Nein, niemand kann auf einem Kontrabass schön spielen, jeder Ton auf diesem Ungetüm klingt „gräuslich“. Das Instrument ist natürlich furchtbar wichtig, weil es im Orchester das Fundament legt, aber das solistische Spielen ist ein „Riesenblödsinn“ – sagt jedenfalls ein lebensunglücklicher Musiker in Patrick Süskinds wunderbarem Schauspiel „Der Kontrabass“. Das ist der melancholisch-witzige Monolog eines Kontrabassisten, der darunter leidet, dass er immer im Schatten steht, nicht glänzen kann – er ist nämlich verliebt in eine junge Sängerin, die ihn gar nicht kennt. Alles Theater, denn mal ehrlich: Wenn jemand beweisen kann, dass es überhaupt kein „Riesenblödsinn“ ist, mit dem Kontrabass solistisch aufzutreten, dann ist es der – sehr muntere, fröhliche – Wies de Boevé. Der Belgier gastierte in der Reihe „klassisch!“ im Stadthaus und begeisterte das Publikum.
Der polyglotte Wies de Boevé, 1987 in Mechelen geboren, lehrt als Professor in Madrid, auch in Zürich, er wohnt mit seiner Frau Marine-Amélie Lenoir, einer Oboistin, im Elsass, in der Nähe von Basel – und spielt als Solo-Kontrabassist im Münchner Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Er hat alle wichtigen internationalen Wettbewerbe für Kontrabass gewonnen, darunter auch den Bottesini-Wettbewerb. Dieser Giovanni Bottesini war ein Superstar im 19. Jahrhundert, der Paganini auf dem Tieftöner – und er war auch ein Dirigent gewesen, der die Oper liebte und gerne zwischendurch für das Publikum eine zirkushafte Nummer auf dem Kontrabass einlegte. Kurios. Artistik auf vier Saiten, gerne in allerhöchster Lage: Und so legte de Boevé mit einer Fantasie über Bellinis „Puritaner“ los – und bot als Zugabe mitreißend noch ein Bottesini-Paradestück aus der „Nachtwandlerin“.

Romantisch und rasant

Nur Originalwerke hatte der Belgier auf dem Programm – exzellent begleitet von seiner Klavierpartnerin Tomoko Takahashi aus Berlin. Von Adolf Mišek (1875-1955) aus Böhmen die Sonate Nr. 2: ein feiner, inspiriert durchgearbeiteter spätromantischer Brahms-Nachhall. Und man merkt: Der Kontrabass will hier eben nicht nur mit Macht der Geige oder dem Cello nacheifern – er behauptet sich als selbstbewusstes Klang-Unikat. Vier virtuose Stücke auch von dem Russen Reinhold Glière (1875-1956): grummelnd, „gräuslich“? Nein, dunkel, edel, singend und schön. Und dekadent sentimental und irre rasant. Eine Demonstration. 
Apropos die ferne Geliebte eines Kontrabassisten: Extra für Ulm hatte de Boevé das höllisch schwierige Solo „Valentine“ von Jacob Druckman (1928-1996) einstudiert, das aber eine ganz innige Beziehung vorführt. Es ist eine Performance mit Percussion, mit Geräuschen, mit der Stimme des Musikers, Gesang. Der Belgier eroberte Valentine geradezu, sehr sinnlich – auch fürs jubelnde Publikum. Kein „Riesenblödsinn“ dieser Kontrabass-Abend, sondern ein Ereignis.