Draußen tobt der kommerzielle Vorweihnachtswahnsinn, Menschenmassen ziehen durch die Münchner Innenstadt am Samstag vor dem 2. Advent. Aber wer denkt schon daran, dass am Heiligen Abend dann Jesus Christus auf die Welt kommt, um die Menschen retten? Drinnen im Nationaltheater geht‘s auch um Erlösung, aber eher österlich. Der Einzug des Heilands in Jerusalem – nicht auf einem Esel zwar, aber auch nicht auf einem Schwan. Und natürlich nicht in Jerusalem, denn wir sind in der Bayerischen Staatsoper, in der Premiere von Richard Wagners „Lohengrin“.
Aber es sieht alles zumindest sehr nach Oberammergau aus. Besser gesagt: nach der Probe einer großen Laienspielschar nicht im Festspielhaus, sondern in einer weißen, schmucklosen Mehrzweckhalle, in der eine grün paradiesische Bühne aufgebaut ist mit zwei Bäumen und einer Wasserstelle. Kostüme werde keine getragen, sondern helle oder graue Hosen und Sweatshirts. Jetzt könnte gleich Spielleiter Christian Stückl kommen und eine Ansprache halten, aber das hier ist die Inszenierung des Ungarn Kornél Mundruczó und keine Passion.

Zum „Führer“ ernannt

„Lohengrin“ also: Die 1850 uraufgeführte Oper handelt von romantische Liebe und ist ein mittelalterlicher Krimi; es geht um eine Machtfrage, um eine Regierungskrise, um einen Erbfolgestreit. Der von seiner fiesen Gattin Ortrud angetriebene Telramund klagt die arme Elsa von Brabant an, ihren Bruder Gottfried umgebracht zu haben, den Thronfolger. Doch Elsa wird wundersam verteidigt von einem überirdischen Ritter, Lohengrin. Allerdings darf sie nicht nach dem Namen des Erlösers fragen. Sie tut es trotzdem. Damit ist die Liebe kaputt und sofort die Ehe, Elsa gleitet dann „langsam entseelt“ zu Boden. Aber immerhin ist das Land gerettet, denn das Kind Gottfried taucht jetzt wieder auf, und Lohengrin verkündet: „Zum Führer sei er euch ernannt!“
Ein sehr deutscher Spruch, weshalb der „Lohengrin“ mit seiner so übersinnlich schönen Musik auch eine unheilvolle Nazi-Vergangenheit hat, immer auch gegen eine politische Missbrauchsgeschichte ankämpfen muss. Und heutzutage gruselt’s einen zudem, wenn König Heinrich militärisch die Untertanen auffordert: „Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen,/ dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich.“

Ein Spiel, eine Probe

Regisseur Mundruczó hat sich sicher sehr viele Gedanken gemacht über den „Lohengrin“, und weil er die Musik so grandios findet, filtert er alles vordergründig Politische weg. Jedenfalls ist alles nur ein (Gesellschafts-)Spiel. Eine Probe. Ein Versuch in einem Theaterlaboratorium. Einen Erlöser? Gibt‘s natürlich nicht, aber einer muss die Rolle des Lohengrin trotzdem übernehmen. Wer traut sich? Ein paar treten nach vorne, nee, die haben das nicht drauf. Endlich zeigen alle auf den Vogt Klaus Florian, den echten Klaus Florian Vogt. Der kann das traumhaft, der hat ja auch zum Beispiel im Sommer in Bayreuth seine Fangemeinde beglückt: noch immer eine engelsgleich knabenunschuldige Stimme und eine trompetenhafte Attacke.
Im Ernst: Unter der Prämisse, dass der „Lohengrin“ unser aller Problem ist, wir alle mitspielen, dass alle Rollen aus dem Volk besetzt werden, wir damit Teil dieser Geschichte sind und wir uns fragen müssen, wo wir stehen und wir wir uns verhalten sollen, läuft Wagners Oper dann absolut konventionell in dieser Inszenierung ab. Lohengrin darf sogar vom „Führer“ singen - in Bayreuth wurde das Wort durch „Schützer“ ersetzt, was für Aufregung gesorgt hatte. Und das Kind Gottfried tritt am Ende auch leibhaftig auf: allerdings ziemlich ratlos, weil der (bestechend gut agierende) Chor am Boden liegt und keiner weiß, wie es nun weitergehen soll.

Musikalische Droge

Kein großer Erkenntnisgewinn an der Bayerischen Staatsoper, aber man macht den „Lohengrin“ halt wegen der Musik: Die ist tatsächlich „Suchtstoff“. Am Dirigentenpult: der feinnervige wie zupackende Franzose François-Xavier Roth, Generalmusikdirektor in Köln und designierter Chef des SWR Symphonieorchesters in Stuttgart. Herrliche Klänge und elegant ausgebreitete Melodien, Legato-Kultur, innige Übergänge, eine durchaus moderne Romantik; und die brachialen Bläserfanfaren am Schluss als Raummusik aus dem Halbrund des Nationaltheaters.
Dabei diente das Bayerische Staatsorchester dem erstklassischen Ensemble: Andrè Schuen als Heerrufer, Mika Kares als König Heinrich, Anja Kampe als eine mächtig bös dramatische Ortrud, Johan Reuter als verzweifelt den Ankläger, Rivalen und Geächteten geben müssenden Telramund. Großartig: die Südafrikanerin Johanni van Oostrum, eine kostbar jung und farbenreich tönende Sopranstimme als Elsa. Sie ist die Figur in diesem Spiel, die entscheidend fragen muss, die aber auch in so vielen emotionalen Lagen die Antworten gibt.
Eine schwarze Wolke, ein unheilvoller Stein, vielleicht ein Meteorit, hängt am Ende drohend über der Bühne (Monika Pormale). Und Elsa ist darin in den Himmel aufgefahren, heilig offenbar wie die Wagner-Kollegin Elisabeth aus dem „Tannhäuser“.

Bejubelt: Der Dirigent François-Xavier Roth

Der in Paris geborene Dirigent François-Xavier Roth leitet mit dem „Lohengrin“ erstmals eine Opernproduktion im Münchner Nationaltheater. Der 51-jährige Franzose amtiert seit 2015 als Generalmusikdirektor in Köln und wird in der Saison 2025/2026 als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters nach Stuttgart gehen, als Nachfolger von Teodor Currentzis.