Interview Kugelstoßerin Lena Urbaniak: "Ich lebe meinen Sport"

Lena Urbaniak bei der DM 2014 in Ulm in Jubelpose. Bei den Titelkämpfen wird sie Zweite, im Jahr drauf wiederholt sie in Nürnberg diesen Erfolg.
Lena Urbaniak bei der DM 2014 in Ulm in Jubelpose. Bei den Titelkämpfen wird sie Zweite, im Jahr drauf wiederholt sie in Nürnberg diesen Erfolg. © Foto: Volkmar Könneke
Böhmenkirch / JOCHEN WEIS 31.12.2015
In Deutschland ist Lena Urbaniak mit 23 Jahren schon die Nummer zwei unter den Kugelstoßerinnen. Doch ihre Ambitionen reichen viel weiter. Im Interview erzählt sie über ihr Leben als Top-Athletin.

Wir stehen kurz vor dem Jahresende. War 2015 ein gutes oder ein schlechtes Jahr?

LENA URBANIAK: Es war ein super Jahr. Es hat angefangen mit dem deutschen Meistertitel in der Halle, dann kam Platz zwei draußen - und die Kirsche obendrauf war die Goldmedaille bei der Universiade in Gwangju mit persönlicher Bestleistung von 18 Meter. Es hätte nicht besser sein können.

Sie sind längst über den Status hinaus, international nur mal anzuklopfen. Was muss ein Athlet mitbringen, um in diese Sphären vorzustoßen?

Viel Durchhaltevermögen, viel Ehrgeiz und klare Ziele vor Augen. Erst nehme ich mir zum Beispiel vor, ich will zur EM. Habe ich das geschafft, nehme ich mir vor, nicht nur dabei zu sein, sondern richtig mitzumischen und so weiter. Wichtig ist, dass man sich Schritt für Schritt entwickelt. Mein Trainer hat mal gesagt, wenn du 18 Meter schaffst, bist du eine wahre Kugelstoßerin. Das habe ich mir dann als Ziel gesetzt - und geschafft. Nun ist mein nächstes Ziel Rio. Es wird sicher ein harter Weg dorthin. Aber das ist mein Job.

Wie schätzen Sie den Stellenwert Ihrer Sportart ein? Immerhin sind zwei Leichtathleten Deutschlands Sportler des Jahres, darunter Kugelstoß-Weltmeisterin Christina Schwanitz, ihre große Kontrahentin.

Ich fand es ja erstaunlich, dass bei den Sportlerinnen vier Leichtathletinnen unter den besten Zehn sind. Die Leichtathletik hat schon ihre Stars, die glänzen können. Aber König Fußball stellt eben alles weit in den Schatten. Bei der Leichtathletik kommen erschwerend die jüngsten Doping-Skandale, der Ausschluss Russlands von internationalen Wettbewerben und der Korruptions-Skandal beim Weltverband IAAF dazu. Natürlich: Schlechte Presse ist auch Presse. Aber es wäre positiver, wenn wir aufgrund von tollen Leistungen wieder mehr mediales Interesse wecken könnten. Die Leichtathletik ist schon etwas zur Randsportart verkommen.

Ärgert Sie dieses Ungleichgewicht im Sport? Im Fußball lässt es sich schon als mittelmäßiger Profi ganz gut leben, in der Leichtathletik schaffen das nur die absoluten Top-Athleten, der Rest strampelt hinterher.

Ich habe höchsten Respekt davor, wenn es ein Fußballer geschafft hat, sich in der Bundesliga durchzusetzen. Aber die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht. Die Leistung eines Leichtathleten, der pro Woche zehn bis 14 Einheiten absolviert, wird einfach nicht so honoriert wie die Leistung eines Fußballers, der sicher ebenfalls hart trainiert, um oben anzukommen. Dabei geht es nicht nur ums Geld, sondern ebenso um die Wertschätzung. Nur: Es bringt einfach nichts, sich darüber zu ärgern. Ich hätte mich ja genauso gut für eine akademische Karriere entscheiden können. Aber ich mache meinen Sport aus Leidenschaft, ich stehe zu meiner Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Darum muss man schauen, aus der eigenen Situation das Beste zu machen und aus der Masse herauszustechen.

Sie hatten eben schon das Thema Doping als Grund für Imageprobleme der Leichtathletik angerissen. War der Schritt, Doping in Deutschland auch strafrechtlich zu verfolgen, längst überfällig?

Ich denke, dass mit dem Anti-Doping-Gesetz diesem ganzen Doping-Sumpf, wie er in Russland aufgearbeitet wurde, entgegengewirkt wird. Natürlich würde ich mir wünschen, dass international die gleichen rechtlichen Verhältnisse herrschen. In Deutschland ist das Kontroll-System so weit fortgeschritten und systematisiert, dass Doping eigentlich kein großes Thema mehr ist. Das Gesetz war sicher ein krasser Schritt - wobei ich es schade finde, dass so ein Gesetz überhaupt notwendig ist - aber es ist hoffentlich ein Zeichen für den internationalen Sport, dass es irgendwann gleiche Standards und gleiche Gesetze gibt, die Sportler davon abhalten, zu illegalen Mitteln zu greifen.

Sport lebt von einer breiten Basis. Welche Bedeutung hat für Sie die Arbeit der Vereine landauf, landab? Sie sind ja als Spitzensportlerin der TG Geislingen und damit ihren Wurzeln treu geblieben.

Die Vereine leisten eine unglaublich wertvolle Arbeit. Sie vermitteln Werte, sie vermitteln das Miteinander, sie vermitteln gegenseitige Rücksichtnahme - Dinge, die weit über den Sport als reine körperliche Betätigung hinausgehen und enorm wichtig für die persönliche Entwicklung der Menschen sind.

Nicht zu vergessen die integrative Arbeit, die dort stattfindet. . .

Auf jeden Fall. Im Sport hat jeder die gleichen Möglichkeiten - egal welcher Herkunft jemand ist, egal ob jemand aus einer wohlhabenden oder einer armen Familie kommt, der Sport gibt jedem die Möglichkeit, sich persönlich zu entwickeln und sich zu bewähren. Der Sport gibt da keine Grenzen vor. In unserer Trainingsgruppe legen wir zum Beispiel großen Wert auf die Einbindung behinderter Menschen.

Hätten die kleinen Vereine da nicht etwas mehr Beachtung verdient? Im Rampenlicht stehen wenn, dann nur die großen Clubs mit ihren Profi-Sparten und Top-Athleten.

Man muss ganz klar sagen: In kleinen Vereinen wird genauso hart gearbeitet wie in den großen. Die Großen haben eben oft viel bessere finanzielle Möglichkeiten, weil sie ein großes Einzugsgebiet haben und eben auch der Fokus der Medien auf ihnen liegt. Die Stärke der Kleinen liegt in der Arbeit an der Basis, an der Vielfältigkeit - und sie entdecken, entwickeln und liefern ja die Sportler für die großen Clubs. Ja, darum hätten die Kleinen viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Gibt es eigentlich bei einer Lena Urbaniak in schwachen Stunden mal den Wunsch, das Leben der anderen zu leben - ohne Leistungsdruck, ohne 24 Stunden am Tag nur für den Sport da sein zu müssen?

Keine Frage, ich lebe meinen Sport. Natürlich ist es so, dass ich dafür vieles hintan stelle. Ich kann nicht zweimal im Jahr in den Urlaub gehen ohne Probleme, ich kann nicht einfach mal am Wochenende sagen, lasst mich doch einfach in Ruhe, man hat da seine Wettkämpfe. Aber ich möchte dieses Leben, das ich führe, nicht missen. Es ist schon großartig, wenn man in der Welt rumkommt, wenn man sagen kann, vergangene Woche war ich in Finnland, diese Woche bin ich in Schweden, in den folgenden Wochen dann in Korea, Spanien und Portugal. Aber man muss der Typ für dieses Leben sein. Man hat als Spitzensportler zwar ein kleineres soziales Umfeld als andere. Aber man weiß, dass diese Leute hinter einem stehen, wenn es drauf ankommt.

Was haben wir 2016 denn von Ihnen zu erwarten? Ihr großes Ziel Rio kennen wir ja. Und Sie sagten, der Weg dorthin wird hart.

Ich habe mir für 2016 vorgenommen, dass ich meine persönliche Bestleistung steigere. Man hat es ja bei der DM gesehen, dass an einer Christina Schwanitz noch kein Weg vorbei führt. Mit dem Ganzen verbunden ist die eventuelle Teilnahme an Hallenweltmeisterschaften. Die Europameisterschaften sind für mich ein klares Ziel, bei denen ich auch eingreifen möchte. Und sollte es mit den 18,40 Meter klappen, der Olympia-Norm, dann will ich selbstverständlich nach Rio. Ich arbeite hart an mir - und ich hoffe, dass sich diese harte Arbeit ausbezahlt.

Wären Sie da schlimmstenfalls sogar mit Bronze in Rio zufrieden?

Na klar, dann gebe ich sogar einen aus. Aber im Ernst: Bei Olympischen Spielen ist es gigantisch, überhaupt mal dabei gewesen zu sein.

Nur Christina Schwanitz ist noch vor ihr

Sportler: Maximilian Oswald (21) und Lena Urbaniak (23) sind die sportlichen Aushängeschilder der Region: Beide sind die sportlichen Ziehkinder der TG Geislingen, beide haben gute Chancen, den Sprung nach Rio zur Olympiade zu schaffen. Im Interview sprechen sie über ihr Leben als Spitzensportler. Im zweiten Interview kommt Kugelstoßerin Lena Urbaniak zu Wort. Die Sportsoldatin aus Böhmenkirch startet für die LG Filstal, zu der die TG gehört, trainiert in Stuttgart bei Landestrainer Peter Salzer und studiert an der Hochschule Ansbach Management. Schon im Juniorenbereich kam sie national wie international zu Siegen und Top-Platzierungen. Mit ihrem zweiten Platz bei der DM hinter Christina Schwanitz etablierte sie sich in diesem Jahr endgültig in der nationalen Spitze. Mit Gold bei der Universiade machte sie deutlich, auch international für Furore sorgen zu wollen.

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