Eine Untersuchung der Universität München mit der kalifornischen RAND Corporation in Santa Monica hat herausgefunden, dass sich Langzeitfolgen des Krieges heute noch messen lassen. Denn wer als Kind den Krieg miterlebt hat, leidet danach im Alter statistisch gesehen häufiger an Diabetes, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen als gleichaltrige Zeitgenossen, die in Ländern wie Schweden oder der Schweiz aufgewachsen sind.

Anders Hannelore M. aus Königsberg. Im Januar 1945 erlebte sie wie hnderttausende Ostpreußen als Fünfjährige die Flucht über das Frische Haff. Bei Eiseskälte. Sie erinnert sich: "Erst wurde unser Treck von der Roten Armee bombardiert. Meiner Familie ist nichts passiert. Aber eine Bombe traf das Eis. Und direkt hinter uns ist ein Fuhrwerk ins Haff eingebrochen. Darin saßen Nachbarn. Keiner von ihnen hat überlebt. Es war ganz schrecklich."

Seit kurzem ist die 75-Jährige in psychologischer Behandlung. Wegen Depressionen. "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Erlebnisse der Flucht die Ursache dafür sind", sagt Hannelore M.

Die Katastrophe wirkt nach, wie Joachim Winter, Professor für empirische Wirtschaftsforschung von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) bestätigt: "Und zwar nicht nur in der kollektiven Erinnerung, sondern ganz individuell in der physischen und mentalen Gesundheit des Einzelnen." Fragen nach Schlafstörungen, Schuldgefühlen oder Erschöpfungszuständen wurden von den Menschen, die den Zweiten Weltkrieg und die Hitler-Diktatur erlebten, signifikant eher bejaht. Besonders auffällig waren diese Symptome bei Angehörigen der Mittelschicht, obwohl alle sozialen Schichten von den Auswirkungen betroffen waren.

Der Kasseler Psychiater, Psychoanalytiker und Altersforscher Hartmut Radebold (79) beschreibt die Jahrgänge 1929 bis 1947 als Kriegskinder. Nach seiner Einschätzung hatten 40 Prozent keine traumatisierenden Erlebnisse, 30 Prozent gelegentlich belastende und weitere 30 Prozent ausgeprägt traumatisierende Erlebnisse.

Die Zahlen dazu: In der Nachkriegszeit gab es in Deutschland fast 2,5 Millionen Halb- und etwa 100.000 Vollwaisen. Ein Viertel aller Kinder wuchs auf Dauer ohne Vater auf. Unter den Vertriebenen fanden sich allein mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche. Davon hatten 1,6 Millionen die Eltern oder einen Elternteil verloren. Zahlreiche Kinder waren auf der Flucht alleine unterwegs. Schätzungsweise 1,9 Millionen Frauen und Mädchen wurden in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, während der Flucht oder Vertreibung sowie in der späteren sowjetischen Besatzungszone vergewaltigt. Dazu kamen Vergewaltigungen in den Besatzungszonen der westlichen Alliierten. Etwa 20 Prozent der vergewaltigten Frauen wurden schwanger, davon trieben etwa 90 Prozent ab.

"Der Zweite Weltkrieg hat selbst Einfluss auf heutige Lebensverhältnisse der Betroffenen", stellt Joachim Winter fest. "Diese Menschen haben weniger Schulbildung, weil Schulgebäude zerstört waren und Lehrer fehlten. Frauen sind oder waren seltener verheiratet, weil potenzielle Ehekandidaten im Krieg gefallen sind. Insgesamt zeigt die Gruppe mit Kriegserfahrung eine geringere Lebenszufriedenheit. Zudem schätzt sie ihren eigenen Gesundheitszustand schlechter ein als die Vergleichsgruppe.

Die frühe Kindheit rückt immer mehr in den Fokus der Forscher. Als Konsequenz aus den historischen Erkenntnissen fasst Winter Forderungen für die Gegenwart zusammen: "Man kann ohne Zweifel sagen, dass für ein gutes Leben gerade die Jüngsten früh unterstützt und gefördert werden müssen."

Leitartikel von Axel Habermehl: Flüchtiges Wissen

Die Erinnerung rollt in Wellen heran, und zur Zeit herrscht wieder mal Flut. Aus Griechenland hört man Forderungen nach Milliardenentschädigungen für Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges. In einem Lüneburger Gericht prallen greise Auschwitz-Überlebende auf einen alten Mann, der damals an der Rampe stand. Ein Treffen, das die Unvorstellbarkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung so direkt, so nah erfahrbar macht wie lange nichts. Und heute heben das Land und seine Repräsentanten an zu wohlgeübten Erinnerungsritualen anlässlich des 70. Jahrestags des Kriegsendes.

Die Geschichte des Gedenkens an den 8. Mai 1945 ist die Geschichte zersplitterter Erinnerung: Als totalen Sieg erlebten den Tag die Einen - als bedingungslose Kapitulation die Anderen. Als Befreiung die Unterjochten - als Niederlage die Täter. Den Verfolgten brachte der Tag endlich Frieden - etlichen Osteuropäern erneute Besatzung. Einigen KZ-Opfern und Zwangsarbeitern boten sich Auswege - anderen war der Heimweg versperrt, wieder andere waren mit Flucht und Vertreibung konfrontiert. Der 8. Mai ist immer Ende und Anfang.

Welche Deutung vorherrschte, unterschied sich von Land zu Land, von Mensch zu Mensch und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. In der frühen Nachkriegsrepublik herrschte erstmal Grabesstille. Später pflegte man den deutschen Opfermythos vom verführten Volk, das bitter bezahlt habe. In den 60er Jahren begannen langsam schmerzhafte öffentliche Auseinandersetzungen um den Nationalsozialismus. Sie vertieften sich in den 70ern, aber erst in den 80er Jahren sehen Historiker die entscheidende "Gedenkzäsur", die ihren rhetorischen Niederschlag in der Rede des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag 1985 fand.

Diese Rede ("Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung"), gehalten gut eine Generation danach, ist das erinnerungskulturelle Schlüsselereignis der Bundesrepublik. Denn, um es mit dem Historiker Andreas Wirsching zu sagen: "Erst die Akzeptanz von Schuld und Verantwortung, also der unverstellte Blick auf die schuldhaften Anteile ihrer Vorgeschichte, demokratisierte die politische Kultur der Bundesrepublik." Wohlgemerkt: 40 Jahre danach.

Inzwischen sind nochmal 30 Jahre vergangen. NS- und Weltkriegsforschung haben weitergearbeitet, ganze Regalmeter sind zur Aufarbeitungsbibliothek hinzugekommen. Zugleich aber spielt das Thema für junge Menschen eine immer geringere Rolle, und laut einer neuen Studie wünscht sich gut die Hälfte der Deutschen einen "Schlussstrich". Dieser Wunsch auf Verdrängung, der seit 70 Jahren immer da ist, wird weiterleben, zugleich aber sterben die letzten Zeugen, die aus der Kraft des eigenen Erlebens heraus widersprechen können. Und die, die noch leben, waren damals sehr jung.

Das Sterben der Zeugen reißt ein Loch in die Erinnerung, in das Wissen vom Gewesenen und die persönliche Auseinandersetzung damit. Authentische Schilderung ist eine Erfahrungsdimension, die als unmittelbarer Zugang zu Geschichte unersetzbar ist. Schüler kommender Generationen werden ohne diesen Zugang auskommen müssen, ohne Überlebende, ohne Großeltern, die aus erster Hand erzählen.

Das verändert den Zugang junger Menschen zur Geschichte und deshalb muss man an diesem 8. Mai zur Eile mahnen: Die heute jung sind, müssen jetzt fragen, solange noch Menschen leben, die antworten können. Und die damals jung waren, müssen antworten, solange sie noch können.

Das Sterben der Zeugen reißt ein Loch in die Erinnerung.

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