Ein Startschuss, und dann galoppieren die Pferde um die Wette und springen über Hindernisse in mehreren Runden. Rasant. Ein Schnauben und ein Wiehern. Joseph Haydn hat sein Opus 74,3 nicht selbst als „Reiterquartett“ bezeichnet, und ihm war die Reiterei sowieso nicht geheuer, seit er unsanft vom Pferd gefallen war – aber der letzte, rhythmisch furiose Satz in diesem 1793 komponierten Streichquartett suggeriert nun wirklich entsprechende Bilder. Auf seiner ersten England-Reise hatte Haydn übrigens tatsächlich auch einen Ausflug nach Ascot unternommen und war, wie er ins Tagebuch notierte, von den Jockeys beeindruckt: „mager wie die windhund“ seien sie gewesen.
Nicht auf der Rennbahn, sondern auf der „klassisch!“-Bühne des Stadthauses: drei Musiker und eine Musikerin, das Eliot Quartett, die nun freilich nicht gegeneinander antraten in diesem „Reiterquartett“, sondern absolut zeitgleich und allemal siegend ins Ziel kamen. Denn Maryana Osipova und Alexander Sachs (Violine), Dmitry Hahalin (Bratsche) und Michael Preuss (Cello) spielten den Haydn perfekt abgestimmt: neugierig, rhythmische, motivische Finessen entdeckend, mit Risiko und Witz phrasierend, mitreißend.

Leiser Schmerz, brutale Wut

Dann eine intensive Trauerarbeit mit dem 7. Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch. Der Russe hatte dieses nur knapp 13-minütige Werk 1960 komponiert, für seine verstorbene Frau Nina. Aber bei Schostakowitsch, der in Stalin-Zeiten immer wieder mit seiner Verhaftung, mit Verbannung, ja mit seiner Hinrichtung rechnen musste, spielt das Politische selbstverständlich mit. Schmerz, innerliche Verzweiflung, brutale Wut – alles ist zu hören. Und auch hier: Das Eliot Quartett zeigte feine Klangeffekte wie Attacke, in klarer, eher unpathetischer Struktur, und überzeugte nicht zuletzt mit dynamischen Kontrasten, jederzeit fähig, filigran leise einen Ausdruck zu betonen. 
So war das Publikum sehr gespannt, wie das Eliot Quartett sich dem hoch romantischen, 1889 komponierten Streichquartett César Francks stellen würde, einem emotionalen 45-Minuten-Kraftakt. Viel beachtet haben die Frankfurter auf dem Label Genuin eine Aufnahme vorgelegt – „Le temps retrouvé“ (die wiedergefundene Zeit) betitelt, denn Marcel Proust, der französische Romancier, hatte sich von Francks Musik einst inspirieren lassen, als die Arbeit zu seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gestockt hatte.
Mit großem, energisch leuchtendem Geigenton führte Maryana Osipova an. Ein leidenschaftliches, immer durchdachtes, exakt phrasiertes Zusammenspiel. Auch hier die Details: der wunderbare Spuk im 2. Satz, fast ein Mendelssohnscher „Sommernachtstraum“ an diesem kalten Winterabend im gut besuchten Stadthaus. Und das aufreibende Finale: alle Gefühlslagen noch einmal durchgeschüttelt. Jubel. Als Zugabe ein heiter beseeltes Adagio Haydns (op. 20,5), als müssten die Nerven nach Francks Streichquartett beruhigt werden.

Schubert und Led Zeppelin

„Zwischen Arkadien und Anarchie“ ist das nächste Konzert der Reihe „klassisch!“ im Stadthaus überschrieben. Das international gefeierte Signum Quartett kommt am 8. März,  20 Uhr, nach Ulm.  Der Abend beginnt mit Werken von Schubert und Adès, und nach der Pause öffnet eine außergewöhnliche „Rock Lounge“: Kompositionen von Mozart, Beethoven („Große Fuge B-Dur“), Strawinsky, aber auch von Cream, Led Zeppelin („Heartbreaker“) und Radiohead in einer Bearbeitung von Matthijs van Dijk. Ein musikalisches Abenteuer. Kartenvorverkauf: Südwest Presse + Hapag-Lloyd Reisebüro im Hafenbad, Reservix und unter swp.de/ticketshop