„klassisch!“ im Stadthaus Ulm: Konstantin Krimmel und die ganz großen Dramen

Ein begeisternder Liederabend im Ulmer Stadthaus in der Reihe „klassissch!“: Bariton Konstantin Krimmel (links) und Pianist Ammiel Bushakevitz.
Volkmar KönnekeMan nannte ihn den „pommerschen Balladenkönig“, obwohl er aus Sachsen stammt. Den „Schubert des Nordens“, weil er lebenslang in Stettin wirkte. Und einen „romantischen Barden“: Carl Loewe (1796-1869). Heute könnte er auch als Singer-Songwriter durchgehen: Denn in Konzerten sang der Komponist seine Lieder selbst – und war sein eigener Klavierbegleiter.
Das wäre jetzt am Mittwochabend im ausverkauften Stadthaus vielleicht ganz praktisch gewesen, denn beim Liederabend von Konstantin Krimmel in der Reihe „klassisch!“ war der Pianist Daniel Heide wegen Grippe akut ausgefallen.
Nein, im Ernst: Krimmel organisierte über Nacht großartigen Ersatz, Ammiel Bushakevitz stieg morgens in Berlin in den Flieger, der Bariton holte ihn mit dem Auto in München ab. Eigentlich auch schon wieder eine Geschichte für eine Ballade.
Bushakevitz, 37, in Jerusalem geboren, probt übrigens in der Hauptstadt gerade mit Samuel Hasselhorn, mit dem er am Sonntag im Boulez-Saal auftritt. Der Bariton war 2018 auch einmal Gast der „klassisch!“-Reihe gewesen – und Bushakevitz wiederum kennt Ulm, weil er nicht zuletzt für Günter Hänssler eine CD mit Schuberts „Impromptus“ in dessen Label Hänssler Classic veröffentlichte.
Im Sommer ein Debüt bei den Salzburger Festspielen
Konstantin Krimmel wiederum muss man in Ulm nicht vorstellen, bei den St. Georgs-Chorknaben sang er, am Humboldt-Gymnasium machte er Abitur, er war Stipendiat des Richard-Wagner-Verbands – verschiedene Fangruppen saßen im Stadthaus-Publikum.
Aber er ist schon lange kein lokales Ereignis mehr, sondern ein internationales. Als Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper trumpft er auf, als preisgekrönter Liedsänger, mit seinen CDs. In diesem Sommer debütiert er bei den Salzburger Festspielen als Olivier in der Oper „Capriccio“: Christian Thielemann, Dirigent der Wiener Philharmoniker, engagierte ihn nach einem Vorsingen.
Kein Wunder, Krimmel, erst 31, ist ein Ausdruckskünstler mit einer phänomenalen Textverständlichkeit alter Schule. Die Stimme: technisch perfekt, ein völlig müheloser Ansatz, ein melodisches Fließen, ein gestalterisches Riesenrepertoire – mit einem Timbre zwischen voluminös einschüchternd heldisch bis sanft und warm wohlklingend. Und er ist ein Darsteller. Große, seelenvolle Geschichten auch abseits der Opernbühne: rein musikalisch-imaginär im Liederabend.
Das zeigte er schon im ersten Teil seines Programms, Carl Loewe gewidmet. Zupackend, rustikal, antreibend Ammiel Bushakevitz am Klavier – und Krimmel mitten in lyrischen Dramen, als Erzähler, in den Rollen der Protagonisten. Von „Tom der Reimer“ und „Herr Oluf“ bis zu „Archibald Douglas“ – der Ballade des jungen Theodor Fontane (1854) über die Liebe eines verbannten schottischen Grafen zu seiner Heimat: „Ich hab’ es getragen sieben Jahr/ Und ich kann es nicht tragen mehr,/ Wo immer die Welt am schönsten war,/ Da war sie öd’ und leer.“
Dramatischer Prometheus
Pausengespräch unter Opernenthusiasten: Meine Güte, was könnte dieser Bariton für eine Zukunft habe, größte Partien an größten Häusern singen! Danach ging’s im zweiten Teil „noch mehr in den Abgrund“, wie Krimmel dem Publikum launig erklärte: die dunklen Seiten des Lebens, Einsamkeit, die Dichter in früheren Zeiten hätten immer viel mit dem Tod zu tun gehabt. Die drei „Harfenspieler“-Lieder nach Goethe von Hugo Wolf: spätromantisch reflektiert, mit einer brutalen Deutlichkeit auch: „Denn alle Schuld rächt sich auf Erden“.
Schließlich Lieder von Franz Schubert, in allen Farben und Gefühlslagen, „An den Mond“ oder auch „Gruppe aus dem Tartarus“. Aber sensationell der „Prometheus“ aus Goethes Sturm-und-Drang-Aggressivität: „Bedecke deinen Himmel, Zeus,/ Mit Wolkendunst“. Wie da ein junges Ich in die Welt tritt, äußerst menschlich aufbegehrt, mit aller Wut und Verachtung die Konventionen sprengt. „Ich kenn nicht’s Ärmer’s/ Unter der Sonn‘ als euch Götter.“ Mit einer unerhörten expressiven Kraft deklamierte und sang Krimmel, jede Silbe auch ein musikalisches Schauspiel. Unvergesslich. Und zuletzt, galoppierend mitreißend: „Willkommen und Abschied“.
Es war aber noch nicht vorbei. Jubel im Stadthaus wie im Popkonzert von 350 Zuhörerinnen und Zuhörern. Ovationen, stehend. Als Zugaben: noch einmal Loewe, „Die Uhr“ als eine Reverenz an Hermann Prey, die abgelaufene Zeit der gutbürgerlichen Liederabendkultur. Und noch ein Drama, auch im Finale kein leises Ständchen: Robert Schumanns „Belsatzar“, nach der Ballade Heinrich Heines von 1820. „Die Mitternacht zog näher schon . . .“ Es war Viertel nach zehn, als Krimmel und Bushakevitz dann noch CDs signierten.
Apropos: Die beiden kommen im Herbst mit einem Heine-Abend wieder nach Ulm, und dann ist auch Krimmels Ehefrau Maren Ulrich dabei, die man als Moderatorin bei BR-Klassik kennt. „Schöne Wiege meiner Leiden“ heißt der Abend mit Liedern nach Gedichten von Heinrich Heine. Das Programm – auch mit „Belsatzar“ – führen sie auch am 2. Oktober bei der Schubertiade in Hohenems auf – und am 5. Oktober in der Pauluskirche.
Die nächsten Konzerte
Wie geht es weiter in der Reihe „klassisch!“? Seit dem Gewinn des Deutschen Musikwettbewerbs 2021 startet das Trio E.T.A. durch. Auch auf seiner Debüt-CD überzeugt das junge Klaviertrio, das der Südwestrundfunk zum „SWR2 New Talent 2023“ gewählt hat: Im Stadthaus spielen sie am 20. März, 20 Uhr, Werke von Joseph Haydn, Isang Yun, Edvard Grieg und Bedrich Smetana. Und das Saisonfinale: Schon in der ersten „klassisch!“-Saison 2013/2014 war das Nightingale String Quartet zu Gast und begeisterte das Publikum im Stadthaus – die Däninnen kehren nun zurück, für ein Konzert am 24. April, 20 Uhr. Natürlich werden sie wieder ein Stück aus ihrem Land mitbringen, ein Streichquartett von Vagn Holmboe. Und überhaupt erklingt ein nordisches Programm, auch mit Werken von Edvard Grieg und Carls Nielsen. Tickets im ServiceCenter Neue Mitte, an allen Reservix-Vorverkaufsstellen und unter www.swp.de/ticketshop

