klassisch!
: Konstantin Krimmel singt Balladen: „Ich bin ein Fan von Geschichten“

Der in Ulm aufgewachsene Sänger Konstantin Krimmel macht eine spektakuläre Karriere – jetzt gibt er in der Reihe „klassisch!“ einen Liederabend im Stadthaus. Ein Interview über 27 Strophen „Der Taucher“ und Karrierepläne.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Auch den „Taucher“ von Franz Schubert singt Konstantin Krimmel – ein Drama in 27 Strophen.

Flo Huber

Es war im Herbst 2015 gewesen, ein 22 Jahre alter Student der Stuttgarter Musikhochschule erhielt im Stadthaus den Ulmer Förderpreis in der Sparte Musik – und stellte sich selbstbewusst mit dem „Lied an den Abendstern“ aus Richard Wagners „Tannhäuser“ vor. Hoppla, dieser selbstbewusste Bariton ließ aufhorchen: dieser sonore Klang! Und ja, Konstantin Krimmel steht heute auf dem Sprung zu einer internationalen Karriere, er ist Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, vor allem aber ist er ein vielfach ausgezeichneter Liedsänger. Am 24. Januar ist Krimmel, der auch Stipendiat des Richard-Wagner-Verbands Ulm/Neu-Ulm war, in der Reihe „klassisch!“ im Stadthaus zu Gast, mit einem Balladen-Abend, gemeinsam mit dem Pianisten Daniel Heide.

Haben es Liederabende wirklich so schwer?

Konstantin Krimmel: Ich widerspreche den Leuten, die sagen, dass seit Prey und Fischer-Dieskau die Liedkultur vom Aussterben bedroht sei. Also wenn ich meinen Terminkalender anschaue oder die Konzertpläne meiner Kollegen, besteht zu einem Abgesang kein Anlass. Es gibt einen bemerkenswerten Pool an jungen Sängern, die sich dem Lied verschreiben. Man muss es einfach machen. Aber ich finde es lustig, dass manche Veranstalter einen Liederabend ausschmücken wollen, etwa mit Videos oder einer Bilderausstellung, niemand würde darauf kommen bei einem Streichquartett-Abend. Und wir Sänger habe ja noch den Text.

Im Ulmer Stadthaus stehen Balladen auf dem Programm, was ist Ihr künstlerisches Anliegen?

Ich bin ein großer Fan von Geschichten, vom Erzählen von Geschichten. Und generell möchte ich sagen, dass Carl Loewe auf dem Markt zu selten vertreten ist. Er hat ganz wundervolle Werke geschrieben, und teils sind sie ja volkstümlich bekannt, etwa „Die Uhr“ und „Herr Oluf“. Zudem hatte ich während der Corona-Pandemie viel Zeit, da sind mir auch die großen Schinken wie „Der Taucher“ von Schiller und Schubert in die Hände gefallen. Ich habe einfach Lust gehabt, das zu lernen. Es sind herausfordernde, tolle Stücke.

„Der Taucher“ hat 27 Strophen?

Mit der Musik lässt sich die Story viel besser verfolgen, als wenn man nur Schillers Strophen lesen würde. Ich erhalte immer wieder tolle Rückmeldungen aus dem Publikum: Die Zuhörer haben die Ballade in der Schule durchgenommen und vergessen, und jetzt verstehen sie etwa den „Taucher“ ganz neu.

Balladen sind ja nicht so weit weg von der Oper. Aber wie erzählt ein Sänger ohne Bühnenbild, Kostüm, Requisiten diese Geschichten? Kann er in die verschiedenen Figuren schlüpfen?

Ich versuche alles herauszuholen und alles hineinzulegen, was irgendwie möglich ist. Ich bin mein eigener Regisseur, mein eigener Dramaturg, ich bin mein eigener Dirigent, kann diese Ballade mit dem Pianisten so gestalten, wie ich es möchte. Das ist großartig. Man hat beim Lied die größte Freiheit als Künstler. Und jeder im Publikum kann wiederum durch meine Interpretation angeregt werden, sich sein eigenes Bild zu machen, sich eine Inszenierung vorzustellen.

Mit unterschiedlichen Klavierpartnern treten Sie auf, den Balladen-Abend in Ulm gestalten Sie mit Daniel Heide, mit dem Sie auch Schuberts Lied-Zyklus „Die schöne Müllerin“ für das Label Alpha auf CD aufgenommen haben – ausgezeichnet auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik. Was schätzen Sie an Heide besonders?

Er hat ein unglaublich aufmerksames Ohr. Und einen enormen Erfahrungsschatz, weil er mit zahlreichen Sängerinnen und Sängern gearbeitet hat. Zum anderen verstehen wir uns wahnsinnig gut, ich kann mich hundertprozentig auf ihn verlassen, wir agieren auf der gleichen Wellenlänge. Auch bei neuen Stücken braucht’s selten große Proben, eine Aussprache, Daniel und ich haben dasselbe musikalische Grundgefühl.

Die Kritiker der „Opernwelt“ wählten sie zum „Nachwuchssänger des Jahres“. Sie werden offenbar gut aufgebaut als Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper?

Ja, ich bin sehr happy darüber, ich kann viel ausprobieren, laufe nicht Gefahr, in zu großen Rollen die Stimme zu überfordern. Mit Tobias Truniger, der das Opernstudio leitet, habe ich einen Coach, der mir sehr gut ein Feedback geben kann, mir sagt, woran beim Klang geschraubt werden muss. Der Harlekin in „Ariadne auf Naxos“ war eine dankbare Einstiegspartie, dann kamen große Mozart-Partien, ich bin immer noch positiv überrascht über die Akustik des Münchner Nationaltheaters: Es ist ein angenehmes Singen. Jetzt mache ich den ersten Schritt ins Belcanto-Fach, übernehme den Belcore in Donizettis „Liebestrank“.

Werden Sie in München bleiben?

Sesshaft auf jeden Fall. Man kann von München aus gut ausschwärmen. Aber mal sehen, was von der Bayerischen Staatsoper an Angeboten kommt. Ich bin ja auch im Lied- und Konzertfach sehr gut unterwegs, es könnte sich auch mit Gastverträgen ausgehen, freischaffend.

Was sind Ihre nächsten Ziele?

Ich bin ungemein dankbar darüber, was ich jetzt schon machen darf. In der Zukunft? Natürlich kann ich mir vorstellen, einen Wolfram im „Tannhäuser“ zu singen, wenn sich die Stimme dahin entwickelt. Ich hoffe, dass mir die Vielseitigkeit, ein Repertoire vom Barock bis zur Moderne, so lange wie möglich erhalten bleibt. Im März gehe ich mit Philipp Herreweghe und dem Collegium Vocale Gent auf Tour, mit der Matthäuspassion von Bach – grandiose Musiker, ein grandioses Werk – eine Erfüllung!

Schlagzeilen haben Sie auch gemacht, weil sie mit der Pianistin Hélène Grimaud, einem Superstar der Klassik, zusammenarbeiteten, die „Silent Songs“ des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov aufnahmen.

Die Anfrage kam überraschend, ich musste die E-Mail dreimal lesen, um das Angebot zu begreifen. Hélène ist ein bezaubernder Mensch und eine grandiose Musikerin, ich freue mich auch sehr, dass wir ein paar Liederabende geben, so hat sich der Aufwand gelohnt: Es war stressig, ich habe eineinhalb Monate lang Russisch gelernt für zwölf Lieder, mir die Phonetik draufgepackt! (lacht).

Erinnern Sie sich noch, als Sie 2015 den Ulmer Förderpreis erhielten?

Ja natürlich, aber mir war überhaupt nicht klar, wie das alles weitergehen würde. Ich muss mich heute immer mal wieder kneifen, dass ich tatsächlich auf der Bühne der Münchner Staatsoper stehen und singen darf. Oder an besonderen Orten mit Liederabenden, in Konzerten auftrete. Das erscheint mir manchmal immer noch surreal.

Konstantin Krimmel gibt am Mittwoch, 24. Januar, 20 Uhr, einen Liederabend im Ulmer Stadthaus, zusammen mit dem Pianisten Daniel Heide. Auf dem Programm stehen Balladen von Carl Loewe und Franz Schubert. Es gibt nur noch wenige Tickets: ServiceCenter Neue Mitte,  Reservix und swp.de/ticketshop.