtveitl: Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Leben?

Udo Wachtveitl: Ich habe einen ganz guten Zugang zur Musik, keinen akademischen, aber ich war von klein auf für Musik begeistert. Aufgewachsen, sozialisiert bin ich ja mit der Pop- und Rockmusik der 68er-Generation, meine beiden Säulenheiligen sind Frank Zappa und Jimi Hendrix, zwei eher polar zu sehende musikalische Temperamente. In den letzten Jahren bin ich, auch durch Einladungen zu den Bayreuther Festspielen, mit der ernsteren, klassischen Musik mehr in Verbindung gekommen.

Was hören Sie zu Hause?

Ich mag auch die amerikanischen Liedermacherinnen Rickie Lee Jones und Joni Mitchell. Und dann hat sich Bach tief in mein Herz geschlichen, auch Mahler.

Auf dem Grünen Hügel sieht man Sie regelmäßig als Gast. Haben Sie für Wagner genug Sitzfleisch?

Ja, ja. Man weiß dort sowieso: Die Luft ist schlecht, die Beinfreiheit nicht vorhanden, und der Sitz ist hart. Das sind beste Voraussetzungen, um sich vier Stunden lang selbst zu disziplinieren. Wenn es so unbequem ist wie in Bayreuth, geht das nah an eine Askese. Keine schlechte Voraussetzung für Kunstgenuss. Bei Wagner muss man offenbar körperlich leiden, um diese Trip-Erfahrung zu machen.

Als Kommissar Franz Leitmayr ermittelten Sie in einem „Tatort“ auch schon an der Bayerischen Staatsoper.

Ja, aber die ließen uns damals nicht in die heiligen Hallen, wir drehten diese Folge in einer norditalienischen Stadt, in Padua.

Aber in diesem Jahr hatten Sie sogar live einen Auftritt im Münchner Nationaltheater.

Das war sehr lustig. Es gibt eine winzige Sprechrolle, die des Haushofmeisters, in der Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss. Ich hatte mir gedacht, ja, das schaue ich mir mal an, wie Oper funktioniert. Ich kann nur sagen: Mein Respekt vor dem, was da geleistet wird, ist nur gewachsen – und ich mache das wieder.

Was ist nun das Besondere an dieser Konzertlesung „Landschaften“, mit der Sie in Ulm gastieren?

Eine bestimmte Art von Text und Musik geht sehr gut zusammen. Und was die Rezeptionspsychologie betrifft, um es mal hochtrabend zu formulieren, kann sich das Publikum noch einmal anders als nur durch die Musik eingenommen, umarmt fühlen. Die Texte von Roger Willemsen eignen sich besonders gut, weil er so fein, pointiert, charmant beobachtete. Diese „Landschaften“, die er beschreibt, kennen wir alle so oder so ähnlich, sie lösen bei uns Heimatgefühle aus.

Wie zeichnet sich ein guter Sprecher, Rezitator, ein „künstlerisch Vortragender“ aus?

Es gibt verschiedene Philosophien: die der feinen Distanz und die des Sich-gehörig-in-die-Kurve-Legens. Ich neige dazu, innerhalb dieses Spektrums eine Mischung anzubieten. Aber grundsätzlich geht es darum, dem Zuhörer die Möglichkeit zu geben, seine eigene Fantasie zu entwickeln. Ich bin ja eigentlich ein Radiokind, das Radio war mein erstes Metier. Einer meiner Mentoren damals beim Bayerischen Rundfunk, der großartige Sprecher Gustl Weishappel, hat immer gesagt: „Lies‘ den Text und versteh‘ ihn, mach‘ ihn dir zu eigen. Stell‘ dir vor, jemand sitzt in dem Mikrofon, der noch nie etwas davon gehört hat, und erzähl’s ihm einfach.“ Hört sich so banal an, ist es aber nicht. Oft fehlt es schon am Verstehen.

Sie sind ein Künstler, der die Sprache sehr schätzt?

Ja, aber das sollte in meinem Beruf selbstverständlich sein. Ich würde das als einen grundlegenden Dienst am Kunden bezeichnen. Ich erwarte auch von einem Installateur, den ich bestelle, dass der sein Geschäft versteht.

Wie geht’s eigentlich im Münchner „Tatort“ weiter?

Wir fangen in drei Wochen mit neuen Dreharbeiten an. Eine sehr hübsche Ausgangsposition: Batic und Leitmayr befinden sich unter lauter ungekrönten und gekrönten Häuptern. Also in Bayern gibt’s die Senf-, Gurken- oder Spargelköniginnen, meistens junge Damen aus den Produktionsgegenden. Und bei einem jährlichen Treffen kommt es zu einem Mord.

In Willemsens „Landschaften“ gibt es auch ein sehr ironisches Bayern-Kapitel: „Ja, sagen Gott und Landschaftspflegeamt: Hier lassen wir den Mischwald in Mischwiesen übergehen (…) Und wenn die Klöster noch Starkbier brauchen, dann sollen auf den Etiketten Mönche mit roten Gesichtern glänzen, die aussehen, als habe man sie mit Speckschwarten abgerieben.“ Was ist denn Ihre Lieblingslandschaft?

Das ist wirklich schwierig. Bayern trifft es schon ganz gut, aber es dürfte ein bisschen länger Sommer sein. Ich war auch ausführlich imWesten der USA, Weite und Unberührtheit faszinieren mich, Kasachstan zum Beispiel. Aber wenn ich mich für eine entscheiden müsste, liegt der Alpenrand schon weit vorne, könnte auch der südliche sein.

„Landschaften“ in Musik und Text

Roger Willemsen war einer der beliebtesten Intellektuellen in Deutschland. Kurz vor seinem Tod (2016) arbeitete er an einem Projekt, das seine größten Leidenschaften zusammenführte: das Reisen, die Musik, die Lektüre und das Schreiben. Zusammen mit der Geigerin Franziska Hölscher entstand das Programm „Landschaften“ aus Musik und Texten: „Bayerische Devotionen“, „Der Kreidefelsen von Rügen“ oder „Sonntag auf der Schwäbischen Alb“ heißen die Kapitel. Es erklingen Werke von Bach, Brahms, Bartók, Ravel oder Gershwin: Brückenschläge zwischen Klang- und Sprachlandschaften.
Mit der Konzertlesung „Landschaften“ beginnt am Freitag, 20 Uhr, im Stadthaus die neue Saison der „klassisch!“-Kammerkonzerte: mit Franziska Hölscher (Violine), Lauma Skride (Klavier) und dem Schauspieler Udo Wachtveitl als Sprecher (Julia Jentsch hatte kurzfristig absagen müssen). Karten: SÜDWEST PRESSE + Hapag-Lloyd Reisebüro im Hafenbad, an allen Reservix-Vorverkaufsstellen und unter www.swp.de/ticketshop